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This Charming Man

Review: WOLF MOUNTAINS – Superheavvy (LP)

Wolf Mountains 2017 Superheavvy

Smoothiegaragepop, der so nicht zu erwarten war! Ich kann mich erinnern, dass es seinerzeit ewig gedauert hat, bis ich das im Eigenlabel veröffentlichte Birthday Songs For Paul“-Tape zugeschickt bekam. Schon damals klang das großartig, was das Stuttgarter Trio (mit Max Rieger als Produzenten) im heimischen Theater Rampe aufgenommen hatte: eine erfrischend krachige Mischung aus Garage, Pop, Psychedelic, Surf und dreckig-klebrigen englischsprachigen Gesang, inklusive dem als Bonus-Track getarnten Überhit „Summer´s Gone“.

Nur drei Jahre später erscheint via This Charming Man „Superheavvy“ auf LP/CD und belegt WOLF MOUNTAINS kontinuierliche Entwicklung in Sachen Soundentwicklung, Komposition und Recording. Die Trademarks der früheren Aufnahmen sind noch vorhanden und nach wie vor dreht es sich hier um Garagenpoprocksurfkram, jedoch nicht mehr ganz so krachig wie beim Vorgänger, dafür aber viel zugänglicher: die Hitdichte hat sich nämlich vervielfacht: „Vacation“ und „Locomotion“ gehören auf jeden pogoaffinen Dancefloor, während „Do What You Want“ und „Nobody Else Will Know“ aus Neunziger-Indierock zitieren. Ausgerechnet „Summer´s Gone II“ ist das Highlight des Albums, ein Stück Musik, dass seinen ganz eigenen Charme besitzt und balladesk mit einem klassischen Laut/Leise-Schema spielt: hymnisch verzaubert Sänger Reinhold Burs mit seinem exaltiert hohen Gesangsstil, was Kevin Kuhn (Schlagzeug) und Thomas Zehnle (Bass) mit eingängiger Brachialität vorgeben. Burs´ Gitarrensound kommt in der Gesamträumlichkeit der Aufnahme bestens zur Geltung: kurze Echos, Tremolo, Vibrato, Fuzz und Lowgainzerre dominieren den Sound der insgesamt 14 Stücke. Atmosphärisch erinnert mich das alles garantiert nicht an Stuttgart, sondern eher an eine einsame Insel im schönsten Sonnenschein mit guten Freunden und kühlen Getränken. Um es nicht zu hübsch klingen zu lassen übersteuern die Aufnahmen gelegentlich und unterstreichen damit aber auch die dynamische Qualität des Trios. Aufgenommen wurde wieder in ungewöhnlichen Räumlichkeiten mit den üblichen Verdächtigen, diesmal allerdings im Künstlerhaus Stuttgart und was soll man sagen: klingt klasse! / Marko Fellmann

thischarmingman // 42:14 // wolfmountains

Review: KRANK – Die Verdammten (LP)

Krank 2017 Die Verdammten

Pfumm! KRANK ballern alles um und knüppeln alles nieder: blaue Flecken, blutende Lippen und gebrochene Rippen sind da vorprogrammiert und einkalkuliert. Dies alles aus einer angepissten Abwehrhaltung gegen Kulturzerstörung, Städtezerstörung und Umweltzerstörung – alles ist kaputt!

Sänger Jan kreischt und rotzt und brüllt in einem durch und ja, der schafft das auch Live, wie auch immer der das schafft, mir ist so was ein Rätsel. Das beeindruckend irrsinnig schnelle Tempo der zwölf Nummern haut einen jedenfalls komplett aus den Socken. Nach 22 Minuten ist der Spuk vorbei und man fühlt sich erschlagen und vor den Kopf getreten. Dabei fehlt es an Refrains und Orientierungspunkten, die Songs ballern an einem vorbei ohne Zeit zum Luft holen, was ich hier ausdrücklich sehr geil finde! „Fortschritt der Vernunft“ ist ein miesgelaunter Punk-Classic-Opener, der durch Mausis Schlagzeugspiel nur die Ruhe vor dem Sturm darstellt. Ab „Alles brennt“ (Hamburg mag gemeint sein, deine Stadt könnte es aber genau so sein) geht permanent die Post ab! Im Raketenwerfer „Katjuscha“ gibt es herrlich schräge Gitarrengeräusche neben plakativer Lyrik („Kunst ist Kunst und Punk ist tot“).

Aufgenommen in David Kreesins Schrottmusikkabuff (Bass + Gesang) und in Hauke Albrechts Rekorder-Studio (Schlagzeug + Gitarre), gibt es das Vinyl 150x in rot/clear und 350x in schwarz. Und endlich spielt die konzerterfahrene Liveband auch die Studioversion ein (abgesehen von den vier Liedern, bei denen Tobert Bass und Gitarre spielt). Stütze (Gitarre) und Höter (Bass) legen ein wahnsinniges Tempo vor und profitieren vom rängeligsten Rhythmusgitarrensound, den man weit und breit hören kann. Anspieltipps: „Totem“ und „Øres“. Ich bin absolut begeistert und total geplättet! / Marko Fellmann

thischarmingman // 22:05 // krank

KRANK auf Tour:

31.03.17 Hamburg
01.04.17 Lübeck

28.04.17 Dortmund
29.04.17 Dresden

19.05.17 Köln
20.05.17 FFM
21.05.17 Karlsruhe
22.05.17 Linz
23.05.17 Graz
24.05.17 Wien
25.05.17 Erlangen
26.05.17 München
27.05.17 Leipzig

23.06.17 TBC
24.06.17 Kiel

01.07.17 Herrenberg

14.07.17 Hannover
15.07.17 Düsseldorf

 

Review: MESSER – Jalousie (LP)

2016-10-19-messer-jalousie-lp

Identität entsteht durch das Variieren von Möglichkeiten! MESSER haben dieses Spiel von Anfang an betrieben und verknüpfen vielschichtigen Post-Punk mit anspruchsvoller Poesie. Hörer, die offene Lyrik ablehnen und eindeutige Parolen brauchen, werden hinter der „Jalousie“ nichts finden. Wie schade, es gäbe eine Menge zu entdecken!

Nicht nur im balladesken Opener „So sollte es sein“ (der durch die Zweitstimme von Stella Sommer von DIE HEITERKEIT genau die Größe und Tiefe erreicht, die seinerzeit EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN durch die Beteiligung von Meret Becker in „Stella Maris“ erzielten), sondern auch im rockpoppigen Liebeslied „Der Mann, der zweimal lebte“ spielt Bassist Pogo Orgel. Rockpop? Liebeslied? Nun ja, es ist so: in Verbindung mit den Synthieflächen, die wiederum von Gitarrist Milek beigetragen werden, transformieren MESSER ihren Sound in eine gewisse zugängliche Internationalität, um nicht das fiese Wort Pop zu benutzen. Es kommt hinzu, das Sänger Hendrik nicht mehr schreit, sondern singt und damit seinen Vocals ein breiteres Spektrum ermöglicht, im Gegensatz zum „Kaputte Arme – zerschundene Knie“-Stil der frühen Jahre. Dann erklingt außerdem Micha Achers (THE NOTWIST) Trompete, gar nicht mal so dominant, sondern dezent anschleichend, den Gesamteindruck versüßend. Das sind die offensichtlichsten Faktoren, die das dritte Album des Quintetts deutlich von seinen Vorgängern unterscheidet. Liest sich natürlich auch irgendwie gut, wenn da Jochen Arbeit (EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN) als Gast erwähnt wird, seine Soundsamples ergänzen die Arrangements stilecht und sorgen für akustische Verfremdungen.

Aber die Veränderungen im Bandsound sind noch wesentlich umfangreicher: Percussionist Manuel setzt sich endgültig als neues Bandmitglied durch und hat eine Menge prägender Momente auf dem Album, wobei „Detektive“ heraus sticht. Schlagzeuger Philipp ackert wie eh und je und lässt neuerdings auch deutlich mehr digitale Rhythmen zu. Gitarrist Milek ist ein legitimer Nachfolger für Pascal Schaumburg, kann diesen aber trotz Stratocaster und Echos nicht ersetzen. Sein Ansatz geht eher in eine The Edge-Richtung, während Palles Gitarre komplett outer-space war. Und trotzdem ist Mileks Gitarre top und bietet eine Menge zum Entdecken und lieb gewinnen (z.B. die Stakkatos in „Niemals“ oder die Flagoletts in „Schaumbergs Vermächtnis“ )! Bei „Im Jahr der Obsessionen“ ist seine Gitarre exzellent und entzaubert den Verschleierungseffekt den Gastsängerin Katarina Maria Trenk unisono mit Hendrik erzeugt. In „Meine Lust“ schreit Hendrik dann übrigens doch wieder, quasi Oldschool-MESSER und ja, es gibt mehrere laute Stücke auf dem Album: „Die Echse“ ist ein echter Kracher! „Niemals“ der ideale Konzertopener! Und „Schaumbergs Vermächtnis“ erzeugt natürlich tiefste 80er-Flashbacks und entblößt einerseits Hendriks zentrale Identitätsthematik („Doch durch den Spiegel kommst du nicht!“), schließt andererseits musikalisch aber auch die Klammer im Musikalischen, da Pogos Orgel die Platte beendet.

Die Aufnahmen begannen zusammen mit Robin Völkert im Dezember 2015 auf dem Rittergut Haus Nottbeck und endeten im neuen münsteranischen Proberaum 2016 unter der Regie von Proberaumbesorger Pogo, der die ganze Vorproduktion dann in treue Hände an Tobias Levin übergab. In Anbetracht des Wegfallens regelmäßiger Bandproben und der Integration zwei neuer Musiker sollte man „Jalousie“ nicht mit „Im Schwindel“ (2012) oder „Die Unsichtbaren“ (2013) vergleichen. Von daher war es auch nur konsequent im Artwork neue Wege zu gehen. Die Coverjalousie hat was dreidimensionales und das Gesamtpaket aus dickem LP-Rücken und Textbeiheft beeindruckt außerordentlich. Hör ich seit Monaten! / Marko Fellmann

trocadero // 40:33 // messer

MESSER-Tour 2016:
28.10. Essen, Zeche Carl
29.10. Bremen, Lagerhaus
30.10. Bielefeld, Forum
31.10. Kaiserslautern, Kammgarn
01.11. Wiesbaden, Schlachthof
02.11. Köln, Gebäude 9
03.11. Berlin, Frannz
04.11. Gießen, MuK
05.11. Stuttgart, Zwölfzehn
06.11. Wien, B72
07.11. München, Kranhalle
08.11. Dresden, Groovestation
09.11. Leipzig, Naumanns
10.11. Jena, Kassablanca
11.11. Hannover, Café Glocksee
12.11. Hamburg, Molotow
03.12. Münster, Gleis 22

Interview: KRANK – Taten sind lauter als Worte!

2015-11-27 KRANK Setlist 01

Das knackt! Stulle, Höter, Stütze und Mausi sind KRANK. Joao, Tobert, Chriss, Jens, Klaus und V-Mann-Jürgen sind aber auch irgendwie KRANK. Warum das so ist, erzählten mir Jan, David, Flemming und Ramon bei ´nem Pappbecher Kaffee vom Bäcker, in einer WG in Mönchengladbach, wo wir uns nach einem gelungen Releaseday-Auftritt zum Interview verabredet hatten. / Marko Fellmann

Beim Interview waren außerdem noch ULF dabei. Ebenfalls aus Hamburg. Ebenfalls beim gestrigen Konzert und ebenfalls mit deutschsprachigen Punkrocksongs, allerdings eher Richtung DUESENJAEGER, was als Assoziation reichen muss. Deren Debüt-Dingsbums steht zwar noch aus, aber nach dem rundweg gelungenen ersten Auftritt muss ich schon sagen: bin gespannt! Und der Vollständigkeit halber sollten auch noch THE PIXEL CRASHER aus Mönchengladbach erwähnt werden, die am 27.11.2015 mit Coverversionen und eigenen Nummern für gute Stimmung in der Mönchengladbacher Kultube sorgten.

2014 schickte mir Chu Chu Records eine limitierte 7“ von KRANK aus Hamburg, deren sechs Songs mich sofort begeisterten: klassischer Hardcorepunk trifft auf Sänger mit deutschen Texten. Gute Sache erstmal! 2015 hatten KRANK nun die Ehre, ihre Debüt-LP „Ins Verderben“ bei This Charming Man veröffentlichen zu dürfen (VÖ 27.11.2015). Und irgendwas mit TURBOSTAAT war übrigens auch noch…

Jan, welche Bands hattest du eigentlich vor KRANK?

Jan: Ich hab´ vorher noch nie was gemacht: das ist das erste Mal… (grinst) Angefangen hat das Ganze damit, dass mein Schwager Joao und ich das spaßeshalber als Homerecordingprojekt gestartet haben. Daraus hat sich dann nach verschiedenen Verzögerungen die Band KRANK entwickelt. Joao war schon in seiner Heimat Portugal in mehreren Hardcorebands als Drummer aktiv und in Hamburg ist er dann bei NEVER eingestiegen, der Band, in der Chriss Dettmer gesungen hat (übrigens auch Sänger von BENT CROSS). Aktuell spielt Joao bei AAS Gitarre und singt und letztendlich ist er es, dem wir KRANK zu verdanken haben! Joao hat mir nämlich eines Tages zwei Instrumentaltracks zukommen lassen, die er bei sich zu Hause zusammen geschustert hatte. Für diese Nummern hab´ ich mir dann Texte einfallen lassen und dann haben wir eines Abends in seinem Wohnzimmer in einer Bierlaune die ersten beiden KRANK-Lieder aufgenommen: „Ersatzverkehr“ und „Niemand“ waren das, wenn ich mich recht erinnere… Dann haben wir das ein paar Leuten vorgespielt und zu den ersten Hörern gehörten Chriss und Tobert, die das ziemlich cool fanden. Mit denen haben wir dann sogar ein halbes Jahr später mal zusammen geprobt! Aber leider nur ein einziges Mal… Ein paar Monate später hat dann Jens Gitarre gespielt, dazu gesellte sich dann Klaus Hoffmann am Bass, danach hat Karsten alias V-Mann-Jürgen den Bass übernommen (der übrigens auch bei BENT CROSS den Bass spielte), weil Klaus keine Zeit mehr hatte. Jens und Karsten haben sich dann die ganzen Sachen von unseren ursprünglichen Demos drauf geschafft und es kamen immer wieder neue hinzu.

Hey, ich dachte, Klaus Hoffmann sei Toberts KRANK-Pseudonym?

Jan: Nee, aber er fand das soo witzig sagen zu können, das Klaus Hoffmann auf der Platte Bass gespielt hat! (lacht) Klaus hat ganz früher übrigens mal bei Jupiter Jones gespielt.

Woher kennst du denn Tobert überhaupt?

Jan: So über die letzten Jahre ist Tobert einer meiner besten Freunde geworden. Ich glaub´, der Kontakt kam über Chriss, oder wir sind uns in Hamburg irgendwann über den Weg gelaufen und dann hat sich das so ergeben… Hallo Käsemann. Ich bin im Fernsehen!

O.k., aber wie kommen jetzt die drei hier anwesenden Herren ins Spiel?

Jan: Zum Jahreswechsel 2014/2015 war irgendwie klar, dass unser Gitarrist aussteigt, obwohl wir noch den Auftritt mit TURBOSTAAT ausstehen hatten. Daraufhin blieb uns nur die Möglichkeit, dass Joao Gitarre spielt und wir jemanden fürs Schlagzeug finden, da nämlich im Bekanntenkreis auf einmal nur noch Trommler übrig waren, aber keine Menschen die Gitarre spielen. Dafür konnten wir dann Ramon anheuern, mit dem wir das Husum Ding dann durchgezogen haben: nach nur zweimal Proben! Joao war allerdings seinerzeit schon nach Schweden ausgewandert und ist dann für dieses eine Konzert extra nach Husum gekommen. Aber das war dann sein letztes Konzert und wir haben dann erst mal ein halbes Jahr Pause gemacht. auch weil sich die Gitarrenmenschsuche erheblich hinzog. Irgendwie war dann auf einmal Flemming am Start und irgendwie war da aber dann auch schon bald klar, dass Karsten wegen seinem neuen Job keine Zeit mehr für KRANK haben würde, weswegen wir dann parallel David angelernt haben und also zeitweise sogar mit zwei Bassisten geprobt haben. Und dann kam das Konzert mit EMPOWERMENT auf der MS Hedi, welches dann letztendlich Karsten´s letzter Auftritt war.

David: Ich hab´ damals 2012 schon die ersten Demos zu hören bekommen, also: wir kennen uns alle untereinander schon einige Jahre.

O.k., logische Anschlussfrage: wann dreht sich das Musikerkarussel weiter, wer steigt als nächstes aus?

Alle: Keiner!

Flemming: Keiner hört auf! Das fühlt sich nämlich total gut an, gerade nach solchen Wochenenden! Jeder von uns macht schon seit einigen Jahren Musik und ich kann jedenfalls für meinen Part sagen, dass es sich noch nie so rund angefühlt hat.

Heißt doch aber eigentlich, dass von euch Dreien keiner an den Aufnahmen beteiligt war!? Aber du, Jan, du warst bestimmt dabei, oder?

Jan: Es war so: im November 2014 hat Joao in Haukes Studio an vier Tagen alle vorliegenden Lieder eingespielt. Ab dem Zeitpunkt war irgendwie schon absehbar, dass Jens aussteigt. Ich hab dann mal Tobert zu Smukals „Rückkopplung“-Vintage-Equipment-Laden begleitet, wo ich gern´ mal mit ihm rumhänge. Der hat da einen alten Suprem-Verstärker angetestet. Ich fand den super und als dann klar wurde, dass Joao auch die Gitarren einspielen wird, war mir klar, den brauchen wir. Ich hab mich mit Joao und Tobert bei Smukal verabredet und dann haben wir den kleinen rängeligen Verstärker für Joao gekauft. Ohne irgendwelchen Effektgeräte-Schnickschnack hat Joao dann die Gitarrenspuren zu den Drumtracks eingespielt. Smukal hat übrigens zur Ausleihe noch eine 80er Fender Telecaster mitgegeben. Ach noch was. Joao ist zwar im schwedischen Exil, aber es wird sicher noch Lieder von ihm geben in Zukunft. Wir sind ein gut funktionierendes „Ersatzteillager“. Und gerade fällt mir ein, dass Joao den Verstärker immer noch nicht bei mir bezahlt hat, ha ha…

Ääh, was bedeutet „rängelig“? Ist das Norddeutsch?

Jan: Vermutlich gibt’s das Wort nicht. Das ist Tobert und mein Wort für den Amp. Das ist eher lautmalerisch…

Wie kam es überhaupt, dass Tobert den Bass bei „Halbmast“ und „Frühstücksbrot“ eingespielt hat?

Jan: Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich gar nicht so genau weiß, wer bei welchen Liedern Bass gespielt hat. „Regenschatten“ ist definitiv von V-Mann-Jürgen, aber Tobert hat unterwegs auf Tour auch welche gemacht, „Halbmast“ kann sein, „Frühstücksbrot“ auf jeden Fall. Die Vocals hatten wir vorher bei Joao in Smaland/Schweden aufgenommen, aber nicht alle; einige sind von den Demoaufnahmen geblieben, weil sie schon gut waren. Und dann war es Haukes Aufgabe, das alles zusammen zu mischen und zu mastern.

Gut hat er das gemacht! Ich mag so knackige Sounds! Die Texte drehen sich viel um Gesellschafts- und Konsumkritik, aber mehrere Lieder haben vor allem einen politischen Ansatz! Stichwort: „Taten sind lauter als Worte!“!?

Jan: Schwer zu sagen, aber ich denke, dass die Studienzeit in Bielefeld mich schon stark sozialisiert hat. Die Konzertgruppenarbeit im AJZ Bielefeld war ebenfalls ziemlich prägend. Gerade für das politische Umfeld. Jetzt mal abgesehen von meinem Studium der Erziehungswissenschaften und meiner jetzigen Arbeit als Sozialpädagoge, die sich irgendwie auch in den Texten wiederfindet. Zur derzeitigen Situation in Hamburg ist es meiner Meinung nach zwingend notwendig, sich da einzumischen! Und da sind KRANK in der Konstellation auch alle auf einer Wellenlänge.

Was genau meinst du mit „derzeitiger Situation“?

Jan: Die „derzeitige“ Situtation stimmt eigentlich nicht… Es ist die allgemeine Hamburger Situation, die beschissene Sozialpolitik. der abscheuliche Umgang der Stadt mit sozial schwachen Menschen, Obdachlosen, Geflüchteten. Wohnungsnot und Gentrifizierung und dieses Streben nach Anerkennung der Marke Hamburg als weltweites Aushängeschild, ohne Rücksicht auf Verluste, zu Lasten der hier lebenden Menschen!

Gibt es unter euch überhaupt einen waschechten Hamburger?

David: Ja! Mich! Ich bin der einzige gebürtige Hamburger bei KRANK! Ich komme auch ebenfalls aus der Polit-Szene und war aber auch viel in der Harcorepunk-Szene unterwegs und hab´ eigentlich immer mit irgendwelchen Freunden in Bands gespielt: nix, was man kennen müsste!

Ramon: Ich mach schon seit der Schulzeit Musik! Zuletzt hab´ ich einige Jahre bei VIDEOCLUB gespielt: leider ist die Platte aber irgendwie nie fertig geworden.

Das Artwork der Platte ist recht martialisch! Wer hat das designt und wo wurde das geklaut?

Jan: Das hab´ ich gemacht, aber wo das alles genau herkommt, kann ich nicht mehr sagen! Wir haben ein unveröffentlichtes Stück namens „Erlöser“. Da heisst es in einer Zeile „ein Kreuzzug ins Verderben“. Durch diese Kreuzritteranlehnung kam es dann auch zu den mittelalterlichen martialischen Waffen. Der Slogan „Diese Maschinen töten Faschisten!“ kam erst im Nachhinein dazu, weil ich das naheliegend fand!

Malst du sowas selbst?

Jan: Naja, malen nicht. Es sind in der Regel Zusammenstellungen aus verschiedenen Elementen. Die Schrift und das Kreuz sind tatsächlich mit Klebeband gestaltet und abfotografiert. Die Waffen und Nägel von irgendwelchen Bildvorlagen „geklaut“ und umgestaltet. Das ist eigentlich bei allen Designs die ich mache ähnlich. Manchmal kommen da noch Graffitielmente in Form von Stencils zu, wie der Ulf/Krank-Tour- und Releaseflyer. So in der Art…

Wie kommt´s dann überhaupt zu dem Albumtitel „Ins Verderben“? Du hattest dazu ein Foto gepostet!?

Jan: Das ist ein Zitat aus diesem bereits erwähnten unveröffentlichten Stück „Erlöser“, wird aber auch in „Kampf gegen Windmühlen“ erwähnt. Ungefähr vor einem halben Jahr bin ich dann über das Buch „Beton“ von Thomas Bernhard gestolpert, in dem ich ein paar Sätze gefunden habe, die einfach 1:1 das wiedergeben, was „Ins Verderben“ als Titel darstellen soll. Deswegen habe ich diese Schnipsel dann gepostet, weil das einfach passt!

Halbmast“ höre ich als Anti-Besorgte-Bürger-Song: Fähnchen im Wind!?

Jan: Ja, generell ist das eine Kritik gegen die Sorte Menschen, die nicht klar für das einstehen, was sie denken, fühlen, empfinden…

Der Gesamtatmosphäre der Texte ist aber doch schon irgendwie ein bisschen, wenn ihr mich richtig versteht, depressiv, oder? Wird das denn auch genau so von der ganzen Band mitgetragen?

David: Schon! Außer von Mausi, der hat immer gute Laune, ha ha… (alle lachen)

Flemming: Also, ich hab´ immer tendenziell gute Laune! (alle lachen). Depressiv würde ich jetzt nicht sagen, aber das ist so eine gewisse aggressiv-negative Grundhaltung, die wir versuchen energetisch nach draußen zu bringen! Das finde ich irgendwie super!

Jan: Hass ist der kreative Motor!

Flemming: Genau! Es ist ja nicht so, dass die Inhalte der Lieder lustig wären, da gibt es nichts zu lachen. Aber durch die Musik wird einfach auch eine Menge Energie frei gesetzt und das entspricht ja auch der Grundhaltung bei uns allen! Da sind wir uns alle einig und deswegen funktioniert das auch so gut! Und ich glaub`: wir sind alle keine Freunde von Gute-Laune-Musik!

Ramon: Doch! Gestern nach dem Konzert in der Kultube, auf der „Achtziger-Jahre-Party“! (alle lachen).

thischarmingman.de // 31:00 // krankpunk.blogspot.de // video //

2015-11-27 KRANK 01

KRANK

2015-11-27 Ulf 01

ULF

2015-11-27 The Pixel Crasher 01

THE PIXEL CRASHER

Interview: SLEAFORD MODS + KARIES, Düsseldorf, Zakk, 2015-11-04

2015-11-04 SLEAFORD MODS + KARIES Ticket

Ich hab´ keinen Beruf gelernt und auch nicht studiert!“ SLEAFORD MODS Andrew und ich sitzen im Biergarten des Zakk, trinken ein Bier und quatschen ein wenig über Musik. Es ist die Phase zwischen Soundcheck und Einlass, in der niemand so recht weiß, wohin mit sich. Sänger Jason düst mit Manager Steve kurz ins Hotel um einzuchecken, aber Andrew tut sich die Aktion ganz bewusst nicht an: „So Sachen wie Hotel-Check-In langweilen mich maßlos, totale Zeitverschwendung: da rauch´ ich mir lieber eine mit dir! Hast du noch mal Feuer?“. / Marko Fellmann

Dass die SLEAFORD MODS ein Phänomen sind, weil sie Retro mit Progressive verbinden, sieht Andrew genau so! Verdammt, da stellt man eine platte, provozierende Frage und erhält Zustimmung!? Ich dachte, jetzt überschüttet er mich mit Spott und Hohn, aber nein: „Also, das Wort Progressive würde ich zwar für unsere Musik nicht gebrauchen, aber im Prinzip hast du natürlich Recht. Es ist doch so: wären wir zwei schwarze Rapper, würde wahrscheinlich kaum jemand davon Notiz nehmen. Aber so haben wir unser Ding gefunden und es gibt eigentlich keinen anderen, der so etwas macht!“

Das „Ding“ ist Sänger Jasons (meist) gesprochenes Wort, unterlegt mit DJ Andrews vorproduzierten Samples, gelegentlich aufgepeppt durch Gesang mit stark repetitiven Passagen, die man durchaus als Refrain bezeichnen kann, allerdings tonal eingegrenzt, zwischen rausgerotzter Unzufriedenheit und aufrührerischem Working-Class-Appeal. Die Art und Weise wie Jason die vielsilbigen Texte performt macht die Musik der SLEAFORD MODS zu Punk. Durch die Reduktion auf das Nötigste fungiert der MODsche Minimalismus als Stil- und Kontrastmittel zur Epoche der Dekadenz, die sich laut Andrew seit den Achtzigern nicht nur fortgesetzt, sondern geradezu manifestiert hat. „Klar, wir wissen schon sehr genau, was wir tun und warum wir das so machen, aber mit der Zeit wird da von außen einfach mehr rein interpretiert, als tatsächlich geplant war. Und, weißt du, diese Entwicklung der letzten zwei Jahre ist einfach insgesamt so dermaßen ungewöhnlich und überhaupt nicht planbar – wir kommen da ja selbst kaum noch mit!“

Aber im Hotel schlafen zu können, ist doch wesentlich entspannter, als auf dem Teppichboden irgendeiner privaten Übernachtungsmöglichkeit, oder? Andrew nippt an seinem Bier: „ Es ist doch alles eine Frage des Wohlfühlens, oder? Und wie kann man sich denn in einem Hotel wohlfühlen? Zuhause in Nottingham lebe ich inzwischen etwas außerhalb der Stadt, auf einem Hausboot auf dem Nottingham Canal, fernab von dem Kaff. Wenn wir proben oder aufnehmen wollen, mieten wir uns kurzfristig für ein paar Tage irgendwo in der Stadt ein, sind da aber ungebunden und wollen das auch weiterhin sein. Übrigens war ich vor meiner SLEAFORD MODS-Zeit noch nie in Deutschland: das Publikum kifft hier während der Konzerte, oder!? In England würden die sofort von irgendwelchen Securityaffen abgeführt werden. Hast du noch mal Feuer?“.

Klar, hab´ ich! Andrew erzählt, dass sie das aktuelle Album „Key Markets“ in zwei Tagen eingespielt hätten, sie seien eh immer sehr schnell bei der Umsetzung: „Die Samples, die ich so benutze, sind teilweise über 15 Jahre alt. Ich mache seit über 20 Jahren Musik und habe einen wirklich großen Fundus an alten Proberaumaufnahmen und digitalen Samples. Darüber spiele ich dann eventuell noch eine Bassspur ein, so einfach kann´s gehen. Das heißt, dass Jason da recht simpel drüber improvisieren kann und sich mit dem Thema Komponieren kaum beschäftigen muss. Dann kommt man natürlich schnell zu guten Ergebnissen…“

Kevin Kuhn hat nichts zu tun und bringt uns Bier: er trägt heute ein QUEEN-„Jazz“-T-Shirt, welches mir nicht besonders echt erscheint, weil mir der QUEEN-Banner vollkommen unbekannt ist. Aber Kevin klärt uns auf, dass dieser spezielle Schriftzug zur damaligen Tour exklusiv für den amerikanischen Markt entwickelt wurde.

Es folgen Gespräche über GRACE JONES/OASIS, DURAN DURAN/STONE ROSES und irgendwie endet alles bei einem CRASS/WHAM! –Vergleich, dessen Quintessenz ich nie erfahren werde, weil in dem Moment die ersten Gäste in den Biergarten strömen und Andrew von einem weiblichen Fan nach einem Autogramm gefragt wird. Schreibt er natürlich gerne, aber für ihn ist das dann auch irgendwie das Zeichen, sich in den Backstagebereich zu verkrümeln und noch schnell mit seinem zwischenzeitlich wieder im Zakk befindlichen Sänger eine Kleinigkeit zu essen.

Ich gehe kurz mit und werde Backstage vom MODS-Fanboy Schippy eingeladen, KARIES´-Gitarrist/Sänger Benjamin am Kickertisch zu vertreten. KARIES-Gitarrist Jan und ich gewinnen gegen Schippy und KARIES-Bassist Max zweimal ganz, ganz locker. Gute Gelegenheit um KARIES mal zum Stand der Dinge zu befragen.

Ich habe mir vorgenommen, die Begriffe S*******t und D** N***** in diesem Interview nicht zu benutzen! O.k. für euch?

Alle: Juhu, Hurra, Yippieh, na gut…

Seit unserem letzten Interview, damals noch für das zwischenzeitlich eingestellte Punkrock!, ist eine Menge passiert! Erzählt mal!

Benjamin: Das war im Oktober 2014, kurz vor dem Release von „Seid umschlungen, Millionen“, oder? Wir haben dann das gemacht, was Bands halt so machen, wenn eine Platte veröffentlicht wurde. Insgesamt haben wir 30 Konzerte rund um die VÖ gespielt. Im März haben wir dann neue Songs aufgenommen und sind wieder auf Tournee gegangen und hatten außerdem noch zwei Weekender vorm Sommer. Danach haben wir dann erst mal ´ne Pause gemacht. Danach gab´s noch die Konzerte in Essen und Nürnberg beim This Charming Man-Fest, ja und jetzt sitzen wir hier mit dir in Düsseldorf. Morgen geht’s nach Berlin und am Wochenende noch nach Leipzig und Erfurt.

Kevin: Beim Reeperbahn-Festival in Hamburg waren wir dank Chris, der uns zum TCM-Showcase eingeladen hat.

Max: Wir sind gerade schon dabei Songs für´s kommende Album zu schreiben. Für Anfang Januar 2016 haben wir die Aufnahmen angesetzt.

Wo nehmt ihr auf?

Max: In Stuttgart bei Ralf Milberg…

Hatten wir nicht gerade eine Vereinbarung getroffen? (alle lachen)

Max: O.k., in den Milberg-Studios in Heslach!

Benjamin: Wir werden auf jeden Fall Live einspielen! Vielleicht noch den ein oder anderen Overdub hier und da, aber das Hauptding spielen wir zusammen ein.

Ich stelle also fest: da haben sich´ne Menge guter Sachen entwickelt, man hört nur Gutes über euch und die Platte musste bereits nachgepresst werden, soweit ich weiß. Eigentlich genau so, wie Benjamin es in seinem Größenwahn von Anfang an erwartet hat, oder!?

Benjamin: Ehrlich? War ich? Find´ ich gar nicht!

Naja, „sympathisch Größenwahnsinnig“ mein´ ich natürlich…

Max: Ich kann mich erinnern, wie wir vor drei Jahren vor unserem ersten Konzert zusammen saßen und Benjamin so laut vor sich hin geträumt hat: dass es Wahnsinn wäre, wenn wir mit der Band mal auf Tournee gehen würden und vielleicht irgendwann mal bei irgendwem auch Vinyl veröffentlichen. Deswegen ist der momentane Zustand auch irgendwie etwas surreal für mich, z.B. hier heute Abend mit den SLEAFORD MODS zu spielen: das entmystifiziert das Ganze auch ein Stück weit!

Ergibt sich denn hierdurch vielleicht auch eine England-Connection für euch?

Benjamin: Schippy begleitet ja die SLEAFORD MODS durch Deutschland und hat eines Abends deren Manager Steve unsere Musik vorgespielt. Steve betreibt das Label Harbinger Sound und dadurch ergaben sich dann die aktuellen Supportshows und eine Beteiligung an der neuen Single.

Kevin: Es war schon ziemlich toll, dass Steve KARIES in einem Interview im RECORD COLLECTOR-Magazin erwähnt hat. Das war ein echtes Highlight für mich, da ich davon ein paar Hefte zu Hause habe, nämlich die Ausgaben, bei denen QUEEN oder THE BEATLES auf dem Cover waren, ha ha… Angeblich haben wir seinen Enthusiasmus für neue Musik wieder entfacht, das ist doch ein nettes Kompliment…

Benjamin: Das ist natürlich super, dass vier von insgesamt sieben Songs unseres Demos so doch noch mal das Licht der Öffentlichkeit erblicken.

Gibt´s irgendwo noch eins dieser Demo-Tapes zu kaufen?

Kevin: Nur wenn jemand sein gebrauchtes Tape hergibt (alle lachen)…

2015-11-04 SLEAFORD MODS + KARIES 03

Interview: FREIBURG – Jonas Brinkrolf zur neuen LP „Brief & Siegel“

Freiburg Interview IMG-119

Die dritte Platte! Mythenumrankter Beleg der Selbstfindung! Wer´s bis zur dritten Platte nicht geschafft hat, der schafft´s nie, u.s.w., bla bla, abergläubische BWL-Weisheiten, die einen Künstler nicht scheren dürfen, eine Künstlergruppe erst recht nicht. FREIBURG aus Gütersloh besinnen sich auf ihre Wurzeln und machen damit einen Schritt nach vorn! „Brief & Siegel“ überzeugt durch Kompromisslosigkeit und Refrains und dauert noch nicht einmal eine halbe Stunde: aber die hat´s in sich! Sänger/Bassist Jonas gab mir per Skype ein umfangreiches Interview. / Marko Fellmann

Womit hat das alles angefangen? Welcher war der erste „Brief & Siegel“-Song, den ihr geschrieben habt?

Das war glaub ich „Spaten“, den hatten wir bereits bei dem 15-Jahre-TURBOSTAAT-Abend gespielt. Also, für uns war schon klar, dass wir jetzt irgendwann mal was Neues veröffentlichen sollten, genug Songs hatten wir ja, die hatten wir auch schon Live gespielt, aber irgendwie trödelten wir so vor uns her. Und dann trafen wir zufällig Chris von This Charming Man und der meinte so: „Hey Jungs, was ist denn jetzt? Wollt ihr noch mal was Neues machen oder was ist da los?“ Und wir so: „Ja, klar!“, „Ja, doch!“, „Ja, auf jeden Fall!“. Wir hatten vor lauter Konzerte spielen gar nicht mehr daran gedacht, an einem neuen Album zu arbeiten, sondern haben so vor uns hin gedöst. Wir haben da einfach überhaupt gar keinen Masterplan… Ja… Und dann fing das halt an, dass wir uns konzentrierter zusammengesetzt haben und diese Platte entwickelt haben. Bei der letzten Platte „Aufbruch“ war es vor allem zeitlich für uns schwieriger, weil gefühlt zwei Tage nach dem Recording schon das Mastering dran war, wir uns kurz vorher erst auf ein Artwork einigen mussten, um dann auch zackig den Kram zum Presswerk zu schicken. Diesmal haben wir uns mehr Zeit gelassen das Album zu entwickeln. Weißt du: Typisch für FREIBURG ist eine gewisse Schludrigkeit verbunden mit einer gewissen Last-Minute-Mentalität: da bin ich zumeist der Hauptschuldige, da quäle ich mich mein ganzes Leben lang schon durch, he he…

Brief & Siegel“ hat eine brachiale Härte, gepaart mit melodischen Refrains. Überhaupt haben die Refrains ein Mitsingpotential, dass man zuletzt bei „Aufbruch“ vermisst hat. „Aufbruch“ hatte prinzipiell eine düstere und depressive Stimmung. Die aktuellen Texte sind nicht hoffnungsfroher, aber werden musikalisch zugänglicher verpackt. Siehst du das auch so, oder wo sind für dich die Unterschiede?

Stimmt schon, das haben wir ja auch an den Publikumsreaktionen gemerkt. Aber es ist nicht so, dass wir für die neue Platte bewusst melodische Refrains geschrieben haben, sondern das hat sich einfach so entwickelt. Wir haben einfach nur das zugelassen, was uns glücklich macht und mit dem wir uns wohl fühlen. Das einzige, dass wir bewusst im Ausdruck geändert haben ist, das wir jetzt auch explizit politische Themen rein bringen. Wir haben uns viel Zeit bei der Entwicklung der Arrangements gelassen und es ist einfach so, dass wir uns im musikalischen wieder mehr im Hardcore/Screamo/Emo wiedergefunden haben, also weg vom Punk der „Aufbruch“-Phase.

Ihr habt mit „Kanüle Abwärts“ und „Tote Herzen“ zwei eindeutig politische Songs geschrieben!?

Kanüle Abwärts“ singt Tom, der es auch geschrieben hat, dasselbe gilt übrigens für „Große Träume, wa“. Zu „Tote Herzen“ kann ich allerdings sagen: ich mag unglaublich gerne plakativen Punk mit einer stumpfen und einfachen Aussage. Aber schreiben kann ich so was leider nicht! Übrigens ist der Text ja sogar noch vor dem ganzen Pegida-Wahnsinn entstanden, da gab´s ja nun auch schon ´nen Haufen dummer Leute, ohne jeden klaren Menschenverstand.

Was hat es mit dem Albumtitel auf sich? Also, „Brief & Siegel“ ist ja kein Song, bzw. Songzitat. Gibt es überhaupt so etwas wie einen zentralen Song?

Also, ein übergeordnetes Thema gibt es nicht. Ich schreibe Songs, wie bisher auch, eher aus so einem lyrischen Verständnis. Beim ersten Song „Der Fall ins Messer“dreht es sich um einen Typen, den ich beobachtet habe, der einfach unglaublich besoffen war und der eine unglaubliche Scheiß-Egal-Haltung ausgestrahlt hat. Bei „Im Moor“ hingegen beschreibe ich einen Bauern in vorindustriellen Zeiten, der ganz konkrete Existenzängste hat: da hatte mich ein Zeitungsartikel drauf gebracht. Das geht dann natürlich mehr in Richtung „Deutsche Literatur“, vielleicht weil das irgendwie auch noch die ausklingende „Aufbruch“-Phase war, als ich den Text geschrieben habe. Hinzu kommt: ich mag so neu-moderne Begriffe wie „I-Phone“ oder „Smartphone“ einfach nicht in meinen Texten verwenden. Und übrigens ist uns die Titelgebung ziemlich schwer gefallen und wir haben lange danach gesucht. „Brief & Siegel“ hat eine gewisse Kompromisslosigkeit und signalisiert für uns auch eine brachiale Endgültigkeit: Zack, Punkt, Schluss, Aus, Fertig!

Ich gebe dir das mit Brief und Siegel“ ist doch ein Versprechen, oder? Könnte man auch auf euch beziehen… Habt ihr denn jetzt euren Sound gefunden?

Puh… Schwer zu sagen, da kann ich nur mich sprechen, aber in der Tat: diese zehn neuen Songs sind genau das, womit ich mich am wohlsten fühle. Wir haben uns gefunden! Und es ist halt wieder ein bisschen mehr Emo: auf der Tour im Mai 2015 haben wir ja bereits wieder Songs unseres Debüts „High Five Zukunft“ gespielt, da hat es sich also schon angedeutet. Die kommenden Konzerte werden natürlich durch die neuen Songs geprägt werden. Aber wer weiß, ich will da nicht vorgreifen: beim Thema Setlist sind wir noch nicht…

Was waren denn die wesentlichen Unterschiede bei den Aufnahmen?

Ich habe mich diesmal beim Recording deutlich wohler gefühlt. Wir alle haben uns diesmal wesentlich wohler gefühlt. Wahrscheinlich weil wir inzwischen auch deutlich routinierter sind. Also, ich fühle mich nicht unbedingt pudelwohl, wenn ich ohne Bass vorm Mikro stehen muss, aber diesmal hat das alles erstaunlich gut geklappt! Wir haben uns einfach Zeit gelassen und konnten den Fokus auch gut auf Kleinigkeiten legen und uns den Luxus gönnen, die Details zu verbessern und an Feinheiten zu arbeiten. Wir haben in Rheda-Wiedenbrück bei Markus Siegenhort aufgenommen. Den Kontakt hatten wir über Tom, der da mit seiner Zweitband schon mal aufgenommen hat. Diese Aufnahmen fanden wir ´n ziemliches Brett! Außerdem sprach für die Sache, dass wir halt kurze Wege hatten und abends nach Hause fahren konnten, was uns, glaube ich, allen gut getan hat, der Band und den Aufnahmen! Wir haben dann mal einen Tag lang Probeaufnahmen gemacht und waren von Markus` Mix absolut begeistert: der hat sich da echt ´n Bein ausgerissen und ´ne Menge Zeit und Energie investiert, um uns zu überzeugen! Wir haben dann mit ihm gemeinsam sehr, sehr viel an den einzelnen Songs gearbeitet und überlegt, wie wir wo welche Highlights arrangieren und aufnehmen. Wir haben eine Menge herum experimentiert und uns Zeit gelassen. Die Songs waren eigentlich recht schnell im Kasten, aber einen Großteil der Zeit haben wir dann ins Geilermachen investiert.

Wie kam die Idee zum Duett mit Tobias Neumann von DUESENJAEGER?

Wir hatten das schon unglaublich lange vor! Als wir „Sommer, Roggen und Er“ im Proberaum komponierten war uns eigentlich sofort klar, dass das der ideale Song dafür wäre: wahrscheinlich weil er für unsere Verhältnisse sehr melodisch und poppig ist!? Nun ja, also: alle hatten dieses fette Grinsen im Gesicht, als der Song fertig war. Das war zwar nicht unbedingt das, was wir machen wollten, aber wir fühlten uns super wohl damit. Allerdings habe ich mich dann im Anschluss echt schwer getan, die passenden Strophen dazu zu schreiben, denn ich hatte natürlich ständig im Hinterkopf, dass das die Zeilen sind, die Tobi singen wird.

Wie kommt es denn überhaupt zu dieser Häufung von dörflichen, bäuerlichen Begriffen? Spaten? Roggen? Mühle? Moor? Das sind alles keine urbanen Motive, keine Stadtlieder. Absicht?

Ja. Das kommt halt auch vom bereits erwähnten Anspruch, lieber ältere Wörter als neu-modische Begriffe zu verwenden. Man kann mit der deutschen Sprache einfach unheimlich gut spielen und hat viele Wörter, mit denen man gut arbeiten kann. Auf der „Aufbruch“ gibt es ja den Song „Kurzmitteilung“, in dem ich schon so neue Begriffe verwendet habe: „Die Pixel auf meinem Handy,,,“, zum Beispiel. Dennoch spiele ich die Nummer immer noch gerne! Ich würde jetzt allerdings nicht soweit gehen, dass wir irgendwann auf Plattdeutsch singen, ha ha…

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