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KARIES

Review: PETER MUFFIN – Ich und meine 1000 Freunde (LP)

Peter Muffin 2017 Ich und meine 1000 Freunde

Die Ansprüche und Erwartungshaltungen sind hoch, wenn man im Noisebereich Stuttgart erwähnt. DIE NERVEN haben sich im Laufe der letzten sechs Jahre ihr komplett eigenes akustisches Netzwerk erschaffen und scheißen auf Ansprüche und Erwartungshaltungen: deren kontinuierlicher Output wird seither ergänzt durch Kollaborationen mit befreundeten Musikern, sogenannten Seitenprojekten, die aber vollkommen eigenständig agieren.

PETER MUFFIN ist Julian Knoth an allen Instrumenten! „Ich und meine 1000 Freunde“ ist seine erste LP, obwohl der DIE NERVEN-Bassist seit 2011 quasi jährlich virtuell und physisch veröffentlicht hat: mal mit Musikern, mal ohne. Da ging es noch deutlich ruppiger zu als auf der aktuellen Platte. „Ich und meine 1000 Freunde“ erinnert mich atmosphärisch eher an Max Riegers ALL DIESE GEWALT, als an den eigenen Backkatalog. Das hat vielleicht mit der insgesamten Soundästhetik zu tun, die selbstredend wieder von Rieger & Milberg gestaltet wurde. Textlich offenbart uns Julian Knoth Einblicke in sein Innerstes und Äußerstes, in aller Diskrepanz zwischen Authentizität und öffentlicher Wahrnehmung. Die unsauber eingespielte Introgitarre beim Albumopener „Es zieht vorbei“ irritiert und ärgert mich, weil sie einen akustischen Stacheldraht ausrollt, der die eigentlich offenen Türen verbarrikadiert. Diese offenen Türen laden den Hörer ein näher zu treten und teilzuhaben, während die Texte hingegen nichts versprechen, geschweige denn erklären. „Die ganze Nacht schon“ hat so ein wunderschönes flirrendes Gitarrenintro, dass sich anhört als stünde das Aufnahmemikro einen Raum weiter am Ende eines langen Flurs. „Nicht einmal ich“ verbindet die Knothschen Bewusstseinsströme verbal und akustisch, erinnert musikalisch in Gitarre und Bass an RHEINGOLD und HANS EHLERT HAMBURG. Das gilt ebenso für „Hier bleibe ich stehen“. Der schwebende Sprechgesang, der nur selten singt, wird immer wieder durch Zweit- und Drittstimmen ergänzt, ausgeschmückt, collagiert und aber auch konterkariert. Dem DIY-Gott Tribut zollend muss man das Artwork erwähnen: achtzehn verschieden handausgemalte Identitätsangebote mit Pappfigurmentalität, individualisiert, aber austauschbar, wie die verschiedenen Facetten einer Persönlichkeit, die sich ihrer Rollenhaftigkeit bewusst werden. / Marko Fellmann

treibenderteppich // butzen // 22:27 // petermuffin

Interview: KARIES + GEWALT, Köln, Privat, 2017-03-31

20170331 GEWALT Patrick 3

Drei Bands sind mir zu viel! Auch wenn alle gut sind! HALL & RAUCH verpasse ich dadurch, bzw. stehe ziemlich weit hinten im brechend vollen Privat in Köln. Was ich von der Band mitbekomme klingt künstlerisch, postpunkig und ideenreich. Aber ich bin wegen KARIES und GEWALT hier! / Marko Fellmann

Wir stehen einfach auf dieses Maschinelle, deswegen der Drumcomputer, verstehst du?“. Zwei Stunden vorher: GEWALT-Gitarristin Helen baut gerade mit den anderen den Merchandise-Stand auf. Es ist noch eine Stunde bis zum Einlass und ich frage sie, wie sie denn Sänger/Gitarrist Patrick Wagner kennen gelernt hat?! „Wir kannten uns vorher nicht! Das lief über eine Bekannte, die wusste, dass ich zuletzt noch in einer Band gespielt hatte, allerdings Bass!“. Mein Blick fällt auf die Kleiderständer mit T-Shirts. „Macht ihr die Klamotten selber?“ Die „Klamotten“ sind von Fans eingeschickte T-Shirts, die individuell mit dem GEWALT-Schriftzug gesiebdruckt werden. „Die Aktion läuft noch!“, informiert mich Bassistin Yelka: „Die Leute schicken uns drei ihrer T-Shirts, die wir bedrucken lassen. Eins schicken wir dann zurück, aber die anderen beiden behalten wir, um die auf unseren Konzerten zu verkaufen! Die Siebdruckerei liegt direkt in unserer Nachbarschaft.“ Smells like DIY-Spirit, ich fühle mich wohl!

20170331 GEWALT Merch

GEWALT spielen ihr aktuelles Set ohne Drumcomputer auf der Bühne, der wird nämlich inzwischen vom Tourmischer bedient, was laut dessen Aussage nur einen einzigen Grund hat: „Wenn der Patrick auf der Bühne den DM-1 bedient hat, sah das immer aus, als würde er E-Mails checken! Geht gar nicht!“. Was GEWALT dann allerdings auf der Bühne veranstalten ist das energischste, was man zur Zeit im deutschsprachigen Noisepunk-Bereich sehen kann. Ich bin absolut begeistert! Flankiert von Bassistin Yelka und Gitarristin Helen verausgabt sich Sänger Patrick durch enorm viel gestenreiches Rumgeschrei. Hinzu kommt, dass er gegen die örtliche P.A. kämpfen muss, die parallel den Drumcomputer verstärkt. Die P.A. macht beim vierten Song schlapp, was für das Publikum ärgerlich ist, zumal Kevin Kuhn zwischendurch die Bühne betritt und beim Stones-Klassiker „Sympathy for the devil“ die Stand-Snare spielt. Trotzdem: was für ein wahnsinniges Konzert! Resignation, Wut, Eskalation, keine Beschwichtigung und keine Beruhigung: Patrick Wagner stellt sich auf einen Kasten Bier und redet zur Gemeinde. Dabei trägt er einen ehemals weißen Hochzeits-Anzug, verschmiert mit Blut und Dreck. Drei Stunden vorher beim Interview schien er mir noch so ausgeglichen und harmonisch…

20170331 GEWALT + Kevin

Was hast du eigentlich gegen Schlagzeuger?

Patrick: Uih, zum einen bin ich traumatisiert, weil ich ja zehn Jahre lang mit einer sehr egozentrischen Schlagzeugerin gespielt habe, das war nicht so einfach… Und dann ist es so, dass es einfacher ist, Sachen selber zu entwickeln: z.B. Beats! Ich habe immer zuerst einen Beat, irgendwas, was mir so im Laufe des Tages eingefallen ist und was ich dann geistig vor mich hin singe. Dann kommen die Worte und dann erst die Gitarre. Und da es dann eh schon in meinem Kopf ist und ich selber aber kein Schlagzeug spielen kann, programmiere ich das und nehme das mit zur Probe und wir spielen das. Ab da ist dann free falling angesagt und alles ist möglich. Und am Tag drauf spielen wir das beim Konzert. Wir proben einmal die Woche, allerdings ohne Qualitätsanspruch und vor allem nur, wenn wir da wirklich Lust drauf haben, weißt du? Also, so Geschichten wie „Wir müssen uns noch mit dem und dem Teil beschäftigen!“, so was machen wir erst gar nicht. Weil es uns einfach nicht interessiert!

Deswegen wohl auch das Bekenntnis zum Singleformat und den total unterschiedlichen Aufnahmeorten?!

Patrick: Genau! Bei In a car-Records haben wir die „Szene einer Ehe“ und „Pandora“ rausgebracht. Das haben wir mit einem Kassettenrekorder aufgenommen! Und jetzt die Zusammenarbeit mit DRANGSAL auf der neuen 7“, das ist eine richtige Studioaufnahme, zwar in einem kleinen Studio, aber mit gutem Equipment. Fast alles analog, ein gutes Pult: das macht schon einen Unterschied!

Am Anfang von „Tier“, was ist das für ein Instrument, dass so nach Fliege klingt?

Patrick: Nee, nee, das ist eine Fliege! (lacht)

Die ganze Depression, die eure Musik ausdrückt, ist für dich doch eigentlich allerfeinste Psychohygiene, oder?

Patrick: Den Begriff „Psychohygiene“ finde ich schwierig. Klar, wenn man den Frust so raus schreit, könnte man schon davon sprechen. Ich habe aber fünf Jahre zu Hause gesessen und einfach nur die Decke angeguckt: das war überhaupt nicht produktiv. Und andererseits war es übrigens auch überhaupt gar nicht so eine schreckliche Zeit, wie sich das eventuell anhört. Für jemanden wie mich, der eigentlich hyperaktiv veranlagt ist, ist es natürlich ein großer Schritt, wenn da so totale Leere ist, einfach nur Nichts. Und aus dieser Leere heraus habe ich dann aber wieder angefangen, Worte zu sammeln und Texte zu schreiben und habe den Punkt erreicht, wo ich mir sagte: das ist genau das, was ich sagen will! Und so wird es auch heute Abend beim Konzert sein. Es geht mir nicht darum, vor den Leuten einfach nur ein Konzert zu spielen, sondern ich will den Leuten was sagen! Darum gibt es diese Band! Und das macht mich glücklich!

Wenn du es singst, wie du es singst, also z.B. „Du bist allein! So soll es sein!“, das macht dann doch schon was mit einem, oder?

Patrick: Natürlich! Das ist ja erst einmal eine recht profane Erkenntnis, zu sagen „Du bist allein! So soll es sein!“, sehr simpel. Jeder hat Angst vor dem Alleinsein, obwohl jeder ständig z.B. bei Facebook rumhängt, weil er Angst vor der Erkenntnis hat, dass dahinter die totale Leere steckt. Und die Wahrheit ist nun einmal: es ist die totale Leere! Es ist Nichts, es gibt Nichts, alles findet nur bei uns im Kopf statt. Und wenn man das weiß, dann kann man auch viel entspannter an die Dinge ran gehen, finde ich. Und das hoffe ich auch, dass man das merkt, bzw. das haben mir Leute schon so gesagt, dass sie ein GEWALT-Konzert als reinigend empfinden und erleben. Das ist dann doch schon mal gar nicht so schlecht, finde ich! Ich dachte immer, dass wir das ewig nur im Proberaum machen, an solche Auftrittsmöglichkeiten war kein Denken.

Ihr habt ja ein paar Songs, die noch nicht veröffentlicht wurden: „Verheimlichung“ und „Limiter“ stehen noch aus. Wird es wieder eine Single? Klar, oder?

Patrick: Ja, die beiden Songs kommen jetzt als nächstes. Die nehmen wir während der Tour, an einem DayOff in einem Studio mit Publikum auf. Beim Michael Bethge in den Rama-Studios. Und abends noch ein Konzert: das wird ein harter Tag (lacht)!

Du meinst Christian Bethge?

Patrick: (lacht) Christian Bethge! Entschuldigung…

Kein Problem, Stefan!

Patrick: (lacht) Ich bin ja so raus aus diesem ganzen Musikzirkus…

Ich finde das gut! Aber die Labelsache scheint ihr ja recht locker zu sehen!?

Patrick: Ja, wie gesagt, je nach dem wer Lust hat. Wenn du mir jetzt sagst, du hast Lust eine 7“ mit uns zu machen, dann machen wir das!

Ich bin doch nicht wahnsinnig! Du hast doch selber die Erfahrungswerte als ehemaliger Labelboss, das war doch garantiert eine Größenordnung fernab solcher DIY-Menschen wie mir?

Patrick: 150 Veröffentlichungen mit 15 Angestellten, für die ich jeden Monat 60000€ besorgen musste! Das war serious shit! Das würde ich nicht mehr machen wollen!

20170331 KARIES Jan + Benjamin

KARIES habe ich seit November 2015 nicht mehr gesehen und es ist wieder eine Menge passiert in der ganzen Zeit. Vor allem sind sie Live irgendwie noch besser geworden. Oder war es einfach nur ein besonderer Abend? Tourabschluss sowieso! Jans Gitarrensound bestäubt die ganze trockene Luft im Raum und Benjamins Rhythmusgitarre treibt den Backbeat an und wenn er singt, fliegen ihm die Frauenherzen (mindestens die der ersten Reihe) entgegen. Kevin, wie immer eine Mischung aus Keith Moon und Cheech & Chong, drückt die ganze Musik nach vorne und bewegt sich hinter seinem Schlagzeug mehr, als die drei anderen zusammen. Bassist Max zockt stoisch seinen Squier-Viersaiter und singt seine Parts, ohne eine Miene zu verziehen. Dabei entsteht ein Zauber, dem ich und die gut 200 Besucher nicht entkommen können, da er von keiner Gesangsanlage der Welt kaputt gemacht werden kann! Ein tolles Konzert! Und ein sehr interessantes Interview:

Was hat sich so getan seit unserem letzten Treffen? Mein „Es geht sich aus“-Review habe ich vorhin noch mal durchgelesen und hatte so die Befürchtung, dass ihr mich jetzt hasst, weil ich die Musik so über die Texte erhoben habe?

Kevin: Ich finde das nachvollziehbar, so wie du es beschrieben hast.

Max: Also, ich mach mir schon Gedanken um die Aussage und die Rolle des Gesangs innerhalb des Bandsounds. Ich kann mich nicht hinstellen und irgendeinen Quark singen. Die Wörter müssen für mich eine Bedeutung haben. Weil ich nämlich finde, dass man mit dem Text das Instrumentale auch ganz schön versauen kann. Aber was du ja meintest, betraf ja eher die Soundidee, dass es eben nicht primär über die Texte funktioniert, sondern dass der Gesang ganz bewusst in die Musik eintaucht und nicht wie bei einer Pop-Produktion nach vorne gemischt ist.

O.k., aber meiner Meinung nach, könntest du genauso gut „Zwei Liter Milch Einsdreiundsechzig“ singen (alle lachen), die Musik ist alleine schon stark genug!

Kevin: Du meinst so wie „Das Salz der Erde gibt´s bei Rewe für neunzehn Cent!“?

Seinerzeit fanden auch die nicht verwendeten „Seid umschlungen Millionen“-Songs den Weg in den Presseverteiler. Vor ein paar Wochen habt ihr einen Free Download zur neuen Platte nachgeschoben! Und vorgestern erreichte mich die The Harbinger Sound-Compilation, auf dem sich ebenfalls ein Bonustrack von KARIES befindet! Was haben wir noch zu erwarten? Ihr habt doch bestimmt noch ein paar Songs aus den „Es geht sich aus“-Sessions gebunkert, oder?

Kevin: Höchstens zwei! Es gibt noch eine Instrumentalnummer und eine instrumentale Version von „Signale“, aber die eher so als Referenz für uns selber. Und „Es lachte“ auf dem Sampler haben wir übrigens bereits im Herbst 2015 bei einer Über-Nacht-Session in Solingen aufgenommen, auf so einem kleinen Zoomrekorder: das ist soundmäßig weit entfernt von den „Es geht sich aus“-Sessions und den anderen Veröffentlichungen. Ursprünglich wollten wir das sogar mit einem Handy recorden! Der Free-Download „Als es schon zu spät war“ allerdings war tatsächlich ein „Es geht sich aus“-Song!

Wie entscheidet ihr welcher Song rausfliegt?

Max: Also, z.B. für unseren Produzenten Max Rieger ist der Aufbau des Albums enorm wichtig, der Songcycle, dass das Ganze aufgeht. Und dann reden wir darüber und probieren aus, wie es am besten passt.

Kevin: Allerdings gibt es durch das Vinyl natürlich auch eine technische Limitierung. Die ursprüngliche Version des Albums war 50 Minuten lang. Für Vinyl 6 Minuten zu viel, ohne qualitative Abstriche machen zu müssen.

Durch den Jamcharakter der Musik habt ihr doch bestimmt immer schnelle Erfolgserlebnisse, oder?

Kevin: Na ja, die Art und Weise, wie wir das spielen wollen, arbeiten wir schon noch konkret heraus und dann kommt da auch schnell eine Menge zusammen: wir haben noch dutzende Demos aus den Sessions seit Januar, bei denen mindestens 15 gute Skizzen für neue Songs entstanden sind. Da haben wir das erste Mal seit einem Jahr wieder zusammen gespielt und das setzte eine Menge Druck und Energie frei.

O.K., bei eurem Tempo sei die Frage erlaubt: wie geht’s weiter?

Kevin: Ich fände es reizend, wenn wir Ende des Jahres wieder aufnehmen, aber das ist alles noch nicht so klar.

Max: Erstmal spielen wir diese Tour zu Ende und feiern im Mai in Stuttgart etwas zeitverzögert das „Es geht sich aus“-Release, sieben Monate später (alle lachen). Im Sommer wird es vielleicht noch das ein oder andere Festival geben, aber da gibt es noch keine konkreten Termine. Und im Oktober gehen wir wieder auf Tour, mit ein paar angedachten Terminen in Österreich.

Kevin: Wenn die Tour dann vorbei ist machen wir uns vermutlich wieder an neue Aufnahmen, aber in den nächsten Monaten stehen auch noch WOLF MOUNTAINS und DIE NERVEN bei mir an.

Max: Deine erste Frage war ja, was sich seit dem Sleaford Mods-Support getan hat (lacht). Eigentlich gar nicht so viel: wir haben in jeder Stadt vor mindestens 100 Leuten gespielt, in Berlin waren es fast 200, was eine tolle Entwicklung ist. Mit dem Album ist die öffentliche Aufmerksamkeit deutlich gewachsen und es gab einen Wechsel am Schlagzeug, die 2016er Herbst-Tour musste krankheitsbedingt verschoben werden und wir haben eine EP veröffentlicht und zwischendurch einige Konzerte gespielt. Es hat sich also gar nicht sooo viel getan… (alle lachen)

Stimmt ja! Die EP! Da habe ich die Gatefold-Variante vom Harbinger Label.

Max: Ja, stimmt! Ich vergesse das manchmal, dass wir ja schon in England veröffentlicht haben, irre!

20170331 KARIES Bühne danach

Review: KARIES – Es geht sich aus (LP)

2016-11-04-karies-es-geht-sich-aus-lp

Wer damals „Monarchie und Alltag“ ignoriert hat, oder noch nicht geboren war, hat jetzt die Möglichkeit bei etwas Besonderem dabei zu sein, wenigstens einmal im Leben. KARIES veröffentlichen die Blaupause für alles deutschsprachige Undergroundige, was da noch kommen wird. Mit FEHLFARBEN hat das allerdings gar nichts zu tun, denn das was hier gesungen wird ist egal, nebensächlich, beliebig und austauschbar.

Es Geht Sich Aus“ hört man nicht wegen der Texte, sondern wegen der Atmosphäre. Die Platte ist süchtig machend, mantraartig, meditativ, dialektisch und biedert sich nirgendwo an. Mag man den wenigen Textzeilen eine depressive Desillusionierung unterstellen, so überzeugen sie doch weitestgehend durch formelhafte Verweigerungsweisheiten (“Alles muss sich ändern, um zu bleiben wie es ist”, aus „Jugend“) oder zerbrochener Beziehungslyrik („Ich will, dass du verstehst, warum du mich nicht verstehst“, aus „Einheiten“). Dabei tauchen die Gesangsstimmen von Max Nosek (Bass) und Benjamin Schröter (Gitarre) tief in den räumlichen Gesamtsound der Produktion und fungieren als Klangergänzung, sind nicht nach vorne gemischt, sondern bleiben gespenstisch schleierhaft hinter Jan Rumpelas halligen Gitarrensounds. Hauptverantwortlich hierfür sind nach wie vor Ralv Milberg und Max Rieger, die federführend die Aufnahmen im Januar 2016 „in den Milberg-Studios in Heslach“ durchführten. Kevin Kuhn hat viel zu tun, entschied sich daher auszuruhn – DIE NERVEN liegen gerade blank, drum spielt der Phillip jetzt die Drums! Zurück zum Ernst der Dinge: Die Interpretation des Covermotivs obliegt der Psyche des Betrachters und ist in seiner Ästhetik über jeden Zweifel erhaben.

Nach der ersten LP “Seid Umschlungen, Millionen” (2014) und der selbstbetitelten EP (2016) setzt sich das Stuttgarter Quartett mit „Es Geht Sich Aus“ ein Denkmal zum Drinrumsuhlen. Bezeichnend das This Charming Man-Records die Platte veröffentlicht, übrigens in Kooperation mit dem englischen Harbinger Sound-Label: da fällt mir nichts mehr zu ein! / Marko Fellmann

thischarmingman // 43:02 // karies

KARIES auf Tour:

22.03.17 München – Unter Deck
23.03.17 Nürnberg – Zentralcafé
24.03.17 Wiesbaden – Kreativfabrik
25.03.17 Würzburg – Cairo
27.03.17 Leipzig – Bermudadreieck Plagwitz
28.03.17 Dresden – OstPol
29.03.17 Berlin – West Germany
30.03.17 Hamburg – Hafenklang
31.03.17 Köln – Privat

Interview: SLEAFORD MODS + KARIES, Düsseldorf, Zakk, 2015-11-04

2015-11-04 SLEAFORD MODS + KARIES Ticket

Ich hab´ keinen Beruf gelernt und auch nicht studiert!“ SLEAFORD MODS Andrew und ich sitzen im Biergarten des Zakk, trinken ein Bier und quatschen ein wenig über Musik. Es ist die Phase zwischen Soundcheck und Einlass, in der niemand so recht weiß, wohin mit sich. Sänger Jason düst mit Manager Steve kurz ins Hotel um einzuchecken, aber Andrew tut sich die Aktion ganz bewusst nicht an: „So Sachen wie Hotel-Check-In langweilen mich maßlos, totale Zeitverschwendung: da rauch´ ich mir lieber eine mit dir! Hast du noch mal Feuer?“. / Marko Fellmann

Dass die SLEAFORD MODS ein Phänomen sind, weil sie Retro mit Progressive verbinden, sieht Andrew genau so! Verdammt, da stellt man eine platte, provozierende Frage und erhält Zustimmung!? Ich dachte, jetzt überschüttet er mich mit Spott und Hohn, aber nein: „Also, das Wort Progressive würde ich zwar für unsere Musik nicht gebrauchen, aber im Prinzip hast du natürlich Recht. Es ist doch so: wären wir zwei schwarze Rapper, würde wahrscheinlich kaum jemand davon Notiz nehmen. Aber so haben wir unser Ding gefunden und es gibt eigentlich keinen anderen, der so etwas macht!“

Das „Ding“ ist Sänger Jasons (meist) gesprochenes Wort, unterlegt mit DJ Andrews vorproduzierten Samples, gelegentlich aufgepeppt durch Gesang mit stark repetitiven Passagen, die man durchaus als Refrain bezeichnen kann, allerdings tonal eingegrenzt, zwischen rausgerotzter Unzufriedenheit und aufrührerischem Working-Class-Appeal. Die Art und Weise wie Jason die vielsilbigen Texte performt macht die Musik der SLEAFORD MODS zu Punk. Durch die Reduktion auf das Nötigste fungiert der MODsche Minimalismus als Stil- und Kontrastmittel zur Epoche der Dekadenz, die sich laut Andrew seit den Achtzigern nicht nur fortgesetzt, sondern geradezu manifestiert hat. „Klar, wir wissen schon sehr genau, was wir tun und warum wir das so machen, aber mit der Zeit wird da von außen einfach mehr rein interpretiert, als tatsächlich geplant war. Und, weißt du, diese Entwicklung der letzten zwei Jahre ist einfach insgesamt so dermaßen ungewöhnlich und überhaupt nicht planbar – wir kommen da ja selbst kaum noch mit!“

Aber im Hotel schlafen zu können, ist doch wesentlich entspannter, als auf dem Teppichboden irgendeiner privaten Übernachtungsmöglichkeit, oder? Andrew nippt an seinem Bier: „ Es ist doch alles eine Frage des Wohlfühlens, oder? Und wie kann man sich denn in einem Hotel wohlfühlen? Zuhause in Nottingham lebe ich inzwischen etwas außerhalb der Stadt, auf einem Hausboot auf dem Nottingham Canal, fernab von dem Kaff. Wenn wir proben oder aufnehmen wollen, mieten wir uns kurzfristig für ein paar Tage irgendwo in der Stadt ein, sind da aber ungebunden und wollen das auch weiterhin sein. Übrigens war ich vor meiner SLEAFORD MODS-Zeit noch nie in Deutschland: das Publikum kifft hier während der Konzerte, oder!? In England würden die sofort von irgendwelchen Securityaffen abgeführt werden. Hast du noch mal Feuer?“.

Klar, hab´ ich! Andrew erzählt, dass sie das aktuelle Album „Key Markets“ in zwei Tagen eingespielt hätten, sie seien eh immer sehr schnell bei der Umsetzung: „Die Samples, die ich so benutze, sind teilweise über 15 Jahre alt. Ich mache seit über 20 Jahren Musik und habe einen wirklich großen Fundus an alten Proberaumaufnahmen und digitalen Samples. Darüber spiele ich dann eventuell noch eine Bassspur ein, so einfach kann´s gehen. Das heißt, dass Jason da recht simpel drüber improvisieren kann und sich mit dem Thema Komponieren kaum beschäftigen muss. Dann kommt man natürlich schnell zu guten Ergebnissen…“

Kevin Kuhn hat nichts zu tun und bringt uns Bier: er trägt heute ein QUEEN-„Jazz“-T-Shirt, welches mir nicht besonders echt erscheint, weil mir der QUEEN-Banner vollkommen unbekannt ist. Aber Kevin klärt uns auf, dass dieser spezielle Schriftzug zur damaligen Tour exklusiv für den amerikanischen Markt entwickelt wurde.

Es folgen Gespräche über GRACE JONES/OASIS, DURAN DURAN/STONE ROSES und irgendwie endet alles bei einem CRASS/WHAM! –Vergleich, dessen Quintessenz ich nie erfahren werde, weil in dem Moment die ersten Gäste in den Biergarten strömen und Andrew von einem weiblichen Fan nach einem Autogramm gefragt wird. Schreibt er natürlich gerne, aber für ihn ist das dann auch irgendwie das Zeichen, sich in den Backstagebereich zu verkrümeln und noch schnell mit seinem zwischenzeitlich wieder im Zakk befindlichen Sänger eine Kleinigkeit zu essen.

Ich gehe kurz mit und werde Backstage vom MODS-Fanboy Schippy eingeladen, KARIES´-Gitarrist/Sänger Benjamin am Kickertisch zu vertreten. KARIES-Gitarrist Jan und ich gewinnen gegen Schippy und KARIES-Bassist Max zweimal ganz, ganz locker. Gute Gelegenheit um KARIES mal zum Stand der Dinge zu befragen.

Ich habe mir vorgenommen, die Begriffe S*******t und D** N***** in diesem Interview nicht zu benutzen! O.k. für euch?

Alle: Juhu, Hurra, Yippieh, na gut…

Seit unserem letzten Interview, damals noch für das zwischenzeitlich eingestellte Punkrock!, ist eine Menge passiert! Erzählt mal!

Benjamin: Das war im Oktober 2014, kurz vor dem Release von „Seid umschlungen, Millionen“, oder? Wir haben dann das gemacht, was Bands halt so machen, wenn eine Platte veröffentlicht wurde. Insgesamt haben wir 30 Konzerte rund um die VÖ gespielt. Im März haben wir dann neue Songs aufgenommen und sind wieder auf Tournee gegangen und hatten außerdem noch zwei Weekender vorm Sommer. Danach haben wir dann erst mal ´ne Pause gemacht. Danach gab´s noch die Konzerte in Essen und Nürnberg beim This Charming Man-Fest, ja und jetzt sitzen wir hier mit dir in Düsseldorf. Morgen geht’s nach Berlin und am Wochenende noch nach Leipzig und Erfurt.

Kevin: Beim Reeperbahn-Festival in Hamburg waren wir dank Chris, der uns zum TCM-Showcase eingeladen hat.

Max: Wir sind gerade schon dabei Songs für´s kommende Album zu schreiben. Für Anfang Januar 2016 haben wir die Aufnahmen angesetzt.

Wo nehmt ihr auf?

Max: In Stuttgart bei Ralf Milberg…

Hatten wir nicht gerade eine Vereinbarung getroffen? (alle lachen)

Max: O.k., in den Milberg-Studios in Heslach!

Benjamin: Wir werden auf jeden Fall Live einspielen! Vielleicht noch den ein oder anderen Overdub hier und da, aber das Hauptding spielen wir zusammen ein.

Ich stelle also fest: da haben sich´ne Menge guter Sachen entwickelt, man hört nur Gutes über euch und die Platte musste bereits nachgepresst werden, soweit ich weiß. Eigentlich genau so, wie Benjamin es in seinem Größenwahn von Anfang an erwartet hat, oder!?

Benjamin: Ehrlich? War ich? Find´ ich gar nicht!

Naja, „sympathisch Größenwahnsinnig“ mein´ ich natürlich…

Max: Ich kann mich erinnern, wie wir vor drei Jahren vor unserem ersten Konzert zusammen saßen und Benjamin so laut vor sich hin geträumt hat: dass es Wahnsinn wäre, wenn wir mit der Band mal auf Tournee gehen würden und vielleicht irgendwann mal bei irgendwem auch Vinyl veröffentlichen. Deswegen ist der momentane Zustand auch irgendwie etwas surreal für mich, z.B. hier heute Abend mit den SLEAFORD MODS zu spielen: das entmystifiziert das Ganze auch ein Stück weit!

Ergibt sich denn hierdurch vielleicht auch eine England-Connection für euch?

Benjamin: Schippy begleitet ja die SLEAFORD MODS durch Deutschland und hat eines Abends deren Manager Steve unsere Musik vorgespielt. Steve betreibt das Label Harbinger Sound und dadurch ergaben sich dann die aktuellen Supportshows und eine Beteiligung an der neuen Single.

Kevin: Es war schon ziemlich toll, dass Steve KARIES in einem Interview im RECORD COLLECTOR-Magazin erwähnt hat. Das war ein echtes Highlight für mich, da ich davon ein paar Hefte zu Hause habe, nämlich die Ausgaben, bei denen QUEEN oder THE BEATLES auf dem Cover waren, ha ha… Angeblich haben wir seinen Enthusiasmus für neue Musik wieder entfacht, das ist doch ein nettes Kompliment…

Benjamin: Das ist natürlich super, dass vier von insgesamt sieben Songs unseres Demos so doch noch mal das Licht der Öffentlichkeit erblicken.

Gibt´s irgendwo noch eins dieser Demo-Tapes zu kaufen?

Kevin: Nur wenn jemand sein gebrauchtes Tape hergibt (alle lachen)…

2015-11-04 SLEAFORD MODS + KARIES 03

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