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Düsseldorf

Interview: SLEAFORD MODS + KARIES, Düsseldorf, Zakk, 2015-11-04

2015-11-04 SLEAFORD MODS + KARIES Ticket

Ich hab´ keinen Beruf gelernt und auch nicht studiert!“ SLEAFORD MODS Andrew und ich sitzen im Biergarten des Zakk, trinken ein Bier und quatschen ein wenig über Musik. Es ist die Phase zwischen Soundcheck und Einlass, in der niemand so recht weiß, wohin mit sich. Sänger Jason düst mit Manager Steve kurz ins Hotel um einzuchecken, aber Andrew tut sich die Aktion ganz bewusst nicht an: „So Sachen wie Hotel-Check-In langweilen mich maßlos, totale Zeitverschwendung: da rauch´ ich mir lieber eine mit dir! Hast du noch mal Feuer?“. / Marko Fellmann

Dass die SLEAFORD MODS ein Phänomen sind, weil sie Retro mit Progressive verbinden, sieht Andrew genau so! Verdammt, da stellt man eine platte, provozierende Frage und erhält Zustimmung!? Ich dachte, jetzt überschüttet er mich mit Spott und Hohn, aber nein: „Also, das Wort Progressive würde ich zwar für unsere Musik nicht gebrauchen, aber im Prinzip hast du natürlich Recht. Es ist doch so: wären wir zwei schwarze Rapper, würde wahrscheinlich kaum jemand davon Notiz nehmen. Aber so haben wir unser Ding gefunden und es gibt eigentlich keinen anderen, der so etwas macht!“

Das „Ding“ ist Sänger Jasons (meist) gesprochenes Wort, unterlegt mit DJ Andrews vorproduzierten Samples, gelegentlich aufgepeppt durch Gesang mit stark repetitiven Passagen, die man durchaus als Refrain bezeichnen kann, allerdings tonal eingegrenzt, zwischen rausgerotzter Unzufriedenheit und aufrührerischem Working-Class-Appeal. Die Art und Weise wie Jason die vielsilbigen Texte performt macht die Musik der SLEAFORD MODS zu Punk. Durch die Reduktion auf das Nötigste fungiert der MODsche Minimalismus als Stil- und Kontrastmittel zur Epoche der Dekadenz, die sich laut Andrew seit den Achtzigern nicht nur fortgesetzt, sondern geradezu manifestiert hat. „Klar, wir wissen schon sehr genau, was wir tun und warum wir das so machen, aber mit der Zeit wird da von außen einfach mehr rein interpretiert, als tatsächlich geplant war. Und, weißt du, diese Entwicklung der letzten zwei Jahre ist einfach insgesamt so dermaßen ungewöhnlich und überhaupt nicht planbar – wir kommen da ja selbst kaum noch mit!“

Aber im Hotel schlafen zu können, ist doch wesentlich entspannter, als auf dem Teppichboden irgendeiner privaten Übernachtungsmöglichkeit, oder? Andrew nippt an seinem Bier: „ Es ist doch alles eine Frage des Wohlfühlens, oder? Und wie kann man sich denn in einem Hotel wohlfühlen? Zuhause in Nottingham lebe ich inzwischen etwas außerhalb der Stadt, auf einem Hausboot auf dem Nottingham Canal, fernab von dem Kaff. Wenn wir proben oder aufnehmen wollen, mieten wir uns kurzfristig für ein paar Tage irgendwo in der Stadt ein, sind da aber ungebunden und wollen das auch weiterhin sein. Übrigens war ich vor meiner SLEAFORD MODS-Zeit noch nie in Deutschland: das Publikum kifft hier während der Konzerte, oder!? In England würden die sofort von irgendwelchen Securityaffen abgeführt werden. Hast du noch mal Feuer?“.

Klar, hab´ ich! Andrew erzählt, dass sie das aktuelle Album „Key Markets“ in zwei Tagen eingespielt hätten, sie seien eh immer sehr schnell bei der Umsetzung: „Die Samples, die ich so benutze, sind teilweise über 15 Jahre alt. Ich mache seit über 20 Jahren Musik und habe einen wirklich großen Fundus an alten Proberaumaufnahmen und digitalen Samples. Darüber spiele ich dann eventuell noch eine Bassspur ein, so einfach kann´s gehen. Das heißt, dass Jason da recht simpel drüber improvisieren kann und sich mit dem Thema Komponieren kaum beschäftigen muss. Dann kommt man natürlich schnell zu guten Ergebnissen…“

Kevin Kuhn hat nichts zu tun und bringt uns Bier: er trägt heute ein QUEEN-„Jazz“-T-Shirt, welches mir nicht besonders echt erscheint, weil mir der QUEEN-Banner vollkommen unbekannt ist. Aber Kevin klärt uns auf, dass dieser spezielle Schriftzug zur damaligen Tour exklusiv für den amerikanischen Markt entwickelt wurde.

Es folgen Gespräche über GRACE JONES/OASIS, DURAN DURAN/STONE ROSES und irgendwie endet alles bei einem CRASS/WHAM! –Vergleich, dessen Quintessenz ich nie erfahren werde, weil in dem Moment die ersten Gäste in den Biergarten strömen und Andrew von einem weiblichen Fan nach einem Autogramm gefragt wird. Schreibt er natürlich gerne, aber für ihn ist das dann auch irgendwie das Zeichen, sich in den Backstagebereich zu verkrümeln und noch schnell mit seinem zwischenzeitlich wieder im Zakk befindlichen Sänger eine Kleinigkeit zu essen.

Ich gehe kurz mit und werde Backstage vom MODS-Fanboy Schippy eingeladen, KARIES´-Gitarrist/Sänger Benjamin am Kickertisch zu vertreten. KARIES-Gitarrist Jan und ich gewinnen gegen Schippy und KARIES-Bassist Max zweimal ganz, ganz locker. Gute Gelegenheit um KARIES mal zum Stand der Dinge zu befragen.

Ich habe mir vorgenommen, die Begriffe S*******t und D** N***** in diesem Interview nicht zu benutzen! O.k. für euch?

Alle: Juhu, Hurra, Yippieh, na gut…

Seit unserem letzten Interview, damals noch für das zwischenzeitlich eingestellte Punkrock!, ist eine Menge passiert! Erzählt mal!

Benjamin: Das war im Oktober 2014, kurz vor dem Release von „Seid umschlungen, Millionen“, oder? Wir haben dann das gemacht, was Bands halt so machen, wenn eine Platte veröffentlicht wurde. Insgesamt haben wir 30 Konzerte rund um die VÖ gespielt. Im März haben wir dann neue Songs aufgenommen und sind wieder auf Tournee gegangen und hatten außerdem noch zwei Weekender vorm Sommer. Danach haben wir dann erst mal ´ne Pause gemacht. Danach gab´s noch die Konzerte in Essen und Nürnberg beim This Charming Man-Fest, ja und jetzt sitzen wir hier mit dir in Düsseldorf. Morgen geht’s nach Berlin und am Wochenende noch nach Leipzig und Erfurt.

Kevin: Beim Reeperbahn-Festival in Hamburg waren wir dank Chris, der uns zum TCM-Showcase eingeladen hat.

Max: Wir sind gerade schon dabei Songs für´s kommende Album zu schreiben. Für Anfang Januar 2016 haben wir die Aufnahmen angesetzt.

Wo nehmt ihr auf?

Max: In Stuttgart bei Ralf Milberg…

Hatten wir nicht gerade eine Vereinbarung getroffen? (alle lachen)

Max: O.k., in den Milberg-Studios in Heslach!

Benjamin: Wir werden auf jeden Fall Live einspielen! Vielleicht noch den ein oder anderen Overdub hier und da, aber das Hauptding spielen wir zusammen ein.

Ich stelle also fest: da haben sich´ne Menge guter Sachen entwickelt, man hört nur Gutes über euch und die Platte musste bereits nachgepresst werden, soweit ich weiß. Eigentlich genau so, wie Benjamin es in seinem Größenwahn von Anfang an erwartet hat, oder!?

Benjamin: Ehrlich? War ich? Find´ ich gar nicht!

Naja, „sympathisch Größenwahnsinnig“ mein´ ich natürlich…

Max: Ich kann mich erinnern, wie wir vor drei Jahren vor unserem ersten Konzert zusammen saßen und Benjamin so laut vor sich hin geträumt hat: dass es Wahnsinn wäre, wenn wir mit der Band mal auf Tournee gehen würden und vielleicht irgendwann mal bei irgendwem auch Vinyl veröffentlichen. Deswegen ist der momentane Zustand auch irgendwie etwas surreal für mich, z.B. hier heute Abend mit den SLEAFORD MODS zu spielen: das entmystifiziert das Ganze auch ein Stück weit!

Ergibt sich denn hierdurch vielleicht auch eine England-Connection für euch?

Benjamin: Schippy begleitet ja die SLEAFORD MODS durch Deutschland und hat eines Abends deren Manager Steve unsere Musik vorgespielt. Steve betreibt das Label Harbinger Sound und dadurch ergaben sich dann die aktuellen Supportshows und eine Beteiligung an der neuen Single.

Kevin: Es war schon ziemlich toll, dass Steve KARIES in einem Interview im RECORD COLLECTOR-Magazin erwähnt hat. Das war ein echtes Highlight für mich, da ich davon ein paar Hefte zu Hause habe, nämlich die Ausgaben, bei denen QUEEN oder THE BEATLES auf dem Cover waren, ha ha… Angeblich haben wir seinen Enthusiasmus für neue Musik wieder entfacht, das ist doch ein nettes Kompliment…

Benjamin: Das ist natürlich super, dass vier von insgesamt sieben Songs unseres Demos so doch noch mal das Licht der Öffentlichkeit erblicken.

Gibt´s irgendwo noch eins dieser Demo-Tapes zu kaufen?

Kevin: Nur wenn jemand sein gebrauchtes Tape hergibt (alle lachen)…

2015-11-04 SLEAFORD MODS + KARIES 03

Review: OIRO – Meteoriten der grossen Idee (CD)

Oiro 2015 Meteoriten Der Grossen Idee

Aarrggghhhhh… Ich kack ab! Diese Platte ist so außerordentlich! Aufgenommen von Stammproduzent Gregor Henning und Peta Devlin an sieben Tagen im frühsommerlichen Bremen veröffentlichen OIRO am 30.10.2015 ihr drittes Album „Meteoriten der grossen Idee“ (bzw. ihr fünftes, wenn man die beiden Singlecompilations „Neon“ und „Gruppe ohne Therapie“ dazu zählen mag). Was mich an OIRO jeher begeistert, sind die Gitarrenarrangements, mit dem Hang zum melancholischen Picking: gelegentlich verschroben und immer dynamisch, wobei Bass und Schlagzeug hingegen verlässlich für das notwendige Punkrockfundament sorgen. Jonny´s urbane Schreibereien sind offene Lyrik fernab jedes Liedkorsetts, eindeutig in der Atmosphäre, interpretierbar im Ausdruck.

Das sehr schöne Raketenrucksack-Foto auf dem Cover, findet seine befremdliche Science Fiction-Vertonung in der Verwendung von Gitarrensynthesizern (also, vermute ich mal…) und sogar eines Theremins auf „Stadt Erde I +II“, dem vielleicht zentralen Song des Albums, da sein Refrain für den Albumtitel herhalten muss. „In den Zirkus Europa“ profitiert von der Vielfalt, die sich OIRO über die Jahre erarbeitet haben, überhaupt wird der Mut zum Chorgesang hier erneut belohnt. Die Arbeit am Vorgängeralbum „Gruppe ohne Therapie“, das ja eine Zusammenstellung der vorangegangenen Singles war, hat den musikalischen Kosmos der Düsseldorfer Mofapunks deutlich erweitert. Die vorab veröffentlichte Single „Zähmen“ belegt dies durch ein mechanisch klingendes Schlagzeug, weiblichen Backgroundgesang und einen genial einfachen, sich steigernden Schlussrefrain, ehe „Kinder der Schande“ textlich deutlicher und musikalisch stark bassgroovend daher kommt.

Insgesamt eine hoch musikalische OIRO-Platte mit einem hochgradig bescheuert-genial gelben Preisetikett: so wird aus „Oiro“ dann „Null Iro“ und der Daumen hört ganz schnell auf, den Aufkleber abknibbeln zu wollen. Limitierte Erstauflage auf gelben Vinyl gibt’s bei der Band und Flight13 (VÖ 30.10.2015). / Marko Fellmann

flight13.de // 32:11 // mofapunks.de // oiro.bandcamp.com/music // video //

Review: FEHLFARBEN – Über… Menschen (CD)

Fehlfarben 2015 Über... Menschen

35 Jahre ist „Monarchie und Alltag“ inzwischen alt und nach wie vor ist das FEHLFARBEN-Debüt von 1980 das Referenzalbum für deutschsprachigen Postpunk. Die musikalische Ruppigkeit seines Frühwerks ist dem Sextett schon lange abhanden gekommen: wer sie daran misst, wird enttäuscht, wer sich dem allerdings unvoreingenommen nähert, wird belohnt, wie mit dem dreizehnten Longplayer „Über… Menschen“ (VÖ 25.09.2015).

Denn die textliche Sperrigkeit hingegen steht und fällt mit Peter Heins Miesepetrigkeitsfaktor in Kontrast zum Hier und Jetzt. Was hierbei auffällt ist der Wechsel der Hassobjekte: früher ging es gegen die Alten, jetzt geht’s gegen die Jungen: „Ich brech’ doch keinen Streit vom Zaun mit Generationen, die sich eh nichts trau’n. Als Rollatorrebell im Kurhotel, … ich alter Sack hab doch nichts in der Hand.“ (aus „Der Dinge Stand“). Der trippigen Naturbeschreibung „Sturmwarnung“ folgt das rockige „Das Komitee“: die befremdlichsten Momente sind die pyrolatischen synthetischen Sequenzen, die die Band allerdings schon seit ewigen Zeiten in ihren Arrangements eingebunden hat. Heimeliger wird’s in den clashigen „Rein oder Raus“ und dem dubbigen „Urban Innozenz“. Bzw. so richtig retro wird es immer in den Momenten, in denen Frank Fenstermachers Saxofon erklingt, z.B. in „Der Mann den keiner kennt“ oder auch „Schmerz, Wut, Genuss“: „Genießen wir einfach gemeinsam das Leben, was Besseres als hier, das kann es nicht geben!“, schmettert Hein hier pathetisch und zwanghaft positiv, untermalt von Thomas Schneiders Sologitarre. Mit NDW-Sound hat das nun wirklich nichts mehr zu tun, der Bandsound ist vielfältig und breitbeinig aufgestellt, 2-4 schnelle Nummern, der Rest midtempo bis balladesk: „Manchmal möchte ich gar nicht mehr schreien!“ resümiert Peter Hein in der Akustikballade „Wie allein“. Im Oktober wird er schreien müssen: da präsentieren FEHLFARBEN ihre neuen Songs auf Tournee. / Marko Fellmann

tapeterecords.com // 41:26 // fehlfarben.com //

EA80 – Zakk, Düsseldorf, 2015-07-03

Altersvorsorgetag im Zakk! Einer der heißesten Tage dieses Jahres und ich geh´ auf´n Konzert… Warum tu ich mir so was an? Mein Körper sehnt sich nach einem kühlen Lüftchen, einer erfrischenden Brise, irgendeiner Kühlmöglichkeit, gerne auch einem Kühlschrank, aber nein: ich geh auf´n Konzert! Aus Solidarität? EA80 spielen an diesem Abend ein „Solikonzert in eigener Sache“. Am 22.11.2014 kam es nach einem Einbruch im Alten Kolpinghaus in Mönchengladbach, zum Diebstahl von Gitarren, Verstärkern und Effektgeräten. Die Diebe hinterließen einen verwüsteten Veranstaltungsraum: das von ihnen versprühte Feuerlöschpulver verdreckte den Veranstaltungsraum bis in die letzte Ritze und sorgte für einen Sachschaden in vierstelliger Höhe, der nicht in jedem Fall durch Versicherungen gedeckt war. Zwischenzeitlich besitzen die Musiker neues Equipment, nur Nico besitzt sein altes Drumset noch, da er es nach dem damaligen Auftritt direkt im Auto eines Freundes verstaut hatte.

Es sind so 500-600 Leute, schwer zu sagen, da auch während des Konzerts (wie leider viel zu oft) Leute auf der Straße, bzw. im Biergarten sitzen. Tatsächlich sind die Luftverhältnisse während des Konzertes vollkommen ertragbar, gut für Bassist Oddel, der vom ersten bis zum letzten Lied komplett verschleiert auftritt. Relativ am Anfang manifestiert „Fliegen“ seinen Ausnahmestatus und wird originalgetreu brachial vorgetragen: ein absoluter Höhepunkt, der dieses Konzert magisch werden lässt. Schade, dass Stammmischer Bolle nicht da ist, so müssen die Zuschauer ziemlich textsicher sein, den Gesang kann man nämlich leider kaum verstehen. Nach einer Dreiviertelstunde geht es in die Pause, die viele dazu nutzen, um am Plattenstand die „aktuelle“ Single „Gladbach soll brennen“ abzugreifen – für 25€! Aus Solidarität? Nee, wohl eher aus Altersvorsorgegründen. Diese 7“ ist wie der magische Ring, in dessen Nähe jeder nur noch an sich selber denkt. So mancher kauft mehrere und wird sie bei passender Gelegenheit weiter verkaufen. Seit ich das Ding habe, frag´ ich mich: verkaufen oder auflegen? Verkaufen oder auflegen?

Beim zweiten Set dauert es drei Stücke, bis der Saal wieder so voll ist, wie zuvor, was irgendwie ´ne harte Nummer ist. Nichts für Weicheier ist außerdem die Pogozone vor der Bühne, aus der mir und Robert Bahr irgendwann Philip Nußbaum freudestrahlend entgegen torkelt: „Ich hab´ mit Martin gepogt!“, sabbert es mir schweißüberströmt entgegen und ich gratuliere ihm: er ist ein Held! „200 Meter und danach“ beendet das reguläre Konzert und man ahnt nicht Schlimmes, aber da entern DIE STRAFE die Bühne und spielen ein neues Stück ihres gerade fertig aufgenommen Albums: was will man mehr!? Zur Rückreise möchte ich euch abschließend noch folgende Empfehlung aussprechen: wenn jemand sagt „Roman kennt den Weg!“, verlasst euch nicht drauf, sondern erforscht eure Gefühle! / Marko Fellmann

2015-07-03 EA80 Düsseldorf Zakk 01

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