20170331 GEWALT Patrick 3

Drei Bands sind mir zu viel! Auch wenn alle gut sind! HALL & RAUCH verpasse ich dadurch, bzw. stehe ziemlich weit hinten im brechend vollen Privat in Köln. Was ich von der Band mitbekomme klingt künstlerisch, postpunkig und ideenreich. Aber ich bin wegen KARIES und GEWALT hier! / Marko Fellmann

Wir stehen einfach auf dieses Maschinelle, deswegen der Drumcomputer, verstehst du?“. Zwei Stunden vorher: GEWALT-Gitarristin Helen baut gerade mit den anderen den Merchandise-Stand auf. Es ist noch eine Stunde bis zum Einlass und ich frage sie, wie sie denn Sänger/Gitarrist Patrick Wagner kennen gelernt hat?! „Wir kannten uns vorher nicht! Das lief über eine Bekannte, die wusste, dass ich zuletzt noch in einer Band gespielt hatte, allerdings Bass!“. Mein Blick fällt auf die Kleiderständer mit T-Shirts. „Macht ihr die Klamotten selber?“ Die „Klamotten“ sind von Fans eingeschickte T-Shirts, die individuell mit dem GEWALT-Schriftzug gesiebdruckt werden. „Die Aktion läuft noch!“, informiert mich Bassistin Yelka: „Die Leute schicken uns drei ihrer T-Shirts, die wir bedrucken lassen. Eins schicken wir dann zurück, aber die anderen beiden behalten wir, um die auf unseren Konzerten zu verkaufen! Die Siebdruckerei liegt direkt in unserer Nachbarschaft.“ Smells like DIY-Spirit, ich fühle mich wohl!

20170331 GEWALT Merch

GEWALT spielen ihr aktuelles Set ohne Drumcomputer auf der Bühne, der wird nämlich inzwischen vom Tourmischer bedient, was laut dessen Aussage nur einen einzigen Grund hat: „Wenn der Patrick auf der Bühne den DM-1 bedient hat, sah das immer aus, als würde er E-Mails checken! Geht gar nicht!“. Was GEWALT dann allerdings auf der Bühne veranstalten ist das energischste, was man zur Zeit im deutschsprachigen Noisepunk-Bereich sehen kann. Ich bin absolut begeistert! Flankiert von Bassistin Yelka und Gitarristin Helen verausgabt sich Sänger Patrick durch enorm viel gestenreiches Rumgeschrei. Hinzu kommt, dass er gegen die örtliche P.A. kämpfen muss, die parallel den Drumcomputer verstärkt. Die P.A. macht beim vierten Song schlapp, was für das Publikum ärgerlich ist, zumal Kevin Kuhn zwischendurch die Bühne betritt und beim Stones-Klassiker „Sympathy for the devil“ die Stand-Snare spielt. Trotzdem: was für ein wahnsinniges Konzert! Resignation, Wut, Eskalation, keine Beschwichtigung und keine Beruhigung: Patrick Wagner stellt sich auf einen Kasten Bier und redet zur Gemeinde. Dabei trägt er einen ehemals weißen Business-Anzug, verschmiert mit Blut und Dreck. Drei Stunden vorher beim Interview schien er mir noch so ausgeglichen und harmonisch…

20170331 GEWALT + Kevin

Was hast du eigentlich gegen Schlagzeuger?

Patrick: Uih, zum einen bin ich traumatisiert, weil ich ja zehn Jahre lang mit einer sehr egozentrischen Schlagzeugerin gespielt habe, das war nicht so einfach… Und dann ist es so, dass es einfacher ist, Sachen selber zu entwickeln: z.B. Beats! Ich habe immer zuerst einen Beat, irgendwas, was mir so im Laufe des Tages eingefallen ist und was ich dann geistig vor mich hin singe. Dann kommen die Worte und dann erst die Gitarre. Und da es dann eh schon in meinem Kopf ist und ich selber aber kein Schlagzeug spielen kann, programmiere ich das und nehme das mit zur Probe und wir spielen das. Ab da ist dann free falling angesagt und alles ist möglich. Und am Tag drauf spielen wir das beim Konzert. Wir proben einmal die Woche, allerdings ohne Qualitätsanspruch und vor allem nur, wenn wir da wirklich Lust drauf haben, weißt du? Also, so Geschichten wie „Wir müssen uns noch mit dem und dem Teil beschäftigen!“, so was machen wir erst gar nicht. Weil es uns einfach nicht interessiert!

Deswegen wohl auch das Bekenntnis zum Singleformat und den total unterschiedlichen Aufnahmeorten?!

Patrick: Genau! Bei In a car-Records haben wir die „Szene einer Ehe“ und „Pandora“ rausgebracht. Das haben wir mit einem Kassettenrekorder aufgenommen! Und jetzt die Zusammenarbeit mit DRANGSAL auf der neuen 7“, das ist eine richtige Studioaufnahme, zwar in einem kleinen Studio, aber mit gutem Equipment. Fast alles analog, ein gutes Pult: das macht schon einen Unterschied!

Am Anfang von „Tier“, was ist das für ein Instrument, dass so nach Fliege klingt?

Patrick: Nee, nee, das ist eine Fliege! (lacht)

Die ganze Depression, die eure Musik ausdrückt, ist für dich doch eigentlich allerfeinste Psychohygiene, oder?

Patrick: Den Begriff „Psychohygiene“ finde ich schwierig. Klar, wenn man den Frust so raus schreit, könnte man schon davon sprechen. Ich habe aber fünf Jahre zu Hause gesessen und einfach nur die Decke angeguckt: das war überhaupt nicht produktiv. Und andererseits war es übrigens auch überhaupt gar nicht so eine schreckliche Zeit, wie sich das eventuell anhört. Für jemanden wie mich, der eigentlich hyperaktiv veranlagt ist, ist es natürlich ein großer Schritt, wenn da so totale Leere ist, einfach nur Nichts. Und aus dieser Leere heraus habe ich dann aber wieder angefangen, Worte zu sammeln und Texte zu schreiben und habe den Punkt erreicht, wo ich mir sagte: das ist genau das, was ich sagen will! Und so wird es auch heute Abend beim Konzert sein. Es geht mir nicht darum, vor den Leuten einfach nur ein Konzert zu spielen, sondern ich will den Leuten was sagen! Darum gibt es diese Band! Und das macht mich glücklich!

Wenn du es singst, wie du es singst, also z.B. „Du bist allein! So soll es sein!“, das macht dann doch schon was mit einem, oder?

Patrick: Natürlich! Das ist ja erst einmal eine recht profane Erkenntnis, zu sagen „Du bist allein! So soll es sein!“, sehr simpel. Jeder hat Angst vor dem Alleinsein, obwohl jeder ständig z.B. bei Facebook rumhängt, weil er Angst vor der Erkenntnis hat, dass dahinter die totale Leere steckt. Und die Wahrheit ist nun einmal: es ist die totale Leere! Es ist Nichts, es gibt Nichts, alles findet nur bei uns im Kopf statt. Und wenn man das weiß, dann kann man auch viel entspannter an die Dinge ran gehen, finde ich. Und das hoffe ich auch, dass man das merkt, bzw. das haben mir Leute schon so gesagt, dass sie ein GEWALT-Konzert als reinigend empfinden und erleben. Das ist dann doch schon mal gar nicht so schlecht, finde ich! Ich dachte immer, dass wir das ewig nur im Proberaum machen, an solche Auftrittsmöglichkeiten war kein Denken.

Ihr habt ja ein paar Songs, die noch nicht veröffentlicht wurden: „Verheimlichung“ und „Limiter“ stehen noch aus. Wird es wieder eine Single? Klar, oder?

Patrick: Ja, die beiden Songs kommen jetzt als nächstes. Die nehmen wir während der Tour, an einem DayOff in einem Studio mit Publikum auf. Beim Michael Bethge in den Rama-Studios. Und abends noch ein Konzert: das wird ein harter Tag (lacht)!

Du meinst Christian Bethge?

Patrick: (lacht) Christian Bethge! Entschuldigung…

Kein Problem, Stefan!

Patrick: (lacht) Ich bin ja so raus aus diesem ganzen Musikzirkus…

Ich finde das gut! Aber die Labelsache scheint ihr ja recht locker zu sehen!?

Patrick: Ja, wie gesagt, je nach dem wer Lust hat. Wenn du mir jetzt sagst, du hast Lust eine 7“ mit uns zu machen, dann machen wir das!

Ich bin doch nicht wahnsinnig! Du hast doch selber die Erfahrungswerte als ehemaliger Labelboss, das war doch garantiert eine Größenordnung fernab solcher DIY-Menschen wie mir?

Patrick: 150 Veröffentlichungen mit 15 Angestellten, für die ich jeden Monat 60000€ besorgen musste! Das war serious shit! Das würde ich nicht mehr machen wollen!

20170331 KARIES Jan + Benjamin

KARIES habe ich seit November 2015 nicht mehr gesehen und es ist wieder eine Menge passiert in der ganzen Zeit. Vor allem sind sie Live irgendwie noch besser geworden. Oder war es einfach nur ein besonderer Abend? Tourabschluss sowieso! Jans Gitarrensound bestäubt die ganze trockene Luft im Raum und Benjamins Rhythmusgitarre treibt den Backbeat an und wenn er singt, fliegen ihm die Frauenherzen (mindestens die der ersten Reihe) entgegen. Kevin, wie immer eine Mischung aus Keith Moon und Cheech & Chong, drückt die ganze Musik nach vorne und bewegt sich hinter seinem Schlagzeug mehr, als die drei anderen zusammen. Bassist Max zockt stoisch seinen Squier-Viersaiter und singt seine Parts, ohne eine Miene zu verziehen. Dabei entsteht ein Zauber, dem ich und die gut 200 Besucher nicht entkommen können, da er von keiner Gesangsanlage der Welt kaputt gemacht werden kann! Ein tolles Konzert! Und ein sehr interessantes Interview:

Was hat sich so getan seit unserem letzten Treffen? Mein „Es geht sich aus“-Review habe ich vorhin noch mal durchgelesen und hatte so die Befürchtung, dass ihr mich jetzt hasst, weil ich die Musik so über die Texte erhoben habe?

Kevin: Ich finde das nachvollziehbar, so wie du es beschrieben hast.

Max: Also, ich mach mir schon Gedanken um die Aussage und die Rolle des Gesangs innerhalb des Bandsounds. Ich kann mich nicht hinstellen und irgendeinen Quark singen. Die Wörter müssen für mich eine Bedeutung haben. Weil ich nämlich finde, dass man mit dem Text das Instrumentale auch ganz schön versauen kann. Aber was du ja meintest, betraf ja eher die Soundidee, dass es eben nicht primär über die Texte funktioniert, sondern dass der Gesang ganz bewusst in die Musik eintaucht und nicht wie bei einer Pop-Produktion nach vorne gemischt ist.

O.k., aber meiner Meinung nach, könntest du genauso gut „Zwei Liter Milch Einsdreiundsechzig“ singen (alle lachen), die Musik ist alleine schon stark genug!

Kevin: Du meinst so wie „Das Salz der Erde gibt´s bei Rewe für neunzehn Cent!“?

Seinerzeit fanden auch die nicht verwendeten „Seid umschlungen Millionen“-Songs den Weg in den Presseverteiler. Vor ein paar Wochen habt ihr einen Free Download zur neuen Platte nachgeschoben! Und vorgestern erreichte mich die The Harbinger Sound-Compilation, auf dem sich ebenfalls ein Bonustrack von KARIES befindet! Was haben wir noch zu erwarten? Ihr habt doch bestimmt noch ein paar Songs aus den „Es geht sich aus“-Sessions gebunkert, oder?

Kevin: Höchstens zwei! Es gibt noch eine Instrumentalnummer und eine instrumentale Version von „Signale“, aber die eher so als Referenz für uns selber. Und „Es lachte“ auf dem Sampler haben wir übrigens bereits im Herbst 2015 bei einer Über-Nacht-Session in Solingen aufgenommen, auf so einem kleinen Zoomrekorder: das ist soundmäßig weit entfernt von den „Es geht sich aus“-Sessions und den anderen Veröffentlichungen. Ursprünglich wollten wir das sogar mit einem Handy recorden! Der Free-Download „Als es schon zu spät war“ allerdings war tatsächlich ein „Es geht sich aus“-Song!

Wie entscheidet ihr welcher Song rausfliegt?

Max: Also, z.B. für unseren Produzenten Max Rieger ist der Aufbau des Albums enorm wichtig, der Songcycle, dass das Ganze aufgeht. Und dann reden wir darüber und probieren aus, wie es am besten passt.

Kevin: Allerdings gibt es durch das Vinyl natürlich auch eine technische Limitierung. Die ursprüngliche Version des Albums war 50 Minuten lang. Für Vinyl 6 Minuten zu viel, ohne qualitative Abstriche machen zu müssen.

Durch den Jamcharakter der Musik habt ihr doch bestimmt immer schnelle Erfolgserlebnisse, oder?

Kevin: Na ja, die Art und Weise, wie wir das spielen wollen, arbeiten wir schon noch konkret heraus und dann kommt da auch schnell eine Menge zusammen: wir haben noch dutzende Demos aus den Sessions seit Januar, bei denen mindestens 15 gute Skizzen für neue Songs entstanden sind. Da haben wir das erste Mal seit einem Jahr wieder zusammen gespielt und das setzte eine Menge Druck und Energie frei.

O.K., bei eurem Tempo sei die Frage erlaubt: wie geht’s weiter?

Kevin: Ich fände es reizend, wenn wir Ende des Jahres wieder aufnehmen, aber das ist alles noch nicht so klar.

Max: Erstmal spielen wir diese Tour zu Ende und feiern im Mai in Stuttgart etwas zeitverzögert das „Es geht sich aus“-Release, sieben Monate später (alle lachen). Im Sommer wird es vielleicht noch das ein oder andere Festival geben, aber da gibt es noch keine konkreten Termine. Und im Oktober gehen wir wieder auf Tour, mit ein paar angedachten Terminen in Österreich.

Kevin: Wenn die Tour dann vorbei ist machen wir uns vermutlich wieder an neue Aufnahmen, aber in den nächsten Monaten stehen auch noch WOLF MOUNTAINS und DIE NERVEN bei mir an.

Max: Deine erste Frage war ja, was sich seit dem Sleaford Mods-Support getan hat (lacht). Eigentlich gar nicht so viel: wir haben in jeder Stadt vor mindestens 100 Leuten gespielt, in Berlin waren es fast 200, was eine tolle Entwicklung ist. Mit dem Album ist die öffentliche Aufmerksamkeit deutlich gewachsen und es gab einen Wechsel am Schlagzeug, die 2016er Herbst-Tour musste krankheitsbedingt verschoben werden und wir haben eine EP veröffentlicht und zwischendurch einige Konzerte gespielt. Es hat sich also gar nicht sooo viel getan… (alle lachen)

Stimmt ja! Die EP! Da habe ich die Gatefold-Variante vom Harbinger Label.

Max: Ja, stimmt! Ich vergesse das manchmal, dass wir ja schon in England veröffentlicht haben, irre!

20170331 KARIES Bühne danach

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