EA80 2017 Definitiv Ja

Spiegelungen waren schon immer ein gängiges rhetorisches Stilmittel, um Lyrik zu formalisieren. Übertragen auf das Gesamtkonzept der neuesten EA80-Veröffentlichung kann man vermuten, dass „Definitiv: Ja!“ die Klammer schließt, die „Definitiv: Nein!“ geöffnet hat und die sich musikalisch bereits 2007 mit „Reise“ angedeutet hat. Die Texte handeln von Abschied, Flucht und Vergänglichkeit, nicht so sehr von Lebensbejahung, wie es der Titel suggeriert. Allerdings ist die Platte zum Zeitpunkt dieses Reviews noch gar nicht erschienen, sondern momentan nur vorab als „Deluxe Version Düsseldorf 25.3.2017“ auf den letzten Konzerten zu kaufen gewesen (mit CD, Textblatt und in zehn verschiedenen Covervariationen). Das offizielle Release konnten sich Major Label sichern (erscheint demnächst), die ja bereits in den letzten Jahren feine Reissues des vergriffenen EA80-Backkatalogs veröffentlicht haben.

Die Musik auf „Definitiv: Ja!“ ist deutlich anders als beim 2011er-Vorgänger. Die Band traut sich mehr zu und hat einen Haufen toller Ideen, die bereits im Frühherbst 2016 im Werner Wiese-Studio/Werne aufgenommen wurden. Und es ist übrigens auch das erste Album mit fast komplett neuem Equipment, nachdem der Band nach einem Konzert in 2014 ja ein Großteil der Musikausrüstung geklaut wurde. Das Gitarrenintro beim Opener „Ramputage“ knirscht wie eine Verballhornung der „Fort von Krank“-Gitarre, aber wir haben es hier nicht mit einem Abklatsch zu tun, sondern mit einer Zusammenfassung. Das spezielle Musikarrangement bei „November“ sucht sein Pendant im deutschsprachigen Punk und sorgt dafür, dass man sich nicht unangenehm an andere Musik erinnert fühlt, die Quellenangaben und Einflüsse interessieren nicht. Ähnliches gilt für „Souveniershop“, welches die erste Seite mit viel Raum auf dem Schlagzeug beendet und dessen lang gezogenes „Erlöse mich“ von Junge gequält bis entfesselt gesungen wird. EA80 haben sich über die letzten zehn Jahre eine verschlossene Zugänglichkeit erarbeitet, die sich zwischen gängigen Songstrukturen und wilden Musikausschweifungen positioniert. Sänger Junge jongliert genau mit diesen Elementen auch in seinem ganz eigenem Bühnenausdruck zwischen moderaten Ansagen und explosiven Wutausbrüchen. Man muss diesen Typen einfach ernst nehmen! Der Instrumentalpart als Soloersatz vor der dritten Strophe bei „Alte Schule England“ verdeutlicht die musikalische Kraft, die die Musik von EA80 hat. Junges präzise Rhythmusgitarre, Mauls anachronistische Melodiegitarre, Oddels mächtige Basslinie und Nicos facettenreiches Schlagzeugspiel machen „Alte Schule England“ vielleicht zum „Hit“ der Platte. Der Refrain ist so oldschoolig, es ist herrlich! Danach dann „Definitiv: Ja!“, dass live dargeboten mehr Häme und Spott rausrotzt, als „Definitiv: Nein!“ das je könnte. Das Originalthema wird dabei nicht Eins-zu-Eins kopiert, sondern ideenreich variiert. „Schlusslicht“ beginnt mit ruhigem Refrain, steigert sich kontinuierlich, wird dramatisch, holt zwischendurch Luft, nimmt neuen Anlauf und endet mit lautem Refrain. Mit einem melancholischen Zwei-Akkorde-Song endet die Reise ans „Ende meiner Tage“ (aus „Mantra (für einen schlechten Tag)“) und belegt eindrucksvoll: Das M in Mönchengladbach steht für Manchester! / Marko Fellmann

majorlabel // 42:01 // EA80

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