2016-10-19-messer-jalousie-lp

Identität entsteht durch das Variieren von Möglichkeiten! MESSER haben dieses Spiel von Anfang an betrieben und verknüpfen vielschichtigen Post-Punk mit anspruchsvoller Poesie. Hörer, die offene Lyrik ablehnen und eindeutige Parolen brauchen, werden hinter der „Jalousie“ nichts finden. Wie schade, es gäbe eine Menge zu entdecken!

Nicht nur im balladesken Opener „So sollte es sein“ (der durch die Zweitstimme von Stella Sommer von DIE HEITERKEIT genau die Größe und Tiefe erreicht, die seinerzeit EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN durch die Beteiligung von Meret Becker in „Stella Maris“ erzielten), sondern auch im rockpoppigen Liebeslied „Der Mann, der zweimal lebte“ spielt Bassist Pogo Orgel. Rockpop? Liebeslied? Nun ja, es ist so: in Verbindung mit den Synthieflächen, die wiederum von Gitarrist Milek beigetragen werden, transformieren MESSER ihren Sound in eine gewisse zugängliche Internationalität, um nicht das fiese Wort Pop zu benutzen. Es kommt hinzu, das Sänger Hendrik nicht mehr schreit, sondern singt und damit seinen Vocals ein breiteres Spektrum ermöglicht, im Gegensatz zum „Kaputte Arme – zerschundene Knie“-Stil der frühen Jahre. Dann erklingt außerdem Micha Achers (THE NOTWIST) Trompete, gar nicht mal so dominant, sondern dezent anschleichend, den Gesamteindruck versüßend. Das sind die offensichtlichsten Faktoren, die das dritte Album des Quintetts deutlich von seinen Vorgängern unterscheidet. Liest sich natürlich auch irgendwie gut, wenn da Jochen Arbeit (EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN) als Gast erwähnt wird, seine Soundsamples ergänzen die Arrangements stilecht und sorgen für akustische Verfremdungen.

Aber die Veränderungen im Bandsound sind noch wesentlich umfangreicher: Percussionist Manuel setzt sich endgültig als neues Bandmitglied durch und hat eine Menge prägender Momente auf dem Album, wobei „Detektive“ heraus sticht. Schlagzeuger Philipp ackert wie eh und je und lässt neuerdings auch deutlich mehr digitale Rhythmen zu. Gitarrist Milek ist ein legitimer Nachfolger für Pascal Schaumburg, kann diesen aber trotz Stratocaster und Echos nicht ersetzen. Sein Ansatz geht eher in eine The Edge-Richtung, während Palles Gitarre komplett outer-space war. Und trotzdem ist Mileks Gitarre top und bietet eine Menge zum Entdecken und lieb gewinnen (z.B. die Stakkatos in „Niemals“ oder die Flagoletts in „Schaumbergs Vermächtnis“ )! Bei „Im Jahr der Obsessionen“ ist seine Gitarre exzellent und entzaubert den Verschleierungseffekt den Gastsängerin Katarina Maria Trenk unisono mit Hendrik erzeugt. In „Meine Lust“ schreit Hendrik dann übrigens doch wieder, quasi Oldschool-MESSER und ja, es gibt mehrere laute Stücke auf dem Album: „Die Echse“ ist ein echter Kracher! „Niemals“ der ideale Konzertopener! Und „Schaumbergs Vermächtnis“ erzeugt natürlich tiefste 80er-Flashbacks und entblößt einerseits Hendriks zentrale Identitätsthematik („Doch durch den Spiegel kommst du nicht!“), schließt andererseits musikalisch aber auch die Klammer im Musikalischen, da Pogos Orgel die Platte beendet.

Die Aufnahmen begannen zusammen mit Robin Völkert im Dezember 2015 auf dem Rittergut Haus Nottbeck und endeten im neuen münsteranischen Proberaum 2016 unter der Regie von Proberaumbesorger Pogo, der die ganze Vorproduktion dann in treue Hände an Tobias Levin übergab. In Anbetracht des Wegfallens regelmäßiger Bandproben und der Integration zwei neuer Musiker sollte man „Jalousie“ nicht mit „Im Schwindel“ (2012) oder „Die Unsichtbaren“ (2013) vergleichen. Von daher war es auch nur konsequent im Artwork neue Wege zu gehen. Die Coverjalousie hat was dreidimensionales und das Gesamtpaket aus dickem LP-Rücken und Textbeiheft beeindruckt außerordentlich. Hör ich seit Monaten! / Marko Fellmann

trocadero // 40:33 // messer

MESSER-Tour 2016:
28.10. Essen, Zeche Carl
29.10. Bremen, Lagerhaus
30.10. Bielefeld, Forum
31.10. Kaiserslautern, Kammgarn
01.11. Wiesbaden, Schlachthof
02.11. Köln, Gebäude 9
03.11. Berlin, Frannz
04.11. Gießen, MuK
05.11. Stuttgart, Zwölfzehn
06.11. Wien, B72
07.11. München, Kranhalle
08.11. Dresden, Groovestation
09.11. Leipzig, Naumanns
10.11. Jena, Kassablanca
11.11. Hannover, Café Glocksee
12.11. Hamburg, Molotow
03.12. Münster, Gleis 22

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