Klotzs 2017 Eine Stadt

Knie nieder, undankbare Öffentlichkeit! Knie nieder vor der neuen KLOTZS-Platte und freue dich, dabei sein zu dürfen! Für manchen sind KLOTZS lediglich die B-Seite von EA80, dabei ist dieses Bild wirklich komplett schief! Das Siegener Duo bietet seit jeher einen eigenständigen Fundus formal und inhaltlich sehr guter Texte, musikalisch verhaftet im deutschsprachigen Punk der Mönchengladbacher Schule, allerdings mit mächtigen Noiseeskapaden und einer ausgeprägten musikalischen Vielfalt, die aber immer DIY-Punk bleibt.

„Eine Stadt/Keine Stadt“ ist das verschollene Album, dass nie veröffentlicht wurde, weil es aus diversen Gründen nicht eingespielt werden konnte, dessen Stücke aber seit Ewigkeiten bereits auf Konzerten gespielt wurden. Aufgenommen im Werner-Wiese-Studio, in verschiedenen Sessions zwischen Herbst 2016 und Frühjahr 2017. Ein Kraftakt, der sich mehrere Monate zog, vor allem in Anbetracht des eingesetzten Instrumentariums. Sänger/Gitarrist Ingo hat sich nicht lumpen lassen, sondern seinen Equipmentfuhrpark ausgereizt: bei Konzerten bekommt er das übrigens auch hin, alleine schon durch die Verwendung von Baritongitarren, mit denen er parallel Bass und Gitarrenlinien aus dem Nichts zaubert, wie auch immer er das schafft! Eine besondere Erwähnung verdient das Artwork: im Pop-Up-Gatefoldcover öffnet sich dem Betrachter eine Pappstadt, detailverliebt und aufwendig ergibt sich so eine dreidimensionale Tristesse, die das KLOTZSsche Twinpeakshausen visualisiert: das Kaff Siegen soll es jedenfalls nicht sein (aber vielleicht dein Kaff)! Die limitierte Doppel-LP glänzt außerdem mit einer geetchten 4.Seite und einer ausführlichen Textbeilage + Downloadcode.

Zweifel/Zuruf“ ist kompositorisch ein Ausnahmestück im Kosmos KLOTZS: einerseits ist hier ein deutlicher TRAIL OF DEAD-Einfluss hörbar, andererseits bringt die Aufteilung in zwei (zusammenhängende) Songs einen gewissen RADIOHEAD-Anteil mit sich, der beide Stücke mit hymnenhaften Pathos zukleckert. „Mahlstrom“ hingegen bietet viel Rhythmusgitarre und zitiert aus Surf und Post-Punk. „Heile Welt I“ irritiert durch einen folkloristischen Melodiegitarrenhook, schlägt aber dazwischen derbe in schnellen Punk um und ist eine der ältesten KLOTZS-Nummern im Repertoire. „Augenzeuge“ ist ein in sich geschlossenes Meisterwerk mit dynamischen Steigerungen und ausufernden Instrumentalparts! Der Text emotionalisiert und führt den Hörer durch ein Noisemantra „Hör mit geschlossenen Augen, vertraue ganz auf den Lärm! Nur der ist wirklich real! Am Ende bleibt nur der Krach! Hör mit geschlossenen Augen, damit der Eindruck nicht verblasst!“. Leute, die sich seinerzeit über die „Punk lebt“-Story in der Visions aufgeregt haben, finden in „Deutschpunk 2.0“ ihre Hymne („Und auf den Zug der länger schon so vielversprechend rollt. bist du dann doch noch aufgesprungen, willst auch was von dem Gold“).Canyonhat Kraft für zwei und bietet viel musikalische Atmosphäre für einen völlig unkryptischen Erkenntnisgewinn. „Nebel Grau“ hat eine Hook, die sofort ins Ohr geht, schlaue Keyboardspielereien in der Bridge und Groove vom ersten Basslauf an, die Drums klingen mechanisch, der Synthie zitiert aus New Wave-Zeiten.

Ich wiederhole mich nur ungern: Die Großartigkeit dieser Band wird sich der Welt erst erschließen, wenn diese Band tot ist! Lang lebe Klotzs! / Marko Fellmann

majorlabel // 1:01:15 // klotzs