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Die dritte Platte! Mythenumrankter Beleg der Selbstfindung! Wer´s bis zur dritten Platte nicht geschafft hat, der schafft´s nie, u.s.w., bla bla, abergläubische BWL-Weisheiten, die einen Künstler nicht scheren dürfen, eine Künstlergruppe erst recht nicht. FREIBURG aus Gütersloh besinnen sich auf ihre Wurzeln und machen damit einen Schritt nach vorn! „Brief & Siegel“ überzeugt durch Kompromisslosigkeit und Refrains und dauert noch nicht einmal eine halbe Stunde: aber die hat´s in sich! Sänger/Bassist Jonas gab mir per Skype ein umfangreiches Interview. / Marko Fellmann

Womit hat das alles angefangen? Welcher war der erste „Brief & Siegel“-Song, den ihr geschrieben habt?

Das war glaub ich „Spaten“, den hatten wir bereits bei dem 15-Jahre-TURBOSTAAT-Abend gespielt. Also, für uns war schon klar, dass wir jetzt irgendwann mal was Neues veröffentlichen sollten, genug Songs hatten wir ja, die hatten wir auch schon Live gespielt, aber irgendwie trödelten wir so vor uns her. Und dann trafen wir zufällig Chris von This Charming Man und der meinte so: „Hey Jungs, was ist denn jetzt? Wollt ihr noch mal was Neues machen oder was ist da los?“ Und wir so: „Ja, klar!“, „Ja, doch!“, „Ja, auf jeden Fall!“. Wir hatten vor lauter Konzerte spielen gar nicht mehr daran gedacht, an einem neuen Album zu arbeiten, sondern haben so vor uns hin gedöst. Wir haben da einfach überhaupt gar keinen Masterplan… Ja… Und dann fing das halt an, dass wir uns konzentrierter zusammengesetzt haben und diese Platte entwickelt haben. Bei der letzten Platte „Aufbruch“ war es vor allem zeitlich für uns schwieriger, weil gefühlt zwei Tage nach dem Recording schon das Mastering dran war, wir uns kurz vorher erst auf ein Artwork einigen mussten, um dann auch zackig den Kram zum Presswerk zu schicken. Diesmal haben wir uns mehr Zeit gelassen das Album zu entwickeln. Weißt du: Typisch für FREIBURG ist eine gewisse Schludrigkeit verbunden mit einer gewissen Last-Minute-Mentalität: da bin ich zumeist der Hauptschuldige, da quäle ich mich mein ganzes Leben lang schon durch, he he…

Brief & Siegel“ hat eine brachiale Härte, gepaart mit melodischen Refrains. Überhaupt haben die Refrains ein Mitsingpotential, dass man zuletzt bei „Aufbruch“ vermisst hat. „Aufbruch“ hatte prinzipiell eine düstere und depressive Stimmung. Die aktuellen Texte sind nicht hoffnungsfroher, aber werden musikalisch zugänglicher verpackt. Siehst du das auch so, oder wo sind für dich die Unterschiede?

Stimmt schon, das haben wir ja auch an den Publikumsreaktionen gemerkt. Aber es ist nicht so, dass wir für die neue Platte bewusst melodische Refrains geschrieben haben, sondern das hat sich einfach so entwickelt. Wir haben einfach nur das zugelassen, was uns glücklich macht und mit dem wir uns wohl fühlen. Das einzige, dass wir bewusst im Ausdruck geändert haben ist, das wir jetzt auch explizit politische Themen rein bringen. Wir haben uns viel Zeit bei der Entwicklung der Arrangements gelassen und es ist einfach so, dass wir uns im musikalischen wieder mehr im Hardcore/Screamo/Emo wiedergefunden haben, also weg vom Punk der „Aufbruch“-Phase.

Ihr habt mit „Kanüle Abwärts“ und „Tote Herzen“ zwei eindeutig politische Songs geschrieben!?

Kanüle Abwärts“ singt Tom, der es auch geschrieben hat, dasselbe gilt übrigens für „Große Träume, wa“. Zu „Tote Herzen“ kann ich allerdings sagen: ich mag unglaublich gerne plakativen Punk mit einer stumpfen und einfachen Aussage. Aber schreiben kann ich so was leider nicht! Übrigens ist der Text ja sogar noch vor dem ganzen Pegida-Wahnsinn entstanden, da gab´s ja nun auch schon ´nen Haufen dummer Leute, ohne jeden klaren Menschenverstand.

Was hat es mit dem Albumtitel auf sich? Also, „Brief & Siegel“ ist ja kein Song, bzw. Songzitat. Gibt es überhaupt so etwas wie einen zentralen Song?

Also, ein übergeordnetes Thema gibt es nicht. Ich schreibe Songs, wie bisher auch, eher aus so einem lyrischen Verständnis. Beim ersten Song „Der Fall ins Messer“dreht es sich um einen Typen, den ich beobachtet habe, der einfach unglaublich besoffen war und der eine unglaubliche Scheiß-Egal-Haltung ausgestrahlt hat. Bei „Im Moor“ hingegen beschreibe ich einen Bauern in vorindustriellen Zeiten, der ganz konkrete Existenzängste hat: da hatte mich ein Zeitungsartikel drauf gebracht. Das geht dann natürlich mehr in Richtung „Deutsche Literatur“, vielleicht weil das irgendwie auch noch die ausklingende „Aufbruch“-Phase war, als ich den Text geschrieben habe. Hinzu kommt: ich mag so neu-moderne Begriffe wie „I-Phone“ oder „Smartphone“ einfach nicht in meinen Texten verwenden. Und übrigens ist uns die Titelgebung ziemlich schwer gefallen und wir haben lange danach gesucht. „Brief & Siegel“ hat eine gewisse Kompromisslosigkeit und signalisiert für uns auch eine brachiale Endgültigkeit: Zack, Punkt, Schluss, Aus, Fertig!

Ich gebe dir das mit Brief und Siegel“ ist doch ein Versprechen, oder? Könnte man auch auf euch beziehen… Habt ihr denn jetzt euren Sound gefunden?

Puh… Schwer zu sagen, da kann ich nur mich sprechen, aber in der Tat: diese zehn neuen Songs sind genau das, womit ich mich am wohlsten fühle. Wir haben uns gefunden! Und es ist halt wieder ein bisschen mehr Emo: auf der Tour im Mai 2015 haben wir ja bereits wieder Songs unseres Debüts „High Five Zukunft“ gespielt, da hat es sich also schon angedeutet. Die kommenden Konzerte werden natürlich durch die neuen Songs geprägt werden. Aber wer weiß, ich will da nicht vorgreifen: beim Thema Setlist sind wir noch nicht…

Was waren denn die wesentlichen Unterschiede bei den Aufnahmen?

Ich habe mich diesmal beim Recording deutlich wohler gefühlt. Wir alle haben uns diesmal wesentlich wohler gefühlt. Wahrscheinlich weil wir inzwischen auch deutlich routinierter sind. Also, ich fühle mich nicht unbedingt pudelwohl, wenn ich ohne Bass vorm Mikro stehen muss, aber diesmal hat das alles erstaunlich gut geklappt! Wir haben uns einfach Zeit gelassen und konnten den Fokus auch gut auf Kleinigkeiten legen und uns den Luxus gönnen, die Details zu verbessern und an Feinheiten zu arbeiten. Wir haben in Rheda-Wiedenbrück bei Markus Siegenhort aufgenommen. Den Kontakt hatten wir über Tom, der da mit seiner Zweitband schon mal aufgenommen hat. Diese Aufnahmen fanden wir ´n ziemliches Brett! Außerdem sprach für die Sache, dass wir halt kurze Wege hatten und abends nach Hause fahren konnten, was uns, glaube ich, allen gut getan hat, der Band und den Aufnahmen! Wir haben dann mal einen Tag lang Probeaufnahmen gemacht und waren von Markus` Mix absolut begeistert: der hat sich da echt ´n Bein ausgerissen und ´ne Menge Zeit und Energie investiert, um uns zu überzeugen! Wir haben dann mit ihm gemeinsam sehr, sehr viel an den einzelnen Songs gearbeitet und überlegt, wie wir wo welche Highlights arrangieren und aufnehmen. Wir haben eine Menge herum experimentiert und uns Zeit gelassen. Die Songs waren eigentlich recht schnell im Kasten, aber einen Großteil der Zeit haben wir dann ins Geilermachen investiert.

Wie kam die Idee zum Duett mit Tobias Neumann von DUESENJAEGER?

Wir hatten das schon unglaublich lange vor! Als wir „Sommer, Roggen und Er“ im Proberaum komponierten war uns eigentlich sofort klar, dass das der ideale Song dafür wäre: wahrscheinlich weil er für unsere Verhältnisse sehr melodisch und poppig ist!? Nun ja, also: alle hatten dieses fette Grinsen im Gesicht, als der Song fertig war. Das war zwar nicht unbedingt das, was wir machen wollten, aber wir fühlten uns super wohl damit. Allerdings habe ich mich dann im Anschluss echt schwer getan, die passenden Strophen dazu zu schreiben, denn ich hatte natürlich ständig im Hinterkopf, dass das die Zeilen sind, die Tobi singen wird.

Wie kommt es denn überhaupt zu dieser Häufung von dörflichen, bäuerlichen Begriffen? Spaten? Roggen? Mühle? Moor? Das sind alles keine urbanen Motive, keine Stadtlieder. Absicht?

Ja. Das kommt halt auch vom bereits erwähnten Anspruch, lieber ältere Wörter als neu-modische Begriffe zu verwenden. Man kann mit der deutschen Sprache einfach unheimlich gut spielen und hat viele Wörter, mit denen man gut arbeiten kann. Auf der „Aufbruch“ gibt es ja den Song „Kurzmitteilung“, in dem ich schon so neue Begriffe verwendet habe: „Die Pixel auf meinem Handy,,,“, zum Beispiel. Dennoch spiele ich die Nummer immer noch gerne! Ich würde jetzt allerdings nicht soweit gehen, dass wir irgendwann auf Plattdeutsch singen, ha ha…

freiburg-band.de

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