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Schwule Nuttenbullen

Review: TICS – s/t (LP)

Tics 2017 Tics

Hier kommt das lang erwartete Debüt von TICS, ehemals SCHWULE NUTTENBULLEN, bzw. in grauer Vorzeit PLEASED TO MEET YOU, aber jetzt in Englisch und mit neuem Sänger. Man kann das ruhig erwähnen, denn was uns die vier Kölner hier präsentieren, kann seine Herkunft nicht verleugnen: auch wenn TICS alles dafür tun, nichts zu wiederholen! Was Jens (Schlagzeug), Manni (Bass), Michael (Gitarre) und Matthias (Gesang) hier vorlegen hat einerseits die Wildheit des Neuen und andererseits das Know-How des Alten. Musikalisch zitatreich hört man hier eine postpunkige Mischung aus Garage, Punk und NDW, stets heftig dargeboten und wenn es die Möglichkeiten erlauben, mit Gastmusikern an Piano und Saxofon.

Tiny“ irritiert sofort durch weibliche Google-Translator-Stimmen und ist so gesehen zwar kein Instrumental, aber gerade diese zwittrige Widersprüchlichkeit macht den Opener der gut halbstündigen Platte zum frischsten, was dieser Sommer zu bieten hat. Der zweite Song „Punch Him In The Face“ startet unmittelbar mit der ersten Strophe und man nimmt sofort Sänger Matthias druckvollen Gesang wahr, während die Musiker sich nach dem zweiten Refrain in einen absolut großartigen Zwischenteil (mit Theremin) ergehen. „Jay Is Out Walking“ startet ebenfalls sofort mit Gesang, groovigen Bass und Schlagzeug, während die Refraingitarre den Gesang mit stilvollen Delays unterstützt: ein starker Refrain! Das instrumentale „Be My Valentine, Charlie Brown“ erhält durch rhodesartige Keyboards Farbe und Schönheit und präsentiert eine gut swingende Band. „21 Events“, wieder mit sofort einsetzenden Vocals, im Laufe des Stückes ergänzt durch ein prächtiges Saxofon, welches übrigens nicht gesampelt ist: und wieder so ein spaciger Dark-NDW-Refrain. Mein absolutes Highlight dieses Debüts ist das äußerst abgefahrene und hochmusikalische „Estas Profesiaj“: schräge Rhythmusgitarre, ein hypnotisierender Bass, ein offen s(c)wingendes Schlagzeug, hochgradig pathologischer Gesang, ein traumatisches Klavier (live gespielt), weirde Sprachsamples: ich steh drauf! Die instrumentale Schönheit „Alternative Fax“ haut mich dann komplett aus den Socken: beste und schönste Gitarre seit langem! Danke dafür! Man hört so einen Sound viel zu selten! Das lange Ausklingen des Schlussakkords erinnert an „A Day In The Life“ von THE BEATLES. „Brainwaves“ ist selbstverständlich der Hit der Platte: großartiger Gesang, befremdliche Bridge, schlauer Bass, sehr facettenreiches Schlagzeug, crazy Saxofonsoli. „Invincible“ beginnt wieder mit einer weiblichen Google-Translator-Stimme im Intro, Matthias und die Band legen aber nach dreißig Sekunden dann erst mal richtig los und geben dem Song eine große Portion Krummheit ohne auf Eingängigkeit zu verzichten: hier hat alles seinen Platz und sein Maß und seinen Moment. Abgefahrene Nummer! „0/54“ ist gemeiner Highspeedfunk für Anti-Songwriter! Irgendwie krank! „Social Service Warzone Jet-Set“ ist das wildeste Stück auf dem Album, abgefahrene Strophen sind das: hier drehen alle kräftig durch! Und „Walks Like A Duck“ ist fiesester Punk der groovigsten Sorte, angereichert mit Sprachsamples und Delaygitarre. „Gloria“ beendet herrlich hektisch mit beklopptem Basslauf und einer weiblichen Translator-Stimme, was dreißig Minuten zuvor seinen Lauf nahm! Ich fühle mich bestens unterhalten! Noch mal hören! Genial! / Marko Fellmann

beautravail // x-mist // 29:36 // tics

SCHWULE NUTTENBULLEN + PISSE, Gebäude9, Köln, 2015-08-22

2015-08-22 SNB Setlist

Paula flüstert: „Marlene ist sehr traurig!“… Es ist das letzte SCHWULE NUTTENBULLEN-Konzert und es beginnt mit Unruhen. Dem Bierschinken-Kollegen garagephotographer wird am Eingang die Kamera abgenommen. Innerhalb von zwei Minuten solidarisieren sich die anwesenden Gäste und Bands gegen die Gebäude9-Security, suchen wütend den Schuldigen, verprügeln ihn und hängen ihn als Warnung für alle nachkommenden Securityheinis an das Gebäude9-Schild an der Straße. Mit „Ein Hoch auf die Pressefreiheit“-Chören trägt der Pulk meinen lieben Kollegen mit seiner sauteuren Spiegelreflexkamera in die Kneipe, wo ihm der Veranstalter Schippy ein kühles Bier reicht. Linus kommt rein und alle ducken sich: der Meister wartet ein paar künstliche Sekunden, klatscht dann zweimal zackig in die Hände und ruft ein hysterisches „Partytime!“ und ungelogen, alle, wirklich alle, fangen an zu pogen. Paula schubst mich um und hilft mir wieder auf, gibt mir dann ein Bier und schubst mich wieder um. Der große Steve Somalia ist gar nicht so groß, stelle ich fest, während ich mich auf dem Boden liegend so umgucke und ihn dabei beobachte, wie er im Stehen den anwesenden Damen unter die Röcke guckt. Dabei skandiert er ständig: „HERRENMAGAZIN sind scheiße! HERRENMAGAZIN sind scheiße!“, aber niemand hört ihm zu.

Im Saal spielen 100 BLUMEN ein okayes Set, aber der wahre Punk geht draußen ab. Vor einem auffällig dreckigen Transporter mit Berliner Kennzeichen, sitzen sieben ziemlich ungepflegt dreinschauende Jungspunde, die sich als Sachsen zu erkennen geben. Sie sind alle sehr klein und brabbeln ein unverständliches Kaudawelsch und ich bin froh, diese tolle Spracherkennungs-App auf dem Smartphone zu haben. EIN JAHR-Sänger Thomas gesellt sich dazu und bietet ein spontanes Dolmetsching an. Ich vergleiche seine Übersetzung mit der von meiner Spracherkennung und stelle eine hundertprozentige Übereinstimmung fest – es ist fantastisch! Bei PISSE steht er dann in der ersten Reihe und singt alle Lieder mit. Überhaupt muss man sagen, dass die etwa 200 Anwesenden die Lieder zum größten Teil kennen und sich offenkundig sehr an der Darbietung erfreuen.

„Dieser fucking Alltag ist der Grund dafür, dass wir die Band jetzt auflösen. Ein dickes Entschuldigung an all die Leute, denen wir Termine absagen mussten!“. SCHWULE NUTTENBULLEN-Gitarrist Manni sitzt mir gegenüber auf einer Bierbank und räsoniert vor sich hin, während ich das Aufnahmegerät einfach weiter laufen lasse, aber das Gelände verlasse, um mir am Kiosk Zigaretten zu holen. Als ich zurück komme, sehe ich wie Linus sich die ostdeutschen Ronnys in einer dunklen Ecke auf dem verwahrlosten Gelände zur Brust genommen hat und sie nach allen Regeln der journalistischen Kunst auseinander nimmt. Da ich mich ein wenig schwach fühle, winke ich den sich eigentlich auf dem Heimweg befindlichen Andre Böhle dazu, damit er Linus nieder streckt. Währenddessen zischt er übrigens ständig repetierend „Jong, minn Jong, minn Jong!“, was ich irgendwie nicht gut finde. Paula reicht mir ein kaltes Bier. Ich verteile unter den anwesenden Ostdeutschen „West“-Zigaretten und fühle mich als Gutmensch.

2015-08-22 PISSE + Linus1

Zurück an der Bierbank, wo Manni immer noch, in sich monologisierend, ins Aufnahmegerät redet: „… weil, das Ding hat sich ja zu so einem Selbstläufer entwickelt und wir brauchen da echt nicht unbedingt unsere Profilneurosen ausleben, weißt du? Irgendwie war halt die Luft raus…“. Der Veranstalter steht auf einmal vor uns und bittet zur Bühne. Ich drücke die Stoptaste und fühle mich unendlich erleichtert. Die SCHWULEN NUTTENBULLEN spielen ein tolles Set und werden frenetisch gefeiert. Irgendwann um 4 Uhr morgens stehe ich dann mit fast allen Beteiligten an einer naheliegenden Tankstelle und wir beschließen uns gegenseitig mit Benzin zu übergießen und anzuzünden. Der wieder genesene Linus gibt uns Feuer und brüllt refrainartig: „D.I.Y. – jetzt ist´s vorbei! D.I.Y. – jetzt ist´s vorbei! „. / Marko Fellmann

2015-08-22 PISSE Tankstelle

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