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X-Mist

Review: Bahnhof Schwarzburg – Bahnhofsjugend (EP)

Bahnhof Schwarzburg - Bahnhofsjugend - Cover_A

Schräges Ein-Mann-Projekt, abgekürzt BHFSWBG, mit abgefahrenen Homerecordings zwischen DEW, GEWALT und LE SHOK. „Festzelt“ beginnt wild-punkig wie PLASTIC BERTRAND, allerdings mit der resignierenden Erkenntnis „Eigentlich sind Türen nichts für mich“: gute Nummer! „247“ hat ein 80er-Bass-Pattern, der das Kranke im Leadgesang zur Schleife bindet. „Kauf dir was“ eröffnet die B-Seite und präsentiert sich als Hit: post-punkiger Bass, Gitarre, die mehr Soundsamplestation ist, als Saiteninstrument. Und ein Gesang, der durch simpelste Wiederholungen, so etwas wie Mitsingaura herstellt. „Autoauto“ ist kompletter Blödsinn: da hätte man lieber die „Schwarzburg“-Polka draufpacken soll. Die gibt es stattdessen als Bonustrack zum Download dazu. Limitierte Auflage von nur 150 Exemplaren, auf dickem Vinyl, mit Schablone besprühte Cover aus schwarzem Karton, dazu noch Textbeilage und Download-Code. Aus dem Umfeld von KURT, TEN VOLT SHOCK und YASS. / Marko Fellmann

chuchurecords // anker // 7:34 // bhfswbg

Review: TICS – s/t (LP)

Tics 2017 Tics

Hier kommt das lang erwartete Debüt von TICS, ehemals SCHWULE NUTTENBULLEN, bzw. in grauer Vorzeit PLEASED TO MEET YOU, aber jetzt in Englisch und mit neuem Sänger. Man kann das ruhig erwähnen, denn was uns die vier Kölner hier präsentieren, kann seine Herkunft nicht verleugnen: auch wenn TICS alles dafür tun, nichts zu wiederholen! Was Jens (Schlagzeug), Manni (Bass), Michael (Gitarre) und Matthias (Gesang) hier vorlegen hat einerseits die Wildheit des Neuen und andererseits das Know-How des Alten. Musikalisch zitatreich hört man hier eine postpunkige Mischung aus Garage, Punk und NDW, stets heftig dargeboten und wenn es die Möglichkeiten erlauben, mit Gastmusikern an Piano und Saxofon.

Tiny“ irritiert sofort durch weibliche Google-Translator-Stimmen und ist so gesehen zwar kein Instrumental, aber gerade diese zwittrige Widersprüchlichkeit macht den Opener der gut halbstündigen Platte zum frischsten, was dieser Sommer zu bieten hat. Der zweite Song „Punch Him In The Face“ startet unmittelbar mit der ersten Strophe und man nimmt sofort Sänger Matthias druckvollen Gesang wahr, während die Musiker sich nach dem zweiten Refrain in einen absolut großartigen Zwischenteil (mit Theremin) ergehen. „Jay Is Out Walking“ startet ebenfalls sofort mit Gesang, groovigen Bass und Schlagzeug, während die Refraingitarre den Gesang mit stilvollen Delays unterstützt: ein starker Refrain! Das instrumentale „Be My Valentine, Charlie Brown“ erhält durch rhodesartige Keyboards Farbe und Schönheit und präsentiert eine gut swingende Band. „21 Events“, wieder mit sofort einsetzenden Vocals, im Laufe des Stückes ergänzt durch ein prächtiges Saxofon, welches übrigens nicht gesampelt ist: und wieder so ein spaciger Dark-NDW-Refrain. Mein absolutes Highlight dieses Debüts ist das äußerst abgefahrene und hochmusikalische „Estas Profesiaj“: schräge Rhythmusgitarre, ein hypnotisierender Bass, ein offen s(c)wingendes Schlagzeug, hochgradig pathologischer Gesang, ein traumatisches Klavier (live gespielt), weirde Sprachsamples: ich steh drauf! Die instrumentale Schönheit „Alternative Fax“ haut mich dann komplett aus den Socken: beste und schönste Gitarre seit langem! Danke dafür! Man hört so einen Sound viel zu selten! Das lange Ausklingen des Schlussakkords erinnert an „A Day In The Life“ von THE BEATLES. „Brainwaves“ ist selbstverständlich der Hit der Platte: großartiger Gesang, befremdliche Bridge, schlauer Bass, sehr facettenreiches Schlagzeug, crazy Saxofonsoli. „Invincible“ beginnt wieder mit einer weiblichen Google-Translator-Stimme im Intro, Matthias und die Band legen aber nach dreißig Sekunden dann erst mal richtig los und geben dem Song eine große Portion Krummheit ohne auf Eingängigkeit zu verzichten: hier hat alles seinen Platz und sein Maß und seinen Moment. Abgefahrene Nummer! „0/54“ ist gemeiner Highspeedfunk für Anti-Songwriter! Irgendwie krank! „Social Service Warzone Jet-Set“ ist das wildeste Stück auf dem Album, abgefahrene Strophen sind das: hier drehen alle kräftig durch! Und „Walks Like A Duck“ ist fiesester Punk der groovigsten Sorte, angereichert mit Sprachsamples und Delaygitarre. „Gloria“ beendet herrlich hektisch mit beklopptem Basslauf und einer weiblichen Translator-Stimme, was dreißig Minuten zuvor seinen Lauf nahm! Ich fühle mich bestens unterhalten! Noch mal hören! Genial! / Marko Fellmann

beautravail // x-mist // 29:36 // tics

Review: MOD VIGIL – s/t (LP)

12inch_Cover_1LP_3mm

Durchgeknallter noisiger Lo-Fi-Garagepunk aus Coburg/Melbourne, der beweist, was alles mit einem 4-Spur-Tascam möglich ist! MOD VIGIL haben sich passenderweise nach einem Medikament gegen Schlafsucht benannt. Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, beschleunigter Puls und Schwitzen gehören dummerweise dazu, wenn das zentrale Nervensystem schlapp macht. Aber egal: das australische Trio rockt das Haus und liefert hier in knapp 20 Minuten alles, was das Noiseherz begehrt: Musik zum Kopf an die Wand schlagen auf 45 rpm!

Driving is easy“ ist gefährlich wie eine Autofahrt ohne Bremse. „Deaf Proof“ rotzt die letzte Flüssigkeit aus der Speiseröhre. Trout Casualty“ und Rare Au-Pair“ sind die vermutlich zugänglichsten Stücke, verankert in einer Zwischenwelt aus Wut und Willen, in unmittelbarer Nachbarschaft zu TEN VOLT SHOCK, KIDS OF ZOO und irgendwie auch FUTURE OF THE LEFT. Der Gesang ist immer verzerrt und es gibt nicht einen ruhigen Moment auf dieser auf 300 Exemplare limitierten Platte. In der Tat aufgenommen auf einem 4-Spur-Rekorder im Haus des Sängers, nachträglich noch ein bisschen hübsch aufgemastert. Will ich Live sehen! / Marko Fellmann

X-Mist // 19:47 // Mod Vigil

Review: TELEMARK – input/out (LP)

2016-09-20-telemark-input-out-lp

Zehn Jahre nach dem Debütalbum „Viva Suicide“ und sieben Jahre nach „Informat“ folgt das dritte TELEMARK-Album „input/out“. Mag sich die Musik über die Jahre auch in Details verändert haben, so gelten Max Nuschelers Texte doch als verbindendes Element aller Veröffentlichungen, vorgetragen in einer Mischung aus Sprechgesang und Rumbrüllerei: introspektiv-misanthropische Notizen zu den Übeln dieser Welt.

Jammer Jamma Hey“ eröffnet augenzwinkernd ironisch den Alltagsverarbeitungsreigen und zitiert nebenbei die musikalischen Einflüsse der beteiligten Musiker, so z.B. die 80er-Keyboards (die es auf den früheren Alben nicht gegeben hat), oder überhaupt das „Fütter mein Ego“-Zitat. Dabei bleibt das Grundgerüst aus Schlagzeug, Bass und Gitarre stets im Hier und Jetzt, zitiert bei Bedarf Arrangements aus Post-Punk, Noise-Rock und Alternative-Irgendwas, dies vor allem auch durch die Verwendung eines Synthies. Gerade dieses „Alternative-Irgendwas“ sorgt für eine eindringliche Zugänglichkeit, die sich in drastisch eingängigen Refrains äußert: das „This is not a love song“-Zitat in „Kaputte Köpfe“ ist ein wirklich schlauer Ohrwurm, griffig und sauber arrangiert. „Kopfreiniger“ hat einen ähnlichen Aufbau, Schlagzeug/Bass zu Beginn, leise Strophe, lauter Refrain. Bei „Der Wortort“ swingt und crasht Björn Möhlendick sein Schlagzeug bewegungsfreudig durch ein enorm dynamisches Arrangement, flankiert von einem fetten Bass und einer funkigen Gitarre – das wäre auch ohne Gesang schon ein Erlebnis. Hört man die Platte laut, bläst sie einem die Gesichtshaut weg! Björn (Schlagzeug), Bock (Gitarre/Gesang), Max (Gesang), Walla (Bass), Marek (Tasten) verzichten dankenswerterweise auf vermeintliche „Hitrefrains“, wie es sie bei dem Vorgänger noch gab. Das macht die Sache noch einen Ticken ernsthafter und depressiver, als es früher eh schon war. In sich konsequent! Aber die Hoffnung, Herr Nuscheler! Wo bleibt die Hoffnung? / Marko Fellmann

salon alter hammer // x-mist // 34:13 // telemark

Review: STORNO – Wellness (LP)

Storno 2016 Wellness

Warum raus, wenn drinnen sicherer ist? STORNO verleiten zum Innehalten und Zuhören, gerade weil die Musik deutschsprachiger Noisepunk ist. Der verzerrte Bass und das crashige Schlagzeug dominieren den Opener „Herzlich Willkommen“, dessen Text sich nicht an den Hörer richtet und garantiert keine Einladung zu was auch immer ist. Vielmehr geht es um biografische Nullpunkte, die introspektiv auf die noch folgenden Beobachtungen verweisen, nämlich: wie wir wurden, was wir nie werden wollten! Was bleibt ist der Wunsch nach „Wellness“ – was in Anbetracht der misanthropischen Gesellschaftsbeschreibungen, die Sänger Max hier veröffentlicht, nachvollziehbar erscheint.

Geholfen haben ihm Björn Möhlendick (Schlagzeug, Ex-PRINZESSIN HALTS MAUL), Denis Erath (Bass, KURT) und Till Steinebach (Gitarre, Ex-FLOWERPORNOES). Heraus gekommen ist eins der besten deutschsprachigen Slacker-Indie-Alben: laut, noisig, ausdrucksstark. Das hat viel mit dem Livecharacter der Musik zu tun: „Ausnahme Alltag“ z.B. bietet einerseits Hitpotential, andererseits genug Musikraum zum Entdecken und Vertiefen. Der Instrumentalteil in „Talentfrei“ ist wahnsinnig stark mit diesem spacigen Echo-Gitarrensound. „Winter“ wird durch den melodischen Refrain zum zugänglichsten Song des Albums. „Huch“ genügen drei schräg klingende Gitarrentöne, um besonders zu sein. Das alles stes vorgetragen von einer top eingespielten Band, deren Instrumentals bereits stark genug sind, um zu überzeugen, weil sie Ausdruck, Atmosphäre und Dynamik haben. Sehr schön finde ich das Artwork mit dem 70er-Jahren-Familienidyll, das hat Stil und belegt die Gesamtaussage des Albums. „Wellness“ ist ein ehrliches Album, abseits aller oberflächlichen Meilensteine, die einem das Leben so beschert. Geld verdienen lässt sich damit natürlich nicht, draufzahlen ist angesagt: insgesamt also erfolgreich gescheiterter Duischord zum Verlieben! / Marko Fellmann

salon alter hammer // x-mist // 34:13 // storno

Review: FRANA / OPILIONES – Split (EP)

2016-04-03 FRANA - OPILIONES - Split (EP)

FRANA habe ich als Stammgast der bLUnOISE-Feste schon länger auf dem Schirm. Ein Haufen herzensguter Menschen deren 2015er EP-Debüt „Odds and Ends“ mich in seiner Mischung aus Alternative-, Stoner- und Noiserock voll überzeugt hat. Hier nun also der neueste Output, übrigens gelabelt als Italo-Kraut-Post-Hardcore aus München und Mailand, was eigentlich alles sagt. OPILIONES hingegen sind aus Aschau am Inn und haben bereits 2014 „The Heart of Harvestman“ (CD, 14 Lieder) und 2014 „Constant Doubt“ (7“, 4 Lieder) veröffentlicht. Beide Bands verbindet der englischsprachige Gesang, sowie der Hang zum Alternative-Sound der Neunziger Jahre, deswegen haben sie auch schon öfters zusammen Konzerte gespielt, woraus wiederum die Idee zu der vorliegenden Split-EP entstand.

Beim Opener „Slumping at the rate of yawn“ erinnern mich FRANA stark an THE INTERNATIONAL NOISE CONSPIRACY, nur ohne Orgel, bzw. es ist so: die instrumentale Musik besitzt bereits genug Dynamik, Relevanz und Dramatik um für sich dazustehen. Setzt dann der Gesang ein, wird es zum Song, allerdings nicht im klassischen Strophe/Bridge/Refrain-Format, sondern der Gesang setzt sofort ein, verschwindet aber nach eineinhalb Minuten und gibt den Weg frei für gut zwei Minuten Instrumentalwahnsinn, der einfach beeindruckt, weil man hier allen Beteiligten die pure Spielfreude anmerkt! Lucas Texte sind introspektive Ventile „all the way down to lake apathy“. Danach startet „You’d be so scared on the Treno Fantasma“ stimmungsvoll schräg und präsentiert sich beim Einsetzen des Gesangs als formidabler Hit, der allerdings nach dem ersten Refrain bereits endet, hat was von AT THE DRIVE-IN, aber ohne Bixler-Gekreische, toller Song! Bei den OPILIONES fällt sofort der insgesamt bessere Sound auf, fette Toms treffen auf fetten Bass: leichtes Spiel für die Gitarre, die atmosphärisch die Marschrichtung vorgibt. Bevor bei „No Magic“ der Gesang einsetzt wird sich erstmal instrumental ausgetobt, was eine ziemliche Power entwickelt und durch den Gesang dann gesteigert wird. „Stoa“ funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip, ist allerdings mehr Song und wird durch den Gesang dominiert.

Fazit: Split-EPs sind eh cool, kann man mal machen! Insgesamt eine hübsche EP mit einem tollen Artwork und Downloadcode auf schnieken 33rpm. / Marko Fellmann

munich-punk-shop // X-Mist // 11:27 // frana // opiliones

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