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Hamburg

Review: Bahnhof Schwarzburg – Bahnhofsjugend (EP)

Bahnhof Schwarzburg - Bahnhofsjugend - Cover_A

Schräges Ein-Mann-Projekt, abgekürzt BHFSWBG, mit abgefahrenen Homerecordings zwischen DEW, GEWALT und LE SHOK. „Festzelt“ beginnt wild-punkig wie PLASTIC BERTRAND, allerdings mit der resignierenden Erkenntnis „Eigentlich sind Türen nichts für mich“: gute Nummer! „247“ hat ein 80er-Bass-Pattern, der das Kranke im Leadgesang zur Schleife bindet. „Kauf dir was“ eröffnet die B-Seite und präsentiert sich als Hit: post-punkiger Bass, Gitarre, die mehr Soundsamplestation ist, als Saiteninstrument. Und ein Gesang, der durch simpelste Wiederholungen, so etwas wie Mitsingaura herstellt. „Autoauto“ ist kompletter Blödsinn: da hätte man lieber die „Schwarzburg“-Polka draufpacken soll. Die gibt es stattdessen als Bonustrack zum Download dazu. Limitierte Auflage von nur 150 Exemplaren, auf dickem Vinyl, mit Schablone besprühte Cover aus schwarzem Karton, dazu noch Textbeilage und Download-Code. Aus dem Umfeld von KURT, TEN VOLT SHOCK und YASS. / Marko Fellmann

chuchurecords // anker // 7:34 // bhfswbg

Review: NOSEHOLES – Danger Dance (LP)

Noseholes 2017 Danger Dance

Schräg! Knapp ein halbes Jahr nach der Debüt-7“ veröffentlichen NOSEHOLES ihr erstes Album „Danger Dance“ parallel in Deutschland und England und dabei ist das Hamburger Quartett (Ex-DAS ENDE) noch recht frisch bei der Sache: der erste Auftritt wurde im November 2017 absolviert und die meisten Songs wurden an nur zwei Tagen von Kristian Kühl aufgenommen. Der titelgebende erste Track „Danger Dance“ beginnt gemäßigt und zurückhaltend, groovt sich aber kontinuierlich ins schwarze Herz. Basis ist eine klassische Triobesetzung mit Gitarre/Bass/Schlagzeug plus Gesang. Geboten wird postpunkiger No Wave mit Undergroundcharme, tanzbar, mitsingbar, dabei allerdings nicht zwingend melodisch und nach der großen Hook hechelnd: stadionkompatible Refrains kann man hier lange suchen.

Zentral sind Steve Somalias dominant groovende Basslinien, die durch Tobis Gitarre mal funky, mal spacy, jedenfalls möglichst crazy ergänzt werden. Sängerin ZooSea Cide gibt der ganzen Sache einen Roadmoviecharakter mit Wiedererkennungswert, wobei ihre Gesangsstimme stets agitiert und sich dominant im Bandgefüge platziert. „Lush Box“ klingt enorm nach 1981 und ist ein verdammter Hit („Honey in the mouth, cocaine in the brain, hey!“)! „Styling“ benutzt ein ähnliches Schema, wird aber von einer ziemlich abgefahrenen Gitarre dominiert. „Yelzins Affair“ ist ein seltsames Gegeneinander im gejammten Miteinander, über das ZooSea improvisierte, geheimnisvolle pseudo russische Strophen spricht. „Ex Driver“ kommt enorm abgefahren mit Echogitarre im Refrain. Der immer noch ziemlich schräge Stampfer „Bed Smoker“ brilliert mit sehr coolen Basslinien und einer vielschichtigen Gitarre, die gelegentlich nach Orgel klingt: ein Hoch auf Fußpedale! „Aspirin Nation“ beendet instrumental und improvisierend mit „Lost Highway“-Gedächtnis-Saxofon-Solo die leider viel zu kurze Platte! Da hätte man ruhig noch „Noseholes“ und „Drug Owner“ von der EP drauf packen können, aber gut, so isses jetzt! Arte kann kommen! / Marko Fellmann

chuchurecords // harbingersound // xmist // 16:29 // noseholes

Review: KRANK – Die Verdammten (LP)

Krank 2017 Die Verdammten

Pfumm! KRANK ballern alles um und knüppeln alles nieder: blaue Flecken, blutende Lippen und gebrochene Rippen sind da vorprogrammiert und einkalkuliert. Dies alles aus einer angepissten Abwehrhaltung gegen Kulturzerstörung, Städtezerstörung und Umweltzerstörung – alles ist kaputt!

Sänger Jan kreischt und rotzt und brüllt in einem durch und ja, der schafft das auch Live, wie auch immer der das schafft, mir ist so was ein Rätsel. Das beeindruckend irrsinnig schnelle Tempo der zwölf Nummern haut einen jedenfalls komplett aus den Socken. Nach 22 Minuten ist der Spuk vorbei und man fühlt sich erschlagen und vor den Kopf getreten. Dabei fehlt es an Refrains und Orientierungspunkten, die Songs ballern an einem vorbei ohne Zeit zum Luft holen, was ich hier ausdrücklich sehr geil finde! „Fortschritt der Vernunft“ ist ein miesgelaunter Punk-Classic-Opener, der durch Mausis Schlagzeugspiel nur die Ruhe vor dem Sturm darstellt. Ab „Alles brennt“ (Hamburg mag gemeint sein, deine Stadt könnte es aber genau so sein) geht permanent die Post ab! Im Raketenwerfer „Katjuscha“ gibt es herrlich schräge Gitarrengeräusche neben plakativer Lyrik („Kunst ist Kunst und Punk ist tot“).

Aufgenommen in David Kreesins Schrottmusikkabuff (Bass + Gesang) und in Hauke Albrechts Rekorder-Studio (Schlagzeug + Gitarre), gibt es das Vinyl 150x in rot/clear und 350x in schwarz. Und endlich spielt die konzerterfahrene Liveband auch die Studioversion ein (abgesehen von den vier Liedern, bei denen Tobert Bass und Gitarre spielt). Stütze (Gitarre) und Höter (Bass) legen ein wahnsinniges Tempo vor und profitieren vom rängeligsten Rhythmusgitarrensound, den man weit und breit hören kann. Anspieltipps: „Totem“ und „Øres“. Ich bin absolut begeistert und total geplättet! / Marko Fellmann

thischarmingman // 22:05 // krank

KRANK auf Tour:

31.03.17 Hamburg
01.04.17 Lübeck

28.04.17 Dortmund
29.04.17 Dresden

19.05.17 Köln
20.05.17 FFM
21.05.17 Karlsruhe
22.05.17 Linz
23.05.17 Graz
24.05.17 Wien
25.05.17 Erlangen
26.05.17 München
27.05.17 Leipzig

23.06.17 TBC
24.06.17 Kiel

01.07.17 Herrenberg

14.07.17 Hannover
15.07.17 Düsseldorf

 

Review: KRANK – Resterampe (EP)

2016-11-08-krank-resterampe-ep

Fünf übriggebliebene Songs der „Ins Verderben“-Aufnahmen: für Komplettisten eine zwingend notwendige Anschaffung, für alle anderen eine gute Möglichkeit nachträglich einzusteigen, denn es handelt sich um mehr als der Titel „Resterampe“ suggeriert.

KRANK sind Punk aus Hamburg! Extrem wild und verdammt tight in der Ausübung ihres Lieblingssports. Die Texte drehen sich ums Überleben wollen, um falsche Führer und eine widerliche Flüchtlingspolitik. Als Bonus gibt es einen stressigen „Lederhosentyp“ von HANS-A-PLAST. Bei „Brot & Spiele“ spielt Tobert von TURBOSTAAT den Bass, bei den anderen Stücken der liebe Hoeter. Und Joao, der Mann im Hintergrund, hat nicht nur Schlagzeug und Gitarre gespielt, sondern den ganzen Kram auch gemixt und gemastert. Aufgenommen bei Hauke Albrecht im Rekorder Studio. Empfehlenswert wie alles, was diese Band bisher veröffentlicht hat. Neue LP ist in der Mache! / Marko Fellmann

thischarmingman // 8:45 // krank

Interview: MESSER + TELLAVISION, Köln, Gebäude 9, 2016-11-02

 

(alle Fotos von Ralf Hess)

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MESSER sind aktuell auf Tour, um ihre neue Platte „Jalousie“ zu promoten. Am 02.11.2016 spielten sie im Kölner Gebäude 9, was uns die Gelegenheit gab, die schöne Tradition der regelmäßigen KOPFPUNK-Interviews aufleben zu lassen, dieses Mal von Angesicht zu Angesicht und nicht wie bisher per Skype. / Marko Fellmann

Als Support haben sie sich TELLAVISION geangelt, eine Avantgarde-Künstlerin aus Hamburg, deren Performance mich stark an Laurie Anderson erinnert. Ihre Mischung aus geloopten, reduzierten Rhythmen und teils gekrächzten, teils gesungenen englischsprachigen Texten sucht seinesgleichen in Deutschland und hat mehr Beachtung verdient. Sie spielt viele Tracks ihres aktuellen Albums „The Third Eye“, welches ich mir nach dem Konzert sofort gekauft habe.

Aber ich bin wegen MESSER hier! Seit 2012 feature ich diese Ausnahmeband für Webradio oder Print und jedesmal war es nicht nur sehr nett, sondern auch sehr aufschlussreich. Das Interessanteste an dem ganzen Musikjournalismus-Quatsch ist für mich diese exponierte Beobachterposition, zu sehen und mitzuerleben, wie Bands sich über die Jahre verändern, nicht nur in eventuellen Besetzungswechseln, sondern auch im Umgang mit mir, bzw. anderen Medien. Z.B. wenn das Label gewechselt wird und damit einhergehend auch meine Ansprechpartner: das eine Mal bekommt man Platten und Infomaterial zuhauf, das andere Mal noch nicht mal einen Downloadlink (bei MESSER funktionierte die Versorgung immer einwandfrei). Ich ärgere mich über solche Entwicklungen nicht, sondern nehme sie zur Kenntnis. Und ganz ehrlich: Wer hätte denn vor vier Jahren gedacht, dass nicht nur Musikmagazine wie Visions und Spex, sondern auch die Feuilletonisten von Spiegel, Taz und Zeit sich mit solchen vermeintlich kleinen Bands beschäftigen?! Ich jedenfalls nicht! Beim Interview vor dem Konzert war Gitarrist Milek leider nicht anwesend, da er mit Busfahrer Julian am Merchtisch saß.

Ihr habt euch sehr verändert, auch wenn man MESSER natürlich noch erkennt. Wann habt ihr diese Veränderung selbst zu spüren begonnen? Wie hing das mit Palles Ausstieg zusammen?

Pogo: Die Veränderung ist uns bewusst geworden, als Philipp und ich erste Skizzen im Proberaum aufnahmen, auch wenn das ein Prozess ist. Einhergehend haben wir dann mit Palle festgestellt, dass unsere Vorstellungen gar nicht mehr so deckungsgleich sind. Aber auch das war ein langer Prozess.

Philipp: Das begann in etwa Weihnachten 2014, während Hendrik sich im Ostsee-Urlaub befand.

Pogo: Das ist übrigens ein ganz normales Ding: Hendrik macht Urlaub und wir arbeiten! (alle lachen)

Philipp: Da hatten wir unseren Proberaum gerade ganz neu und haben mit Schlagzeug, Orgel und Bass erste Demos aufgenommen. Das war für uns alle eine neue Herangehensweise an das Thema Songentwicklung. Pascal hatte zu dem Zeitpunkt Sorge, dass er sich für eine weitere Entwicklung der Stücke zu unflexibel macht.

Hendrik: Er war da für sich einfach an einem anderen Punkt!

Philipp: Wir haben zu ihm gesagt: „Na gut, muss ja jetzt nicht sofort perfekt sein, kann man ja noch ändern!“. Palle wollte sich da allerdings musikalisch nicht zu sehr festlegen, aber genau dieses neue Aufnahmeprinzip sollte das neue MESSER-Verfahren sein.

Ist doch auch oft so, dass die erste Idee die beste ist. Dann hat man die tausendmal gehört und es fällt schwer, sich dann noch etwas anderes einfallen zu lassen.

Philipp: Ja, das stimmt. Es ist ja auch nicht so, dass ich das Argument nicht nachvollziehen kann. Aber nachdem wir die ersten beiden Platten gemeinsam im Proberaum geschrieben und danach recht zügig aufgenommen haben, hatten wir uns für die neue Platte auf dieses andere Aufnahmeverfahren geeinigt. Die ersten Songs, die dabei entstanden sind, waren „Der Mann, der zweimal lebte“, „Im Jahr der Obsessionen“ und die ersten Ideen für „Detektive“.

Pogo: Die allererste Idee, die ich rumgereicht habe, war eigentlich „Niemals“. Aber die konkrete Arbeit begann mit den Stücken, die Philipp genannt hat.

Das fiel mir beim Schreiben des Reviews schwer, so einen Begriff wie „Rock-Pop“ da zu erwähnen, nach all den Gesprächen, die wir in den Jahren hatten. „Der Mann, der zweimal lebte“ klingt deutlich softer als euer bisheriger Sound. Hinzu kommt das Video, dass diesen Song ja als Beziehungs-/Liebeslied manifestiert. Vielleicht war Palle das zu soft? „Detektive“ fand ich zum Beispiel am wenigsten einem Genre zugeordnet.

Philipp: Im Post-Punk-Bereich fallen mir da z.B. A CERTAIN RATIO als Referenz für „Detektive“ ein. Bei „Die Unsichtbaren“ (2013) war es ja „Neonlicht“ mit dem alles begann. Ich glaube, immer wenn wir mit einem neuen Album anfangen, müssen wir erst einmal etwas anders machen, um dann zu sagen: „O.K., jetzt schreiben wir noch mal so was wie „Die Echse“ im klassischen MESSER-Sound. Die Sachen, mit denen wir so einen Prozess beginnen, müssen für uns schon eine konkrete Veränderung markieren. Dass Palle die neuen Stücke zu soft waren, glaube ich nicht.

Neuerfindung oder Veränderung?

Pogo: Veränderung ja, aber Neuerfindung eigentlich nicht!

Philipp: Es ist ja kein Bruch mit dem Bisherigen, sondern hängt zusammen, mit dem was bisher passiert ist.

Pogo: Für MESSER wesentlich war schon immer der Gedanke, dass alles möglich ist. Natürlich hat jeder von uns da seinen eigenen Geschmack.

Manuels Percussions sind seitdem viel dominanter im Gesamtsound. Wie gehst du an die Songentwicklung ran?

Manuel: Ich bin ja während der Aufnahmephase zu „Die Unsichtbaren“ eingestiegen. Damals waren die Percussions eine Art Produktionstool, um gewisse Sounds fetter zu machen. Jetzt war die Herangehensweise tragender, komplementär zu Philipps Schlagzeugspiel, ohne klare Hierarchien, wer wofür zuständig ist. Das wurde dann von Song zu Song anders umgesetzt. Das Set-Up entstand sehr intuitiv, nach und nach: die Bongos habe ich in einem Musikladen in der Schnäppchenecke entdeckt. Die klingen ganz gut, fast schon sequenzermäßig, ohne den Drums im Weg zu stehen. Das ist glaube ich das, was „Detektive“ dann auch ausmacht. Da gab es keinen Masterplan, sondern das hat sich ganz organisch entwickelt. Über diese Entwicklung bin ich sehr glücklich. Diese Verzahnung mit Philipps Schlagzeugspiel sagt mir total zu, auch dass es sich gegenseitig so ergänzt und man gar nicht genau sagen kann, wer oder was hier jetzt rhythmisch den Ton angibt.

Übrigens ein super schönes Artwork mit diesem Textbuch!

Hendrik: Das freut mich. Da hat bisher kaum jemand nach gefragt! Es gibt dieses in der Leipziger Galerie ausgestellte und fotografierte Original-Textbuch, von dem ich für jedes Bandmitglied in Fanzine-Manier Kopien gemacht habe. Aber ich wollte noch zu Manuels Entwicklung was anmerken: Bei „Die Unsichtbaren“ waren die Percussions eher so eine Art Zugabe, inzwischen ist das schon eine Symbiose.

Schön gesagt! Mann, wieso ist mir das nicht eingefallen?

Hendrik: Na, wir haben es ja schon zehn Mal erzählt. (alle lachen)

Review: MESSER – Jalousie (LP)

2016-10-19-messer-jalousie-lp

Identität entsteht durch das Variieren von Möglichkeiten! MESSER haben dieses Spiel von Anfang an betrieben und verknüpfen vielschichtigen Post-Punk mit anspruchsvoller Poesie. Hörer, die offene Lyrik ablehnen und eindeutige Parolen brauchen, werden hinter der „Jalousie“ nichts finden. Wie schade, es gäbe eine Menge zu entdecken!

Nicht nur im balladesken Opener „So sollte es sein“ (der durch die Zweitstimme von Stella Sommer von DIE HEITERKEIT genau die Größe und Tiefe erreicht, die seinerzeit EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN durch die Beteiligung von Meret Becker in „Stella Maris“ erzielten), sondern auch im rockpoppigen Liebeslied „Der Mann, der zweimal lebte“ spielt Bassist Pogo Orgel. Rockpop? Liebeslied? Nun ja, es ist so: in Verbindung mit den Synthieflächen, die wiederum von Gitarrist Milek beigetragen werden, transformieren MESSER ihren Sound in eine gewisse zugängliche Internationalität, um nicht das fiese Wort Pop zu benutzen. Es kommt hinzu, das Sänger Hendrik nicht mehr schreit, sondern singt und damit seinen Vocals ein breiteres Spektrum ermöglicht, im Gegensatz zum „Kaputte Arme – zerschundene Knie“-Stil der frühen Jahre. Dann erklingt außerdem Micha Achers (THE NOTWIST) Trompete, gar nicht mal so dominant, sondern dezent anschleichend, den Gesamteindruck versüßend. Das sind die offensichtlichsten Faktoren, die das dritte Album des Quintetts deutlich von seinen Vorgängern unterscheidet. Liest sich natürlich auch irgendwie gut, wenn da Jochen Arbeit (EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN) als Gast erwähnt wird, seine Soundsamples ergänzen die Arrangements stilecht und sorgen für akustische Verfremdungen.

Aber die Veränderungen im Bandsound sind noch wesentlich umfangreicher: Percussionist Manuel setzt sich endgültig als neues Bandmitglied durch und hat eine Menge prägender Momente auf dem Album, wobei „Detektive“ heraus sticht. Schlagzeuger Philipp ackert wie eh und je und lässt neuerdings auch deutlich mehr digitale Rhythmen zu. Gitarrist Milek ist ein legitimer Nachfolger für Pascal Schaumburg, kann diesen aber trotz Stratocaster und Echos nicht ersetzen. Sein Ansatz geht eher in eine The Edge-Richtung, während Palles Gitarre komplett outer-space war. Und trotzdem ist Mileks Gitarre top und bietet eine Menge zum Entdecken und lieb gewinnen (z.B. die Stakkatos in „Niemals“ oder die Flagoletts in „Schaumbergs Vermächtnis“ )! Bei „Im Jahr der Obsessionen“ ist seine Gitarre exzellent und entzaubert den Verschleierungseffekt den Gastsängerin Katarina Maria Trenk unisono mit Hendrik erzeugt. In „Meine Lust“ schreit Hendrik dann übrigens doch wieder, quasi Oldschool-MESSER und ja, es gibt mehrere laute Stücke auf dem Album: „Die Echse“ ist ein echter Kracher! „Niemals“ der ideale Konzertopener! Und „Schaumbergs Vermächtnis“ erzeugt natürlich tiefste 80er-Flashbacks und entblößt einerseits Hendriks zentrale Identitätsthematik („Doch durch den Spiegel kommst du nicht!“), schließt andererseits musikalisch aber auch die Klammer im Musikalischen, da Pogos Orgel die Platte beendet.

Die Aufnahmen begannen zusammen mit Robin Völkert im Dezember 2015 auf dem Rittergut Haus Nottbeck und endeten im neuen münsteranischen Proberaum 2016 unter der Regie von Proberaumbesorger Pogo, der die ganze Vorproduktion dann in treue Hände an Tobias Levin übergab. In Anbetracht des Wegfallens regelmäßiger Bandproben und der Integration zwei neuer Musiker sollte man „Jalousie“ nicht mit „Im Schwindel“ (2012) oder „Die Unsichtbaren“ (2013) vergleichen. Von daher war es auch nur konsequent im Artwork neue Wege zu gehen. Die Coverjalousie hat was dreidimensionales und das Gesamtpaket aus dickem LP-Rücken und Textbeiheft beeindruckt außerordentlich. Hör ich seit Monaten! / Marko Fellmann

trocadero // 40:33 // messer

MESSER-Tour 2016:
28.10. Essen, Zeche Carl
29.10. Bremen, Lagerhaus
30.10. Bielefeld, Forum
31.10. Kaiserslautern, Kammgarn
01.11. Wiesbaden, Schlachthof
02.11. Köln, Gebäude 9
03.11. Berlin, Frannz
04.11. Gießen, MuK
05.11. Stuttgart, Zwölfzehn
06.11. Wien, B72
07.11. München, Kranhalle
08.11. Dresden, Groovestation
09.11. Leipzig, Naumanns
10.11. Jena, Kassablanca
11.11. Hannover, Café Glocksee
12.11. Hamburg, Molotow
03.12. Münster, Gleis 22

Review: SIE KAMEN AUSTRALIEN – Peter Ist Der Wolf (CD)

Sie Kamen Australien 2016 Peter Ist Der Wolf

Ja, das erinnert natürlich stark an Neue Deutsche Welle, wobei ich jetzt gar nicht sagen könnte, an wen konkret!? Ich finde, das geht teilweise in so eine LIPPS INC-Diskostampfer-Richtung (won´t you take me to funkytooown?), bzw. DAF mit den Arrangements von NENA, allerdings in TRIO-Besetzung und mit den produktionstechnischen Möglichkeiten, die das Hier und das Jetzt drei gestandenen Musikern heutzutage so bietet.

Ich vermisse zwar zunächst laute E-Gitarren, aber das reguliert sich im Laufe des Albums. Von Punk kann man hier aber eigentlich nicht sprechen, dafür sind die Arrangements und Sounds zu „international“ und zu „poppig“, einfach wahnsinnig fett im Bass (mit Synthi-Effekten) und vom Mastering eher im aktuellen HipHop anzusiedeln, als im Rockbereich. Dennoch bildet die Triobesetzung die Basis für zehn sehr tanzanimierende, weil meist schnelle Songs: das ist alles hoch musikalisch, pointiert, präzise, witzig und irgendwie über den Dingen. Hinzu kommt der nicht enden wollende Verweis auf TRIO, der Bandname zitiert ja sogar die alte Peter Behrens-Single „Sie kam Australien“ von 1990. Aber in „Du bist der Superstarwerden Remmler, Behrens und Krawinkel im Text erwähnt („Du kennst die Charts, quatscht alle dicht, Peter Behrens kennst du nicht!“) und im dazugehörigen Video wimmelt es dann zusätzlich von TRIO-Zitaten, ob die Megaphon-Performance oder die Mikrostativpantomime: alles ziemlich cool!

Das Artwork kommt modern futuristisch daher und bezeichnender Weise steht hinter jedem Titel das Tempo abgedruckt. Fein wäre es, wenn „Peter ist der Wolf“ irgendwann mal als Langspielplatte nachgeliefert würde. Denn auch wenn das vorliegende Digipack einen guten Eindruck macht: Vinyl soll ja angeblich der neueste Schrei sein!? Insgesamt ein guter Einstand, sogar mit einem Hit, der Ballade „Eigentlich für dich“! Die hätte es 1983 in die Charts geschafft und wäre bei „Formel Eins“ gelaufen! / Marko Fellmann

brilljant-alternatives // 37:09 // siekamenaustralien

Review: HANS EHLERT HAMBURG – Zwei (LP)

2016-03-19 HANS EHLERT HAMBURG - Zwei (LP).jpg

HANS EHLERT HAMBURG sind ein Duo aus Berlin. Mit ihrem 2013er LP-Debüt „Bizarre Farben“ (die 300er-Auflage ist ausverkauft!) haben sie sich in die Herzen der DIY-Fanzinegemeinde gespielt: verdammte Kritikerlieblinge! Basti Ehlert (Bass/Gesang) und Theo Ehlert (Gitarre/Drums) spielen einen an frühen NDW angelehnten Indiepunk irgendwo zwischen RHEINGOLD und FEHLFARBEN. Jedenfalls wird mehr gesprochen und gebrüllt als gesungen und die Gitarre ist perkussiv postpunkig. Die gesamte Platte wurde mit einem Drumcomputer eingespielt, aber vielleicht macht gerade das den Charme und die Atmosphäre dieser Platte aus. Live hat ihre Landkarte noch genügend Lücken, dennoch konnten HANS EHLERT HAMBURG bereits mehrfach auf Konzerten überzeugen, hierbei übrigens seit 2015 immer mit Tourdrummer Ste. Jetzt also endlich der 12“-Nachfolger „Zwei“: 180g + CD im Steckkarton (die kann man auch separat kaufen), DINA4-Textbeilage, 11 Lieder in einer dreiviertel Stunde, aufgenommen zwischen 2013 und 2014 im Berliner Proberaum.

Alles einsteigen“ punkrockt sich sofort ins VELVET UNDERGROUND-Herz, während „33 rpm“ nicht nur eine offensichtliche Liebeserklärung an die Schallplatte ist, sondern auch der Sehnsuchtssoundtrack der Generation Langeweile. Eine hektische Rhythmusgitarre im besten F. J. Krüger-Stil führt „Jugendkultur“ in den speziellen HANS EHLERT HAMBURG-Taumel. „Eurythmie“ beendet die A-Seite und entpuppt sich als legitimer „MS Freak“-Nachfolger: funkige Postpunk-Gitarre trifft auf wummernden Bass. Bastis Texte pendeln zwischen Resignation und Wut: „Zum Studieren nach Prag oder Kiffen im Park? DAF hat´s schon vertont, dass verschwenden sich lohnt!“ (aus „Eurythmie“). Insgesamt ein würdiges zweites Album, wieder auf 300 Exemplare limitiert, also mit dem Bestellen nicht zu lange warten! / Marko Fellmann

hafenschlammrekords // 45:45 // hansehlerthamburg

Review: NEOPIT PILSKI – Wir/Ihr (LP)

2016-02-26 Neopit Pilski 2016 Wir-Ihr

Schräg und krumm, aber Songs, gezähmter Noise, hoffnungsmachende Melodien zum Entlanghangeln und sich dran erfreuen, frühe BLUMFELD, ja, Gitarre mit 12er-Saiten komplett einen Ton runtergestimmt und lediglich bei einem Track die tiefe D-Saite noch auf C runter („Kürbis Rote Onkelchen“), immer nur Halstonabnehmer benutzt, dank einem Jazzmaster-Pickup in der Telecaster, edle Mischung, teilweise gemastert von Hauke Albrecht, der Rest in Eigenregie, aufgenommen in Hamburg, als Duo, Stefan Ivanov – Gitarre/Gesang, Simon Schmidt – Schlagzeug, früher allerdings Trio, Lüneburg, bereits 2010 eine CD, noch mit Bassist Steffen, der nun Kinder und Familie vorantreibt, war auch geile Musik, fand aber wenig Öffentlichkeit, jetzt also bei Fidel Bastro, jetzt also mehr Öffentlichkeit?

Wir/Ihr“ hat Atmosphäre und Ausdruck, ohne sich an gängige Mainstreamstandards zu halten. Dennoch ist diese Platte ein guter Wegbegleiter durch die Wirrungen des Alltags, quasi ein Selbstschutzsoundtrack, der Hoffnung macht. Dass NEOPIT PILSKI sich in ihrer Befremdlichkeit diese Zugänglichkeit erhalten empfinde ich als ein Kunststück sondergleichen. Der fehlende Bass wird überhaupt nicht vermisst! Die bulgarischen Texte wirken besänftigend und vertrauensvoll, ohne Befremdlichkeit zu erzeugen. Die Texte liegen der LP nicht bei, aber die Titel sind übersetzt und heißen dann „Lüge“ oder „Knochen“. „Kürbis Rote Onkelchen“ ist Noiseswing, der sich dramatisch steigert, während “Die unerträgliche Vorteilhaftigkeit das Habens“ instrumental und kompositorisch aufwendig daher kommt und irgendwie an Mike Patton oder SONIC YOUTH erinnert. Allein schon der ebenfalls instrumentale Rausschmeißer „Lullaby for Z“ hat wahnsinnig viel Schönes in sich: da braucht es wirklich keinen Gesang, das hat alles, was gute Musik ausmacht! / Marko Fellmann

fidelbastro // 32:18 // neopitpilski

Interview: KRANK – Taten sind lauter als Worte!

2015-11-27 KRANK Setlist 01

Das knackt! Stulle, Höter, Stütze und Mausi sind KRANK. Joao, Tobert, Chriss, Jens, Klaus und V-Mann-Jürgen sind aber auch irgendwie KRANK. Warum das so ist, erzählten mir Jan, David, Flemming und Ramon bei ´nem Pappbecher Kaffee vom Bäcker, in einer WG in Mönchengladbach, wo wir uns nach einem gelungen Releaseday-Auftritt zum Interview verabredet hatten. / Marko Fellmann

Beim Interview waren außerdem noch ULF dabei. Ebenfalls aus Hamburg. Ebenfalls beim gestrigen Konzert und ebenfalls mit deutschsprachigen Punkrocksongs, allerdings eher Richtung DUESENJAEGER, was als Assoziation reichen muss. Deren Debüt-Dingsbums steht zwar noch aus, aber nach dem rundweg gelungenen ersten Auftritt muss ich schon sagen: bin gespannt! Und der Vollständigkeit halber sollten auch noch THE PIXEL CRASHER aus Mönchengladbach erwähnt werden, die am 27.11.2015 mit Coverversionen und eigenen Nummern für gute Stimmung in der Mönchengladbacher Kultube sorgten.

2014 schickte mir Chu Chu Records eine limitierte 7“ von KRANK aus Hamburg, deren sechs Songs mich sofort begeisterten: klassischer Hardcorepunk trifft auf Sänger mit deutschen Texten. Gute Sache erstmal! 2015 hatten KRANK nun die Ehre, ihre Debüt-LP „Ins Verderben“ bei This Charming Man veröffentlichen zu dürfen (VÖ 27.11.2015). Und irgendwas mit TURBOSTAAT war übrigens auch noch…

Jan, welche Bands hattest du eigentlich vor KRANK?

Jan: Ich hab´ vorher noch nie was gemacht: das ist das erste Mal… (grinst) Angefangen hat das Ganze damit, dass mein Schwager Joao und ich das spaßeshalber als Homerecordingprojekt gestartet haben. Daraus hat sich dann nach verschiedenen Verzögerungen die Band KRANK entwickelt. Joao war schon in seiner Heimat Portugal in mehreren Hardcorebands als Drummer aktiv und in Hamburg ist er dann bei NEVER eingestiegen, der Band, in der Chriss Dettmer gesungen hat (übrigens auch Sänger von BENT CROSS). Aktuell spielt Joao bei AAS Gitarre und singt und letztendlich ist er es, dem wir KRANK zu verdanken haben! Joao hat mir nämlich eines Tages zwei Instrumentaltracks zukommen lassen, die er bei sich zu Hause zusammen geschustert hatte. Für diese Nummern hab´ ich mir dann Texte einfallen lassen und dann haben wir eines Abends in seinem Wohnzimmer in einer Bierlaune die ersten beiden KRANK-Lieder aufgenommen: „Ersatzverkehr“ und „Niemand“ waren das, wenn ich mich recht erinnere… Dann haben wir das ein paar Leuten vorgespielt und zu den ersten Hörern gehörten Chriss und Tobert, die das ziemlich cool fanden. Mit denen haben wir dann sogar ein halbes Jahr später mal zusammen geprobt! Aber leider nur ein einziges Mal… Ein paar Monate später hat dann Jens Gitarre gespielt, dazu gesellte sich dann Klaus Hoffmann am Bass, danach hat Karsten alias V-Mann-Jürgen den Bass übernommen (der übrigens auch bei BENT CROSS den Bass spielte), weil Klaus keine Zeit mehr hatte. Jens und Karsten haben sich dann die ganzen Sachen von unseren ursprünglichen Demos drauf geschafft und es kamen immer wieder neue hinzu.

Hey, ich dachte, Klaus Hoffmann sei Toberts KRANK-Pseudonym?

Jan: Nee, aber er fand das soo witzig sagen zu können, das Klaus Hoffmann auf der Platte Bass gespielt hat! (lacht) Klaus hat ganz früher übrigens mal bei Jupiter Jones gespielt.

Woher kennst du denn Tobert überhaupt?

Jan: So über die letzten Jahre ist Tobert einer meiner besten Freunde geworden. Ich glaub´, der Kontakt kam über Chriss, oder wir sind uns in Hamburg irgendwann über den Weg gelaufen und dann hat sich das so ergeben… Hallo Käsemann. Ich bin im Fernsehen!

O.k., aber wie kommen jetzt die drei hier anwesenden Herren ins Spiel?

Jan: Zum Jahreswechsel 2014/2015 war irgendwie klar, dass unser Gitarrist aussteigt, obwohl wir noch den Auftritt mit TURBOSTAAT ausstehen hatten. Daraufhin blieb uns nur die Möglichkeit, dass Joao Gitarre spielt und wir jemanden fürs Schlagzeug finden, da nämlich im Bekanntenkreis auf einmal nur noch Trommler übrig waren, aber keine Menschen die Gitarre spielen. Dafür konnten wir dann Ramon anheuern, mit dem wir das Husum Ding dann durchgezogen haben: nach nur zweimal Proben! Joao war allerdings seinerzeit schon nach Schweden ausgewandert und ist dann für dieses eine Konzert extra nach Husum gekommen. Aber das war dann sein letztes Konzert und wir haben dann erst mal ein halbes Jahr Pause gemacht. auch weil sich die Gitarrenmenschsuche erheblich hinzog. Irgendwie war dann auf einmal Flemming am Start und irgendwie war da aber dann auch schon bald klar, dass Karsten wegen seinem neuen Job keine Zeit mehr für KRANK haben würde, weswegen wir dann parallel David angelernt haben und also zeitweise sogar mit zwei Bassisten geprobt haben. Und dann kam das Konzert mit EMPOWERMENT auf der MS Hedi, welches dann letztendlich Karsten´s letzter Auftritt war.

David: Ich hab´ damals 2012 schon die ersten Demos zu hören bekommen, also: wir kennen uns alle untereinander schon einige Jahre.

O.k., logische Anschlussfrage: wann dreht sich das Musikerkarussel weiter, wer steigt als nächstes aus?

Alle: Keiner!

Flemming: Keiner hört auf! Das fühlt sich nämlich total gut an, gerade nach solchen Wochenenden! Jeder von uns macht schon seit einigen Jahren Musik und ich kann jedenfalls für meinen Part sagen, dass es sich noch nie so rund angefühlt hat.

Heißt doch aber eigentlich, dass von euch Dreien keiner an den Aufnahmen beteiligt war!? Aber du, Jan, du warst bestimmt dabei, oder?

Jan: Es war so: im November 2014 hat Joao in Haukes Studio an vier Tagen alle vorliegenden Lieder eingespielt. Ab dem Zeitpunkt war irgendwie schon absehbar, dass Jens aussteigt. Ich hab dann mal Tobert zu Smukals „Rückkopplung“-Vintage-Equipment-Laden begleitet, wo ich gern´ mal mit ihm rumhänge. Der hat da einen alten Suprem-Verstärker angetestet. Ich fand den super und als dann klar wurde, dass Joao auch die Gitarren einspielen wird, war mir klar, den brauchen wir. Ich hab mich mit Joao und Tobert bei Smukal verabredet und dann haben wir den kleinen rängeligen Verstärker für Joao gekauft. Ohne irgendwelchen Effektgeräte-Schnickschnack hat Joao dann die Gitarrenspuren zu den Drumtracks eingespielt. Smukal hat übrigens zur Ausleihe noch eine 80er Fender Telecaster mitgegeben. Ach noch was. Joao ist zwar im schwedischen Exil, aber es wird sicher noch Lieder von ihm geben in Zukunft. Wir sind ein gut funktionierendes „Ersatzteillager“. Und gerade fällt mir ein, dass Joao den Verstärker immer noch nicht bei mir bezahlt hat, ha ha…

Ääh, was bedeutet „rängelig“? Ist das Norddeutsch?

Jan: Vermutlich gibt’s das Wort nicht. Das ist Tobert und mein Wort für den Amp. Das ist eher lautmalerisch…

Wie kam es überhaupt, dass Tobert den Bass bei „Halbmast“ und „Frühstücksbrot“ eingespielt hat?

Jan: Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich gar nicht so genau weiß, wer bei welchen Liedern Bass gespielt hat. „Regenschatten“ ist definitiv von V-Mann-Jürgen, aber Tobert hat unterwegs auf Tour auch welche gemacht, „Halbmast“ kann sein, „Frühstücksbrot“ auf jeden Fall. Die Vocals hatten wir vorher bei Joao in Smaland/Schweden aufgenommen, aber nicht alle; einige sind von den Demoaufnahmen geblieben, weil sie schon gut waren. Und dann war es Haukes Aufgabe, das alles zusammen zu mischen und zu mastern.

Gut hat er das gemacht! Ich mag so knackige Sounds! Die Texte drehen sich viel um Gesellschafts- und Konsumkritik, aber mehrere Lieder haben vor allem einen politischen Ansatz! Stichwort: „Taten sind lauter als Worte!“!?

Jan: Schwer zu sagen, aber ich denke, dass die Studienzeit in Bielefeld mich schon stark sozialisiert hat. Die Konzertgruppenarbeit im AJZ Bielefeld war ebenfalls ziemlich prägend. Gerade für das politische Umfeld. Jetzt mal abgesehen von meinem Studium der Erziehungswissenschaften und meiner jetzigen Arbeit als Sozialpädagoge, die sich irgendwie auch in den Texten wiederfindet. Zur derzeitigen Situation in Hamburg ist es meiner Meinung nach zwingend notwendig, sich da einzumischen! Und da sind KRANK in der Konstellation auch alle auf einer Wellenlänge.

Was genau meinst du mit „derzeitiger Situation“?

Jan: Die „derzeitige“ Situtation stimmt eigentlich nicht… Es ist die allgemeine Hamburger Situation, die beschissene Sozialpolitik. der abscheuliche Umgang der Stadt mit sozial schwachen Menschen, Obdachlosen, Geflüchteten. Wohnungsnot und Gentrifizierung und dieses Streben nach Anerkennung der Marke Hamburg als weltweites Aushängeschild, ohne Rücksicht auf Verluste, zu Lasten der hier lebenden Menschen!

Gibt es unter euch überhaupt einen waschechten Hamburger?

David: Ja! Mich! Ich bin der einzige gebürtige Hamburger bei KRANK! Ich komme auch ebenfalls aus der Polit-Szene und war aber auch viel in der Harcorepunk-Szene unterwegs und hab´ eigentlich immer mit irgendwelchen Freunden in Bands gespielt: nix, was man kennen müsste!

Ramon: Ich mach schon seit der Schulzeit Musik! Zuletzt hab´ ich einige Jahre bei VIDEOCLUB gespielt: leider ist die Platte aber irgendwie nie fertig geworden.

Das Artwork der Platte ist recht martialisch! Wer hat das designt und wo wurde das geklaut?

Jan: Das hab´ ich gemacht, aber wo das alles genau herkommt, kann ich nicht mehr sagen! Wir haben ein unveröffentlichtes Stück namens „Erlöser“. Da heisst es in einer Zeile „ein Kreuzzug ins Verderben“. Durch diese Kreuzritteranlehnung kam es dann auch zu den mittelalterlichen martialischen Waffen. Der Slogan „Diese Maschinen töten Faschisten!“ kam erst im Nachhinein dazu, weil ich das naheliegend fand!

Malst du sowas selbst?

Jan: Naja, malen nicht. Es sind in der Regel Zusammenstellungen aus verschiedenen Elementen. Die Schrift und das Kreuz sind tatsächlich mit Klebeband gestaltet und abfotografiert. Die Waffen und Nägel von irgendwelchen Bildvorlagen „geklaut“ und umgestaltet. Das ist eigentlich bei allen Designs die ich mache ähnlich. Manchmal kommen da noch Graffitielmente in Form von Stencils zu, wie der Ulf/Krank-Tour- und Releaseflyer. So in der Art…

Wie kommt´s dann überhaupt zu dem Albumtitel „Ins Verderben“? Du hattest dazu ein Foto gepostet!?

Jan: Das ist ein Zitat aus diesem bereits erwähnten unveröffentlichten Stück „Erlöser“, wird aber auch in „Kampf gegen Windmühlen“ erwähnt. Ungefähr vor einem halben Jahr bin ich dann über das Buch „Beton“ von Thomas Bernhard gestolpert, in dem ich ein paar Sätze gefunden habe, die einfach 1:1 das wiedergeben, was „Ins Verderben“ als Titel darstellen soll. Deswegen habe ich diese Schnipsel dann gepostet, weil das einfach passt!

Halbmast“ höre ich als Anti-Besorgte-Bürger-Song: Fähnchen im Wind!?

Jan: Ja, generell ist das eine Kritik gegen die Sorte Menschen, die nicht klar für das einstehen, was sie denken, fühlen, empfinden…

Der Gesamtatmosphäre der Texte ist aber doch schon irgendwie ein bisschen, wenn ihr mich richtig versteht, depressiv, oder? Wird das denn auch genau so von der ganzen Band mitgetragen?

David: Schon! Außer von Mausi, der hat immer gute Laune, ha ha… (alle lachen)

Flemming: Also, ich hab´ immer tendenziell gute Laune! (alle lachen). Depressiv würde ich jetzt nicht sagen, aber das ist so eine gewisse aggressiv-negative Grundhaltung, die wir versuchen energetisch nach draußen zu bringen! Das finde ich irgendwie super!

Jan: Hass ist der kreative Motor!

Flemming: Genau! Es ist ja nicht so, dass die Inhalte der Lieder lustig wären, da gibt es nichts zu lachen. Aber durch die Musik wird einfach auch eine Menge Energie frei gesetzt und das entspricht ja auch der Grundhaltung bei uns allen! Da sind wir uns alle einig und deswegen funktioniert das auch so gut! Und ich glaub`: wir sind alle keine Freunde von Gute-Laune-Musik!

Ramon: Doch! Gestern nach dem Konzert in der Kultube, auf der „Achtziger-Jahre-Party“! (alle lachen).

thischarmingman.de // 31:00 // krankpunk.blogspot.de // video //

2015-11-27 KRANK 01

KRANK

2015-11-27 Ulf 01

ULF

2015-11-27 The Pixel Crasher 01

THE PIXEL CRASHER

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