2016-06-06 HUMAN ABFALL - Form Und Zweck (LP)

Ihre selbstauferlegte innere Migration beenden HUMAN ABFALL mit ihrer zweiten Langspielplatte nur temporär. Form und Zweck“ ist traumatisch, manisch, kafkaesk, dystopisch, predigend, repitierend. Die Musik klingt grundlegend anders, als auf dem Debüt „Tanztee von unten“ (2014), die Band groovt mehr und experimentiert mit einer psychedelischen Räumlichkeit, die den Hörer wie z.B. in „Bequeme Stellung“ akustisch einlullt. Ringo Stelzls Gitarre erzeugt eine Menge schräger Echoplex-Surfsounds und profitiert von JFR Moons eigenständigen Basslinien (sowie gelegentlichen Synthieeinwürfen) und Bronko Schwarz´ unauffällig banddienlichen Schlagzeugspiel. Soll sich der Rest der Bevölkerung doch in hysterischen Selbstoptimierungswünschen suhlen, hier kommt der Anti-Soundtrack: Sie befinden sich jetzt in einer bequemen Stellung, sie schließen die Augen und schalten alle Gedanken ab!“.

Konstant agitiert Flavio Bacon im angepissten Beamtendeutsch zwischen Zynik und Betroffenheit. Sein vielbeschriebener dadaistischer Sprechgesang reicht dem Gleichstellungsfeuilleton als Alleinstellungsmerkmal – zum Mitsingen vollkommen ungeeignete, miesepetrige, posthumanistische Agitationen. „Denken Lernen“ ist eine Liebeserklärung an das wissenschaftliche Arbeiten und versteht sich als antifaschistische Lehrstunde für die, die „Montags“ nicht nur in Dresden als „Täter-Enkel“ auftreten. „RTML“ bietet eine eingespielte Band, die mit Dynamiken spielt und diesen Song über vier Minuten dramatisch zum Höhepunkt treibt. „Q: Wo Ist Franz A: Im Dschihad“ zitiert nicht nur DEVO, sondern erinnert mich wegen der durchgeknallten Gitarre ein wenig an FRUSTRATION. Der Titelsong „Form und Zweck“ ist eine akustische Depression, die durch kein Betäubungsmittel der Welt behandelt werden könnte. Was bleibt ist die Scheinidylle, die Bestätigung im Alltag, das erfolgreiche Erwerbsleben, der Baum, den man immer pflanzen wollte: „Wir hatten so viele Pläne“ beschreibt den Wendepunkt, ab dem eine Beziehung zum Scheitern verurteilt ist. Kein Happy-End! Keine weiteren Pläne! Zurück in die innere Migration! / Marko Fellmann

soundsofsubterrania // 38:27 // humanabfall

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