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Review: TICS – s/t (LP)

Tics 2017 Tics

Hier kommt das lang erwartete Debüt von TICS, ehemals SCHWULE NUTTENBULLEN, bzw. in grauer Vorzeit PLEASED TO MEET YOU, aber jetzt in Englisch und mit neuem Sänger. Man kann das ruhig erwähnen, denn was uns die vier Kölner hier präsentieren, kann seine Herkunft nicht verleugnen: auch wenn TICS alles dafür tun, nichts zu wiederholen! Was Jens (Schlagzeug), Manni (Bass), Michael (Gitarre) und Matthias (Gesang) hier vorlegen hat einerseits die Wildheit des Neuen und andererseits das Know-How des Alten. Musikalisch zitatreich hört man hier eine postpunkige Mischung aus Garage, Punk und NDW, stets heftig dargeboten und wenn es die Möglichkeiten erlauben, mit Gastmusikern an Piano und Saxofon.

Tiny“ irritiert sofort durch weibliche Google-Translator-Stimmen und ist so gesehen zwar kein Instrumental, aber gerade diese zwittrige Widersprüchlichkeit macht den Opener der gut halbstündigen Platte zum frischsten, was dieser Sommer zu bieten hat. Der zweite Song „Punch Him In The Face“ startet unmittelbar mit der ersten Strophe und man nimmt sofort Sänger Matthias druckvollen Gesang wahr, während die Musiker sich nach dem zweiten Refrain in einen absolut großartigen Zwischenteil (mit Theremin) ergehen. „Jay Is Out Walking“ startet ebenfalls sofort mit Gesang, groovigen Bass und Schlagzeug, während die Refraingitarre den Gesang mit stilvollen Delays unterstützt: ein starker Refrain! Das instrumentale „Be My Valentine, Charlie Brown“ erhält durch rhodesartige Keyboards Farbe und Schönheit und präsentiert eine gut swingende Band. „21 Events“, wieder mit sofort einsetzenden Vocals, im Laufe des Stückes ergänzt durch ein prächtiges Saxofon, welches übrigens nicht gesampelt ist: und wieder so ein spaciger Dark-NDW-Refrain. Mein absolutes Highlight dieses Debüts ist das äußerst abgefahrene und hochmusikalische „Estas Profesiaj“: schräge Rhythmusgitarre, ein hypnotisierender Bass, ein offen s(c)wingendes Schlagzeug, hochgradig pathologischer Gesang, ein traumatisches Klavier (live gespielt), weirde Sprachsamples: ich steh drauf! Die instrumentale Schönheit „Alternative Fax“ haut mich dann komplett aus den Socken: beste und schönste Gitarre seit langem! Danke dafür! Man hört so einen Sound viel zu selten! Das lange Ausklingen des Schlussakkords erinnert an „A Day In The Life“ von THE BEATLES. „Brainwaves“ ist selbstverständlich der Hit der Platte: großartiger Gesang, befremdliche Bridge, schlauer Bass, sehr facettenreiches Schlagzeug, crazy Saxofonsoli. „Invincible“ beginnt wieder mit einer weiblichen Google-Translator-Stimme im Intro, Matthias und die Band legen aber nach dreißig Sekunden dann erst mal richtig los und geben dem Song eine große Portion Krummheit ohne auf Eingängigkeit zu verzichten: hier hat alles seinen Platz und sein Maß und seinen Moment. Abgefahrene Nummer! „0/54“ ist gemeiner Highspeedfunk für Anti-Songwriter! Irgendwie krank! „Social Service Warzone Jet-Set“ ist das wildeste Stück auf dem Album, abgefahrene Strophen sind das: hier drehen alle kräftig durch! Und „Walks Like A Duck“ ist fiesester Punk der groovigsten Sorte, angereichert mit Sprachsamples und Delaygitarre. „Gloria“ beendet herrlich hektisch mit beklopptem Basslauf und einer weiblichen Translator-Stimme, was dreißig Minuten zuvor seinen Lauf nahm! Ich fühle mich bestens unterhalten! Noch mal hören! Genial! / Marko Fellmann

beautravail // x-mist // 29:36 // tics

Review: NOSEHOLES – s/t (EP)

Noseholes 2017 Noseholes EP

Abgefahren! Erinnert mich an gar nichts! NOSEHOLES konfrontieren den Hörer mit Jazz Noise, zwischen No Wave und Post-punk: irgendwas mit Verweigerung jedenfalls! Schlagzeug, Bass, Gitarre, Saxofon, Synthies/Orgel machen die siebenminütige Debüt-EP zu einer kurzweiligen Musikreise kreuz und quer durch den Assoziationshimmel: höre ich „Jazzholes“, denke ich an die alten Edgar Wallace-Filme. Bei „Drugowner“ geht es eher in so eine David Lynch-Richtung. Und „Bedsmoker“ erinnert mich ein wenig an MOSQUITO EGO, wahrscheinlich wegen dem kranken weiblichen Gesang, in Englisch vorgetragen. Und was für ein Wahnsinn: das Ganze wurde gerade zusätzlich in England veröffentlicht! Produziert von Kristian Kühl und aufgenommen im Ton 13 -Studio in Hamburg. Gemastert von Hauke Albrecht und Christian Bethge. Die 7“ ist limitiert auf 300 Exemplare. Bonustrack nur digital. Kranker Scheiß! Total geil! / Marko Fellmann

chuchu // in a car // harbinger sound // 06:59 // noseholes

Review: EA80 – Definitiv: Ja! (LP)

EA80 2017 Definitiv Ja

Spiegelungen waren schon immer ein gängiges rhetorisches Stilmittel, um Lyrik zu formalisieren. Übertragen auf das Gesamtkonzept der neuesten EA80-Veröffentlichung kann man vermuten, dass „Definitiv: Ja!“ die Klammer schließt, die „Definitiv: Nein!“ geöffnet hat und die sich musikalisch bereits 2007 mit „Reise“ angedeutet hat. Die Texte handeln von Abschied, Flucht und Vergänglichkeit, nicht so sehr von Lebensbejahung, wie es der Titel suggeriert. Allerdings ist die Platte zum Zeitpunkt dieses Reviews noch gar nicht erschienen, sondern momentan nur vorab als „Deluxe Version Düsseldorf 25.3.2017“ auf den letzten Konzerten zu kaufen gewesen (mit CD, Textblatt und in zehn verschiedenen Covervariationen). Das offizielle Release konnten sich Major Label sichern (erscheint demnächst), die ja bereits in den letzten Jahren feine Reissues des vergriffenen EA80-Backkatalogs veröffentlicht haben.

Die Musik auf „Definitiv: Ja!“ ist deutlich anders als beim 2011er-Vorgänger. Die Band traut sich mehr zu und hat einen Haufen toller Ideen, die bereits im Frühherbst 2016 im Werner Wiese-Studio/Werne aufgenommen wurden. Und es ist übrigens auch das erste Album mit fast komplett neuem Equipment, nachdem der Band nach einem Konzert in 2014 ja ein Großteil der Musikausrüstung geklaut wurde. Das Gitarrenintro beim Opener „Ramputage“ knirscht wie eine Verballhornung der „Fort von Krank“-Gitarre, aber wir haben es hier nicht mit einem Abklatsch zu tun, sondern mit einer Zusammenfassung. Das spezielle Musikarrangement bei „November“ sucht sein Pendant im deutschsprachigen Punk und sorgt dafür, dass man sich nicht unangenehm an andere Musik erinnert fühlt, die Quellenangaben und Einflüsse interessieren nicht. Ähnliches gilt für „Souveniershop“, welches die erste Seite mit viel Raum auf dem Schlagzeug beendet und dessen lang gezogenes „Erlöse mich“ von Junge gequält bis entfesselt gesungen wird. EA80 haben sich über die letzten zehn Jahre eine verschlossene Zugänglichkeit erarbeitet, die sich zwischen gängigen Songstrukturen und wilden Musikausschweifungen positioniert. Sänger Junge jongliert genau mit diesen Elementen auch in seinem ganz eigenem Bühnenausdruck zwischen moderaten Ansagen und explosiven Wutausbrüchen. Man muss diesen Typen einfach ernst nehmen! Der Instrumentalpart als Soloersatz vor der dritten Strophe bei „Alte Schule England“ verdeutlicht die musikalische Kraft, die die Musik von EA80 hat. Junges präzise Rhythmusgitarre, Mauls anachronistische Melodiegitarre, Oddels mächtige Basslinie und Nicos facettenreiches Schlagzeugspiel machen „Alte Schule England“ vielleicht zum „Hit“ der Platte. Der Refrain ist so oldschoolig, es ist herrlich! Danach dann „Definitiv: Ja!“, dass live dargeboten mehr Häme und Spott rausrotzt, als „Definitiv: Nein!“ das je könnte. Das Originalthema wird dabei nicht Eins-zu-Eins kopiert, sondern ideenreich variiert. „Schlusslicht“ beginnt mit ruhigem Refrain, steigert sich kontinuierlich, wird dramatisch, holt zwischendurch Luft, nimmt neuen Anlauf und endet mit lautem Refrain. Mit einem melancholischen Zwei-Akkorde-Song endet die Reise ans „Ende meiner Tage“ (aus „Mantra (für einen schlechten Tag)“) und belegt eindrucksvoll: Das M in Mönchengladbach steht für Manchester! / Marko Fellmann

majorlabel // 42:01 // EA80

Interview: KARIES + GEWALT, Köln, Privat, 2017-03-31

20170331 GEWALT Patrick 3

Drei Bands sind mir zu viel! Auch wenn alle gut sind! HALL & RAUCH verpasse ich dadurch, bzw. stehe ziemlich weit hinten im brechend vollen Privat in Köln. Was ich von der Band mitbekomme klingt künstlerisch, postpunkig und ideenreich. Aber ich bin wegen KARIES und GEWALT hier! / Marko Fellmann

Wir stehen einfach auf dieses Maschinelle, deswegen der Drumcomputer, verstehst du?“. Zwei Stunden vorher: GEWALT-Gitarristin Helen baut gerade mit den anderen den Merchandise-Stand auf. Es ist noch eine Stunde bis zum Einlass und ich frage sie, wie sie denn Sänger/Gitarrist Patrick Wagner kennen gelernt hat?! „Wir kannten uns vorher nicht! Das lief über eine Bekannte, die wusste, dass ich zuletzt noch in einer Band gespielt hatte, allerdings Bass!“. Mein Blick fällt auf die Kleiderständer mit T-Shirts. „Macht ihr die Klamotten selber?“ Die „Klamotten“ sind von Fans eingeschickte T-Shirts, die individuell mit dem GEWALT-Schriftzug gesiebdruckt werden. „Die Aktion läuft noch!“, informiert mich Bassistin Yelka: „Die Leute schicken uns drei ihrer T-Shirts, die wir bedrucken lassen. Eins schicken wir dann zurück, aber die anderen beiden behalten wir, um die auf unseren Konzerten zu verkaufen! Die Siebdruckerei liegt direkt in unserer Nachbarschaft.“ Smells like DIY-Spirit, ich fühle mich wohl!

20170331 GEWALT Merch

GEWALT spielen ihr aktuelles Set ohne Drumcomputer auf der Bühne, der wird nämlich inzwischen vom Tourmischer bedient, was laut dessen Aussage nur einen einzigen Grund hat: „Wenn der Patrick auf der Bühne den DM-1 bedient hat, sah das immer aus, als würde er E-Mails checken! Geht gar nicht!“. Was GEWALT dann allerdings auf der Bühne veranstalten ist das energischste, was man zur Zeit im deutschsprachigen Noisepunk-Bereich sehen kann. Ich bin absolut begeistert! Flankiert von Bassistin Yelka und Gitarristin Helen verausgabt sich Sänger Patrick durch enorm viel gestenreiches Rumgeschrei. Hinzu kommt, dass er gegen die örtliche P.A. kämpfen muss, die parallel den Drumcomputer verstärkt. Die P.A. macht beim vierten Song schlapp, was für das Publikum ärgerlich ist, zumal Kevin Kuhn zwischendurch die Bühne betritt und beim Stones-Klassiker „Sympathy for the devil“ die Stand-Snare spielt. Trotzdem: was für ein wahnsinniges Konzert! Resignation, Wut, Eskalation, keine Beschwichtigung und keine Beruhigung: Patrick Wagner stellt sich auf einen Kasten Bier und redet zur Gemeinde. Dabei trägt er einen ehemals weißen Business-Anzug, verschmiert mit Blut und Dreck. Drei Stunden vorher beim Interview schien er mir noch so ausgeglichen und harmonisch…

20170331 GEWALT + Kevin

Was hast du eigentlich gegen Schlagzeuger?

Patrick: Uih, zum einen bin ich traumatisiert, weil ich ja zehn Jahre lang mit einer sehr egozentrischen Schlagzeugerin gespielt habe, das war nicht so einfach… Und dann ist es so, dass es einfacher ist, Sachen selber zu entwickeln: z.B. Beats! Ich habe immer zuerst einen Beat, irgendwas, was mir so im Laufe des Tages eingefallen ist und was ich dann geistig vor mich hin singe. Dann kommen die Worte und dann erst die Gitarre. Und da es dann eh schon in meinem Kopf ist und ich selber aber kein Schlagzeug spielen kann, programmiere ich das und nehme das mit zur Probe und wir spielen das. Ab da ist dann free falling angesagt und alles ist möglich. Und am Tag drauf spielen wir das beim Konzert. Wir proben einmal die Woche, allerdings ohne Qualitätsanspruch und vor allem nur, wenn wir da wirklich Lust drauf haben, weißt du? Also, so Geschichten wie „Wir müssen uns noch mit dem und dem Teil beschäftigen!“, so was machen wir erst gar nicht. Weil es uns einfach nicht interessiert!

Deswegen wohl auch das Bekenntnis zum Singleformat und den total unterschiedlichen Aufnahmeorten?!

Patrick: Genau! Bei In a car-Records haben wir die „Szene einer Ehe“ und „Pandora“ rausgebracht. Das haben wir mit einem Kassettenrekorder aufgenommen! Und jetzt die Zusammenarbeit mit DRANGSAL auf der neuen 7“, das ist eine richtige Studioaufnahme, zwar in einem kleinen Studio, aber mit gutem Equipment. Fast alles analog, ein gutes Pult: das macht schon einen Unterschied!

Am Anfang von „Tier“, was ist das für ein Instrument, dass so nach Fliege klingt?

Patrick: Nee, nee, das ist eine Fliege! (lacht)

Die ganze Depression, die eure Musik ausdrückt, ist für dich doch eigentlich allerfeinste Psychohygiene, oder?

Patrick: Den Begriff „Psychohygiene“ finde ich schwierig. Klar, wenn man den Frust so raus schreit, könnte man schon davon sprechen. Ich habe aber fünf Jahre zu Hause gesessen und einfach nur die Decke angeguckt: das war überhaupt nicht produktiv. Und andererseits war es übrigens auch überhaupt gar nicht so eine schreckliche Zeit, wie sich das eventuell anhört. Für jemanden wie mich, der eigentlich hyperaktiv veranlagt ist, ist es natürlich ein großer Schritt, wenn da so totale Leere ist, einfach nur Nichts. Und aus dieser Leere heraus habe ich dann aber wieder angefangen, Worte zu sammeln und Texte zu schreiben und habe den Punkt erreicht, wo ich mir sagte: das ist genau das, was ich sagen will! Und so wird es auch heute Abend beim Konzert sein. Es geht mir nicht darum, vor den Leuten einfach nur ein Konzert zu spielen, sondern ich will den Leuten was sagen! Darum gibt es diese Band! Und das macht mich glücklich!

Wenn du es singst, wie du es singst, also z.B. „Du bist allein! So soll es sein!“, das macht dann doch schon was mit einem, oder?

Patrick: Natürlich! Das ist ja erst einmal eine recht profane Erkenntnis, zu sagen „Du bist allein! So soll es sein!“, sehr simpel. Jeder hat Angst vor dem Alleinsein, obwohl jeder ständig z.B. bei Facebook rumhängt, weil er Angst vor der Erkenntnis hat, dass dahinter die totale Leere steckt. Und die Wahrheit ist nun einmal: es ist die totale Leere! Es ist Nichts, es gibt Nichts, alles findet nur bei uns im Kopf statt. Und wenn man das weiß, dann kann man auch viel entspannter an die Dinge ran gehen, finde ich. Und das hoffe ich auch, dass man das merkt, bzw. das haben mir Leute schon so gesagt, dass sie ein GEWALT-Konzert als reinigend empfinden und erleben. Das ist dann doch schon mal gar nicht so schlecht, finde ich! Ich dachte immer, dass wir das ewig nur im Proberaum machen, an solche Auftrittsmöglichkeiten war kein Denken.

Ihr habt ja ein paar Songs, die noch nicht veröffentlicht wurden: „Verheimlichung“ und „Limiter“ stehen noch aus. Wird es wieder eine Single? Klar, oder?

Patrick: Ja, die beiden Songs kommen jetzt als nächstes. Die nehmen wir während der Tour, an einem DayOff in einem Studio mit Publikum auf. Beim Michael Bethge in den Rama-Studios. Und abends noch ein Konzert: das wird ein harter Tag (lacht)!

Du meinst Christian Bethge?

Patrick: (lacht) Christian Bethge! Entschuldigung…

Kein Problem, Stefan!

Patrick: (lacht) Ich bin ja so raus aus diesem ganzen Musikzirkus…

Ich finde das gut! Aber die Labelsache scheint ihr ja recht locker zu sehen!?

Patrick: Ja, wie gesagt, je nach dem wer Lust hat. Wenn du mir jetzt sagst, du hast Lust eine 7“ mit uns zu machen, dann machen wir das!

Ich bin doch nicht wahnsinnig! Du hast doch selber die Erfahrungswerte als ehemaliger Labelboss, das war doch garantiert eine Größenordnung fernab solcher DIY-Menschen wie mir?

Patrick: 150 Veröffentlichungen mit 15 Angestellten, für die ich jeden Monat 60000€ besorgen musste! Das war serious shit! Das würde ich nicht mehr machen wollen!

20170331 KARIES Jan + Benjamin

KARIES habe ich seit November 2015 nicht mehr gesehen und es ist wieder eine Menge passiert in der ganzen Zeit. Vor allem sind sie Live irgendwie noch besser geworden. Oder war es einfach nur ein besonderer Abend? Tourabschluss sowieso! Jans Gitarrensound bestäubt die ganze trockene Luft im Raum und Benjamins Rhythmusgitarre treibt den Backbeat an und wenn er singt, fliegen ihm die Frauenherzen (mindestens die der ersten Reihe) entgegen. Kevin, wie immer eine Mischung aus Keith Moon und Cheech & Chong, drückt die ganze Musik nach vorne und bewegt sich hinter seinem Schlagzeug mehr, als die drei anderen zusammen. Bassist Max zockt stoisch seinen Squier-Viersaiter und singt seine Parts, ohne eine Miene zu verziehen. Dabei entsteht ein Zauber, dem ich und die gut 200 Besucher nicht entkommen können, da er von keiner Gesangsanlage der Welt kaputt gemacht werden kann! Ein tolles Konzert! Und ein sehr interessantes Interview:

Was hat sich so getan seit unserem letzten Treffen? Mein „Es geht sich aus“-Review habe ich vorhin noch mal durchgelesen und hatte so die Befürchtung, dass ihr mich jetzt hasst, weil ich die Musik so über die Texte erhoben habe?

Kevin: Ich finde das nachvollziehbar, so wie du es beschrieben hast.

Max: Also, ich mach mir schon Gedanken um die Aussage und die Rolle des Gesangs innerhalb des Bandsounds. Ich kann mich nicht hinstellen und irgendeinen Quark singen. Die Wörter müssen für mich eine Bedeutung haben. Weil ich nämlich finde, dass man mit dem Text das Instrumentale auch ganz schön versauen kann. Aber was du ja meintest, betraf ja eher die Soundidee, dass es eben nicht primär über die Texte funktioniert, sondern dass der Gesang ganz bewusst in die Musik eintaucht und nicht wie bei einer Pop-Produktion nach vorne gemischt ist.

O.k., aber meiner Meinung nach, könntest du genauso gut „Zwei Liter Milch Einsdreiundsechzig“ singen (alle lachen), die Musik ist alleine schon stark genug!

Kevin: Du meinst so wie „Das Salz der Erde gibt´s bei Rewe für neunzehn Cent!“?

Seinerzeit fanden auch die nicht verwendeten „Seid umschlungen Millionen“-Songs den Weg in den Presseverteiler. Vor ein paar Wochen habt ihr einen Free Download zur neuen Platte nachgeschoben! Und vorgestern erreichte mich die The Harbinger Sound-Compilation, auf dem sich ebenfalls ein Bonustrack von KARIES befindet! Was haben wir noch zu erwarten? Ihr habt doch bestimmt noch ein paar Songs aus den „Es geht sich aus“-Sessions gebunkert, oder?

Kevin: Höchstens zwei! Es gibt noch eine Instrumentalnummer und eine instrumentale Version von „Signale“, aber die eher so als Referenz für uns selber. Und „Es lachte“ auf dem Sampler haben wir übrigens bereits im Herbst 2015 bei einer Über-Nacht-Session in Solingen aufgenommen, auf so einem kleinen Zoomrekorder: das ist soundmäßig weit entfernt von den „Es geht sich aus“-Sessions und den anderen Veröffentlichungen. Ursprünglich wollten wir das sogar mit einem Handy recorden! Der Free-Download „Als es schon zu spät war“ allerdings war tatsächlich ein „Es geht sich aus“-Song!

Wie entscheidet ihr welcher Song rausfliegt?

Max: Also, z.B. für unseren Produzenten Max Rieger ist der Aufbau des Albums enorm wichtig, der Songcycle, dass das Ganze aufgeht. Und dann reden wir darüber und probieren aus, wie es am besten passt.

Kevin: Allerdings gibt es durch das Vinyl natürlich auch eine technische Limitierung. Die ursprüngliche Version des Albums war 50 Minuten lang. Für Vinyl 6 Minuten zu viel, ohne qualitative Abstriche machen zu müssen.

Durch den Jamcharakter der Musik habt ihr doch bestimmt immer schnelle Erfolgserlebnisse, oder?

Kevin: Na ja, die Art und Weise, wie wir das spielen wollen, arbeiten wir schon noch konkret heraus und dann kommt da auch schnell eine Menge zusammen: wir haben noch dutzende Demos aus den Sessions seit Januar, bei denen mindestens 15 gute Skizzen für neue Songs entstanden sind. Da haben wir das erste Mal seit einem Jahr wieder zusammen gespielt und das setzte eine Menge Druck und Energie frei.

O.K., bei eurem Tempo sei die Frage erlaubt: wie geht’s weiter?

Kevin: Ich fände es reizend, wenn wir Ende des Jahres wieder aufnehmen, aber das ist alles noch nicht so klar.

Max: Erstmal spielen wir diese Tour zu Ende und feiern im Mai in Stuttgart etwas zeitverzögert das „Es geht sich aus“-Release, sieben Monate später (alle lachen). Im Sommer wird es vielleicht noch das ein oder andere Festival geben, aber da gibt es noch keine konkreten Termine. Und im Oktober gehen wir wieder auf Tour, mit ein paar angedachten Terminen in Österreich.

Kevin: Wenn die Tour dann vorbei ist machen wir uns vermutlich wieder an neue Aufnahmen, aber in den nächsten Monaten stehen auch noch WOLF MOUNTAINS und DIE NERVEN bei mir an.

Max: Deine erste Frage war ja, was sich seit dem Sleaford Mods-Support getan hat (lacht). Eigentlich gar nicht so viel: wir haben in jeder Stadt vor mindestens 100 Leuten gespielt, in Berlin waren es fast 200, was eine tolle Entwicklung ist. Mit dem Album ist die öffentliche Aufmerksamkeit deutlich gewachsen und es gab einen Wechsel am Schlagzeug, die 2016er Herbst-Tour musste krankheitsbedingt verschoben werden und wir haben eine EP veröffentlicht und zwischendurch einige Konzerte gespielt. Es hat sich also gar nicht sooo viel getan… (alle lachen)

Stimmt ja! Die EP! Da habe ich die Gatefold-Variante vom Harbinger Label.

Max: Ja, stimmt! Ich vergesse das manchmal, dass wir ja schon in England veröffentlicht haben, irre!

20170331 KARIES Bühne danach

Review: KRANK – Die Verdammten (LP)

Krank 2017 Die Verdammten

Pfumm! KRANK ballern alles um und knüppeln alles nieder: blaue Flecken, blutende Lippen und gebrochene Rippen sind da vorprogrammiert und einkalkuliert. Dies alles aus einer angepissten Abwehrhaltung gegen Kulturzerstörung, Städtezerstörung und Umweltzerstörung – alles ist kaputt!

Sänger Jan kreischt und rotzt und brüllt in einem durch und ja, der schafft das auch Live, wie auch immer der das schafft, mir ist so was ein Rätsel. Das beeindruckend irrsinnig schnelle Tempo der zwölf Nummern haut einen jedenfalls komplett aus den Socken. Nach 22 Minuten ist der Spuk vorbei und man fühlt sich erschlagen und vor den Kopf getreten. Dabei fehlt es an Refrains und Orientierungspunkten, die Songs ballern an einem vorbei ohne Zeit zum Luft holen, was ich hier ausdrücklich sehr geil finde! „Fortschritt der Vernunft“ ist ein miesgelaunter Punk-Classic-Opener, der durch Mausis Schlagzeugspiel nur die Ruhe vor dem Sturm darstellt. Ab „Alles brennt“ (Hamburg mag gemeint sein, deine Stadt könnte es aber genau so sein) geht permanent die Post ab! Im Raketenwerfer „Katjuscha“ gibt es herrlich schräge Gitarrengeräusche neben plakativer Lyrik („Kunst ist Kunst und Punk ist tot“).

Aufgenommen in David Kreesins Schrottmusikkabuff (Bass + Gesang) und in Hauke Albrechts Rekorder-Studio (Schlagzeug + Gitarre), gibt es das Vinyl 150x in rot/clear und 350x in schwarz. Und endlich spielt die konzerterfahrene Liveband auch die Studioversion ein (abgesehen von den vier Liedern, bei denen Tobert Bass und Gitarre spielt). Stütze (Gitarre) und Höter (Bass) legen ein wahnsinniges Tempo vor und profitieren vom rängeligsten Rhythmusgitarrensound, den man weit und breit hören kann. Anspieltipps: „Totem“ und „Øres“. Ich bin absolut begeistert und total geplättet! / Marko Fellmann

thischarmingman // 22:05 // krank

KRANK auf Tour:

31.03.17 Hamburg
01.04.17 Lübeck

28.04.17 Dortmund
29.04.17 Dresden

19.05.17 Köln
20.05.17 FFM
21.05.17 Karlsruhe
22.05.17 Linz
23.05.17 Graz
24.05.17 Wien
25.05.17 Erlangen
26.05.17 München
27.05.17 Leipzig

23.06.17 TBC
24.06.17 Kiel

01.07.17 Herrenberg

14.07.17 Hannover
15.07.17 Düsseldorf

 

Review: OCTO – Kitsch (LP)

Octo 2017 Kitsch

Selten schlägt ein Basssound einem so in die Fresse, wie das bei OCTO der Fall ist. Kein Wunder, sind ja auch zwei Bässe! Torben Feck (Bass) und Tobias Göbel (Bass) haben anscheinend keinen Bock auf Gitarristen und Sänger und machen das deshalb lieber alleine, bzw. gar nicht. Hingegen sind Schlagzeuger anscheinend gerade noch tolerabel, was wiederum Guido Karnstedt (Drums) die Gelegenheit gibt, sich brutal-vertrackt und rhythmisch-sortiert mit den beiden Viersaitern anzulegen.

Seit 2013 spielt das Trio aus K*** instrumentalen Noiserock mit Roadmovie- bzw. Soundtrackcharakter. Das Debüt fand ich schon ziemlich gut! „Kitsch“ hingegen setzt dem Zahn die Krone auf und bietet im Wesentlichen all das, was normale Menschen nicht hören wollen, z.B. die Vertonung des Gefühls hilflos beim Kieferorthopäden im Behandlungsstuhl zu sitzen, während der High-Tech-Bohrer brummt und knackt und ein weißbekittelter Irrer ständig „Weiter auf! Nicht verkrampfen! Weiter auf!“ flüstert (parallel zu der Paradoxie an den Brüsten der Zahnmedizinischen Fachangestellten hinter einem zu ersticken)! „Saudade“ bietet Weltschmerzbetäubung ohne Angst vor dem nächsten Tag, während „Ihre Idole sind Lügner“ böser melodischer Progressive-Rock ist. Ja, das ist natürlich alles irgendwie „Rock“, zumal sich die drei Herren in ihren Arrangements immer an gängige Songwritingmuster halten, was die Musik wiederum zugänglich und wiedererkennbar macht. Und allein schon wegen dem Artwork sollte man sich die Platte kaufen, wenn man denn von den 300 Exemplaren noch eine ergattert. Ich hab eine! Und die gebe ich nicht ab! Für kein Geld der Welt! / Marko Fellmann

Krachladen // 30:21 // Octo

Review: MOD VIGIL – s/t (LP)

12inch_Cover_1LP_3mm

Durchgeknallter noisiger Lo-Fi-Garagepunk aus Coburg/Melbourne, der beweist, was alles mit einem 4-Spur-Tascam möglich ist! MOD VIGIL haben sich passenderweise nach einem Medikament gegen Schlafsucht benannt. Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, beschleunigter Puls und Schwitzen gehören dummerweise dazu, wenn das zentrale Nervensystem schlapp macht. Aber egal: das australische Trio rockt das Haus und liefert hier in knapp 20 Minuten alles, was das Noiseherz begehrt: Musik zum Kopf an die Wand schlagen auf 45 rpm!

Driving is easy“ ist gefährlich wie eine Autofahrt ohne Bremse. „Deaf Proof“ rotzt die letzte Flüssigkeit aus der Speiseröhre. Trout Casualty“ und Rare Au-Pair“ sind die vermutlich zugänglichsten Stücke, verankert in einer Zwischenwelt aus Wut und Willen, in unmittelbarer Nachbarschaft zu TEN VOLT SHOCK, KIDS OF ZOO und irgendwie auch FUTURE OF THE LEFT. Der Gesang ist immer verzerrt und es gibt nicht einen ruhigen Moment auf dieser auf 300 Exemplare limitierten Platte. In der Tat aufgenommen auf einem 4-Spur-Rekorder im Haus des Sängers, nachträglich noch ein bisschen hübsch aufgemastert. Will ich Live sehen! / Marko Fellmann

X-Mist // 19:47 // Mod Vigil

Review: NUAGE & DAS BASSORCHESTER – Ästhetisch. Sympathisch. Kaputt. (LP)

nuage-2016-asthetisch-sympathisch-kaputt

Klingt nach Stuttgart, ist aber Bergkamen: NUAGE & DAS BASSORCHESTER erfinden deutschsprachigen Noisepostpunk nicht neu, aber zelebrieren diesen ausdrucksstark und entdeckungswürdig. „Ästhetisch. Sympathisch. Kaputt.“ erschien bereits Sommer 2016, aufgenommen von Pogo McCartney im H-12 Hafenstudio zu Münster, gemischt und gemastert von Christian Bethge in Mannheim.

Der Titel sagt alles und nimmt das Fazit vorweg! Das „ästhetische“ an den Aufnahmen ist der tiefe räumliche Sound in Verbindung mit Julian Nowakowskis halliger Gitarre. Gelegentlich kommt noch eine zweite Gitarrenspur dazu (oder ein Looper, wer weiß!?), während David Langenbach (Bass) und Phillip Langenbach (Gesang/Schlagzeug) an ihren Instrumenten geschmackvolle und ideenreiche Basisarbeit leisten. Überhaupt: ein Hoch auf Schlagzeuger ohne Hängetoms! Es gibt keinen schlechten Moment auf dieser Platte! Das „kaputte“ manifestiert sich in den Topics der Texte, die zumeist von Abschiedserkenntnissen handeln. Zwischen „Ich kann nur Hass!“ (aus dem ersten Stück „Gestalten in Asche“) und „Wir brauchen mehr Liebe!“ (aus dem letzten Stück „Besetzt“) gibt es jedenfalls eine Menge zu entdecken, weil die Musik alleine schon stark genug ist und eine Menge starker Instrumentalpassagen zu bieten hat, z.B. das durchgängig energisch-aufwendige Schlagzeug oder den brachial verzerrten Bass: beide garantieren der schwebenden Gitarre eine stilistische Grundlage. Dennoch sind das alles Songs, die sich an ein unaufdringliches Strophen/Refrain-Schema halten und die wegen ihrer mysteriös-konkreten Texte garantiert keinen Hitcharakter haben. Aber bei mir läuft die Platte seit Wochen!

Mit diesem Gesamtkonzept gehören NUAGE & DAS BASSORCHESTER in die Liga DIE NERVEN, MESSER, KARIES, WOLF MOUNTAINS, LEO HÖRT RAUSCHEN, stellen sich aber nicht hinten an, sondern reihen sich ein und stehen gleichberechtigt auf Augenhöhe. Ein gravierender Unterschied ist vielleicht, dass hier noch kein Label beteiligt ist, verstehe das, wer will! Deswegen gibt es auch nur eine kleine Auflage von 200 Exemplaren, handnummeriert und mit Downloadcode, nur hier und da erhältlich. / Marko Fellmann

Zo Pluizig Records // 40:55 // Nuage & Das Bassorchester

Review: LAUTER BÄUMEN – Mieser in den Miesen (CD)

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LAUTER BÄUMEN veröffentlichen am 24.02.2017 ihren Longplayer-Einstand „Mieser in die Miesen“, allerdings nur als CD, was in Anbetracht des grassierenden Vinylbooms nicht nachvollziehbar erscheint. Wenn man dann allerdings mal hinter die Kulissen guckt und die Größenordnungen kennt, wird schnell klar, dass Vinyl für neue und unbekannte Bands finanziell ein recht großes Wagnis ist: Musikmachen war schon immer ein Draufzahlgeschäft! Wer könnte das besser wissen, als LAUTER BÄUMEN-Sänger Michael Kolepke, der bereits seit 1996 Tumbleweed Records betreibt und u.a deutschsprachiges wie PECHSAFTHA oder GRAFZAHL direkt gefördert hat?! Gelohnt hat sich das nie und es wird sich wahrscheinlich auch zukünftig nie lohnen. Warum das so ist, hat auch viel damit zu tun, den Produktionsprozess jetzt endlich abschließen zu wollen, wie der Sänger mir schriftlich bestätigt: „Das einstmals geliebte Format Vinyl ist mir gerade egal. Die Presswerke brauchen Ewigkeiten und dreißigjährige Hipsterluschen gehen mir mit ihrem Vinyltick auf den Sack. Klar kaufe ich selber Vinyl. Aber es ist für die Massenverteilung nicht geeignet. Tausend Gedanken dazu. Irgendwie ist jetzt gerade für uns die CD das gewesen, was die Kassette früher war. Schnell hergestellt. Preiswert.“

Dass diese Platte fertig ist, gleicht eh einem Wunder! Bereits 2010 fingen die Aufnahmen in der Troisdorfer bLUbOX mit Schlagzeuger Carlo Palazzari und Bassist Luca Palazzari an. Als Produzent Guido Lucas 2012 von Studiobesitzer Ralf Rock nach Mönchengladbach gelockt wurde, kamen über die Jahre noch Nadine Davids Keyboards und Kolepkes Gitarren und Gesang dazu, aufgenommen, abgemischt und gemastert in den Stöhrsound-Studios. Das zog sich bis 2016 und ich frage mich, wie man so was dann eigentlich abrechnet? „Die Produktion im Studio war für alle Beteiligten eine Art Grenzerfahrung. Ich bin schier verzweifelt an meiner eigenen musikalischen Vision!“, schreibt Kolepke mir im Halbschlaf.

In seiner nervösen und hyperaktiven Ausstrahlung legt Kolepke auf „Mieser in den Miesen“ ein biografisches Vermächtnis vor, dass gerade wegen seiner Schrägheit direkt ins Herz geht. Der Opener „Bessere Zeiten klingt gut“ handelt vom letzten Umzug der Mutter, während „Hans“ dem Vater ein musikalisches Denkmal setzt. Seine geduldigen Mitmusiker pushen Kolepkes ADHS-Geplapper mit eingängigen Indiependentarrangements, die Lebensfreude und Liebe ausstrahlen. LAUTER BÄUMEN gelingt der schönste Soundtrack für die beschissenste Jahreszeit und vor allem für die beschissenste Lebenszeit, für und gegen den öffentlichen wie privaten Selbstbeschiss und wie bereits beim Doppel-7“ Debüt „Ganz weit im Weiß“ eher auf dem Seitenstreifen schleichend als auf der linken Spur hechelnd. / Marko Fellmann

tumbleweed // 45:25 // lauterbaeumen

Review: PEPPONE – Ohne Grund (LP)

2016-12-16-peppone-ohne-grund-lp

Hier kommt der langersehnte Nachfolger einer der hoffnungsvollsten Bands im deutschsprachigen Punkkosmos. PEPPONE aus Magdeburg toppen ihr selbstbetiteltes Debüt von 2012 mit Leichtigkeit, was nicht heißen soll, dass so etwas leicht sei, denn den Einstand fand ich bereits top. Aber mit dem erworbenen Selbstbewusstsein der ersten LP, gepaart mit viel Zuspruch seitens der Kritik und der zunehmenden Livepräsenz des Beatboxpunktrios, erstrahlen PEPPONE ab jetzt in voller Blüte und präsentieren hier ein feines DIY-Paket namens „Ohne Grundmit zehn packenden Songs auf weißen Vinyl (limitiert), Textblatt, Postkarten, Aufkleber, Bierdeckel, Download-Code: mehr geht nicht!

Das Album beginnt mit existenziellen Fragen wie „Wo sind wir jetzt, wo waren wir gestern? Ich such den Sinn! Wo wollen wir noch hin?“ (aus „JPM“) und erobert sofort mein Herz! Nicht nur wegen der Texte, sondern weil der besungene Ohrwurm hier tatsächlich stattfindet: das ist alles super melodisch und hitverdächtig arrangiert, bewahrt sich aber seine Punkwurzeln und bedient sich musikalisch an den poppigen Momenten von JOY DIVISION und BOXHAMSTERS, wobei die gelegentlichen weiblichen Backgroundstimmen eine Prise Rachut verstreuen und neben FEHLFARBEN-geschwängerten Augenzwinkereien wie „Das waren Geschichten, die haben sich gelohnt!“ (aus „Grauzone“), ein unauffällig auffälliges Dasein fristen. Die Bridge bei „Am besten weg“ ist mit diesem Wechselgesang verdammt cheesy („Und immer artig und immer nett und niemandem wehtun, am besten weg!“). Bei „Das Urteil“ singt Budde Strafe (DIE STRAFE) gleichberechtigt und liefert ab, macht den kritischen Song zu etwas Besonderem, vielleicht auch weil „Auf Fragen die ich nicht weiß, finde ich immer eine Antwort, auf Fragen, die ich stellen kann, finde ich keine Antwort dann“ ein wenig an „Paul ist tot“ erinnert. Aber gerade so was hat dann natürlich eine gewisse Zugänglichkeit, die allerdings damit einhergehend auch völlig unnoisig daherkommt: hier gehts um Wohlklang! Dieser wiederum aber stets schnell und laut gespielt (Ausnahme „Wegen Frauke“), mit zwei Gitarristen (Normen, Jens), die sich prima ergänzen und sich blind auf ihren Bassisten und Master-of-the-Beatbox Denis verlassen können. Hatte ich das noch nicht erwähnt? Hier gibt es nach wie vor keinen Schlagzeuger, sondern Konservendrums aus der Dose. Macht aber nix, ist prima! Man könnte es auch so sagen: Paul lebt! / Marko Fellmann

boerdebehoerde // 38:22 // peppone

Review: EIN GUTES PFERD – Zwischen den Zeilen ist noch Platz (LP)

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Hüüaahh! EIN GUTES PFERD lassen heute die Sektkorken knallen und feiern die Veröffentlichung ihrer ersten LP „Zwischen den Zeilen ist noch Platz“! Aber was macht der Jockey, wenn das Pferd nicht pariert? Besser mal die Hufe schwingen!

Edel kommt die Platte daher! Vierfarbiges Gatefold mit einem super Artwork und abgedruckten Texten im Klappcover. Das Vinyl ist dreckig transparent, im Farbton nah am Artwork: verdammt hübsch das alles! Man legt die Platte auf, die Hi-Hat zählt an und die Band steigt ein: bei „Scheinwerferaugen“ denkt man sofort an Klassenkameraden wie FREIBURG und DISCO//OSLO, heißt also, alles o.k.! Dann erklingt Sänger Aaron in typisch sympathisch-angepisster Manier: um Matrosen dreht sich der Text und um deren misanthropischen Käpt´n. Mmmh. In meinem Leben sind gerade andere Themen aktuell und auch im Zuge des mehrmaligen Hörens findet zwischen dem, was Aaron mir da sagen will und dem, was mich aktuell emotional berührt, kein Transfer statt. Und so zieht sich das dann durch das ganze Album. Haufenweise offene Lyrik, die ja eigentlich gar nicht so verkehrt ist, aber was hier vergessen wurde, ist der Umstand, dass Reime in Musik ja durchaus eine gewisse Zugänglichkeit erzeugen. Kryptik hin – Kryptik her!

Gut, man muss ja nicht reimen, es geht natürlich auch anders, das haben schon viele andere Bands und auch EIN GUTES PFERD mehrfach bewiesen. Aber die gut eingespielte Musik wird hier mit den Texten so dermaßen zugekleistert, dass zwischen den Zeilen in Wirklichkeit leider kein Platz mehr bleibt. Wenn ich einen Song wie „Schalldämpfer“ separat anhöre, überzeugt mich die Power, die diese Band mit diesem Sänger erzeugt, absolut. Aber wenn ich die ganze Platte am Stück höre, verkehrt sich das und nervt. Denn die Metrik der Texte passt nicht wirklich auf die Musik – es ist, als seien das alles vertonte Gedichte, bei denen man schon mal ein Auge zudrückt, wenn das Tempo etwas holpert („Fratze“), weil der Text nämlich in die Musik reingequetscht wird, anstatt sich einfach darauf zu legen und mittreiben zu lassen. Das hieße natürlich, man müsste den Textanteil reduzieren. Hinzu kommt, dass die Aufnahmen in zwei verschiedenen Berliner Studios vonstatten gingen: die Musik wurde in der Tonbrauerei aufgenommen und die Vocals bei Audio Machinery, beides renommierte Adressen. Klar, das machen viele Bands so, das ist gang und gäbe. Aber die 2015er-EP „Robotertauben“ fand ich zugänglich, hitverdächtig und auf den Punkt. Hingegen empfinde ich „Zwischen den Zeilen ist noch Platz“ als Rückschritt! / Marko Fellmann

bakraufarfita // elfenart // riotbikerecords // 29:02 // eingutespferd

11.11.2016 Cottbus, Chekov (mit Elmar)
12.11.2016 Berlin, Schokoladen (mit Nord)
18.11.2016 Mainz, Haus Mainusch (mit Elmar und Kuballa)
19.11.2016 t.b.a.
02.12.2016 Leipzig, Atari (mit Freiburg und Elmar)
03.12.2016 Zittau, Emil (mit Robinson Krause und Killer Jiller)
09.12.2016 Braunschweig, B58 (mit Captain Planet und GRMM)
10.12.2016 Lübeck, VEB (mit Notgemeinschaft Peter Pan)

Review: MOLOCH – Fragmente (LP)

2016-11-11-moloch-fragmente-lp

Na also, wird doch: MOLOCH steigern sich kontinuierlich! Zum Einstand gab es Tapes, als Übergang eine Split-10“ und jetzt also die erste vollwertige LP „Fragmente“. Die beginnt instrumental und macht sofort die Weiterentwicklung des Berliner Quartetts deutlich. Aufgenommen wurde nämlich im Berliner KinskiNoize-Studio, übrigens bereits im September 2015, kurz bevor Gitarrist/Sänger Benni und seine Frau für ein Jahr nach Finnland zogen (hierzu gibt es Benni´s äußerst interessanten Bericht im aktuellen Trust). Der Sound und die Gesamtproduktion von „Fragmente“ sind deutlich besser als bei den bisherigen Veröffentlichungen, hinzu kommt, dass die Songs wie ein ICE an einem vorbei rauschen: alle 16 Lieder sind unter zwei Minuten!

Menschfunktion“ gab es bereits auf der Split mit H.K.Z. (2015), damals lediglich mit Gitarre und Gesang, jetzt steigt die Band mit ein. Der Titelsong „Fragmente“ dreht sich um unkritisches Konsumverhalten und bietet musikalisch eine gewisse Schrägheit gepaart mit hasserfülltem Gesang, erinnert mich wie einiges auf diesem Album ein wenig an EA80. Das hat viel mit dem Druck zu tun, den Dirk (der neue Bassist) und Simon (Schlagzeug) mit ihren Instrumenten erzeugen. „Automat“ und „Wein Doch“ gehen fließend ineinander über: würde man das sehr hübsch aufgemachte DIN A5-Textheft nicht lesen, fiele es einem nicht auf. „Nur ein Traum“ (einer von sieben Songs die von Gitarrist Ollie gesungen werden) handelt von Freundschaften, die sich über die Jahre geändert haben und bei der „Irrlicht“ singen Ralf und Andreas von TISCHLEREI LISCHITZKI. Absolution“ bietet ein packendes Ende: „Nichts ist vergeben, fast alles ist vergessen, vor dem Gefressen-Werden kommt das Fressen“. Starke Platte! / Marko Fellmann

randomeventsinadyinguniverse // elfenart // 24:43 // moloch

11.11. Dresden, L33 (+ Litbarski/OnOnOn u.a.), 12.11. Frankfurt, Verbündungshaus fforst
18.11. Hannover, Monster Records (+ Litbarski)
19.11. Magdeburg, Libertäres Zentrum (+ Litbarski)

Review: COLD KIDS – Das wollen wir (EP)

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Bamberg wird brennen! Wenn COLD KIDS aus dem Oberfränkischen erst ihre Benzinfeuerzeuge aufgefüllt haben, wird dieses Kaff dem Erboden gleichgemacht! Und den Käffern drumherum wird es genauso ergehen! Dummerweise ist Benzin teuer und Volvo (Gitarre), Brille (Bass), Flutschi (Drums) und Hobel (Vocals/Synthesizer) permanent pleite! Deswegen haben sie sich nach ihrem 2015er-Demotape zwei stinkreiche DIY-Label ins Boot geholt und „Das wollen wirim September veröffentlicht: kann man da schon von einem Businessplan sprechen?

Mit Schrammelgitarre und ANTITAINMENT-Gedächtnis-Keyboard beginnt die hübsch aufgemachte 7“. Hinzu kommen eine solide Rhythmusfraktion und angepisster Gesang: Punkerherz, was willste mehr? Im ersten Song „Tout Avec Raison“ geht’s darum, entweder ein vernünftiger Erwachsener zu werden, oder gesellschaftlichen Ansprüchen den Stinkefinger zu zeigen. „Krampfmann“ mobilisert unzufriedene Angestellte, die sehnsüchtig auf den Feierabend warten und „Fahrradreifenpanne“ hat eine richtig fette Portion DACKELBLUT abbekommen: Bamberg, verdammt! / Marko Fellmann

30kilofieberrecords // raptorrecords // 10:38 // coldkids

18.11. Leipzig, Atari

19.11. Berlin, Abstand

20.11. Halle, Reil 78

Review: KRANK – Resterampe (EP)

2016-11-08-krank-resterampe-ep

Fünf übriggebliebene Songs der „Ins Verderben“-Aufnahmen: für Komplettisten eine zwingend notwendige Anschaffung, für alle anderen eine gute Möglichkeit nachträglich einzusteigen, denn es handelt sich um mehr als der Titel „Resterampe“ suggeriert.

KRANK sind Punk aus Hamburg! Extrem wild und verdammt tight in der Ausübung ihres Lieblingssports. Die Texte drehen sich ums Überleben wollen, um falsche Führer und eine widerliche Flüchtlingspolitik. Als Bonus gibt es einen stressigen „Lederhosentyp“ von HANS-A-PLAST. Bei „Brot & Spiele“ spielt Tobert von TURBOSTAAT den Bass, bei den anderen Stücken der liebe Hoeter. Und Joao, der Mann im Hintergrund, hat nicht nur Schlagzeug und Gitarre gespielt, sondern den ganzen Kram auch gemixt und gemastert. Aufgenommen bei Hauke Albrecht im Rekorder Studio. Empfehlenswert wie alles, was diese Band bisher veröffentlicht hat. Neue LP ist in der Mache! / Marko Fellmann

thischarmingman // 8:45 // krank

Interview: MESSER + TELLAVISION, Köln, Gebäude 9, 2016-11-02

 

(alle Fotos von Ralf Hess)

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MESSER sind aktuell auf Tour, um ihre neue Platte „Jalousie“ zu promoten. Am 02.11.2016 spielten sie im Kölner Gebäude 9, was uns die Gelegenheit gab, die schöne Tradition der regelmäßigen KOPFPUNK-Interviews aufleben zu lassen, dieses Mal von Angesicht zu Angesicht und nicht wie bisher per Skype. / Marko Fellmann

Als Support haben sie sich TELLAVISION geangelt, eine Avantgarde-Künstlerin aus Hamburg, deren Performance mich stark an Laurie Anderson erinnert. Ihre Mischung aus geloopten, reduzierten Rhythmen und teils gekrächzten, teils gesungenen englischsprachigen Texten sucht seinesgleichen in Deutschland und hat mehr Beachtung verdient. Sie spielt viele Tracks ihres aktuellen Albums „The Third Eye“, welches ich mir nach dem Konzert sofort gekauft habe.

Aber ich bin wegen MESSER hier! Seit 2012 feature ich diese Ausnahmeband für Webradio oder Print und jedesmal war es nicht nur sehr nett, sondern auch sehr aufschlussreich. Das Interessanteste an dem ganzen Musikjournalismus-Quatsch ist für mich diese exponierte Beobachterposition, zu sehen und mitzuerleben, wie Bands sich über die Jahre verändern, nicht nur in eventuellen Besetzungswechseln, sondern auch im Umgang mit mir, bzw. anderen Medien. Z.B. wenn das Label gewechselt wird und damit einhergehend auch meine Ansprechpartner: das eine Mal bekommt man Platten und Infomaterial zuhauf, das andere Mal noch nicht mal einen Downloadlink (bei MESSER funktionierte die Versorgung immer einwandfrei). Ich ärgere mich über solche Entwicklungen nicht, sondern nehme sie zur Kenntnis. Und ganz ehrlich: Wer hätte denn vor vier Jahren gedacht, dass nicht nur Musikmagazine wie Visions und Spex, sondern auch die Feuilletonisten von Spiegel, Taz und Zeit sich mit solchen vermeintlich kleinen Bands beschäftigen?! Ich jedenfalls nicht! Beim Interview vor dem Konzert war Gitarrist Milek leider nicht anwesend, da er mit Busfahrer Julian am Merchtisch saß.

Ihr habt euch sehr verändert, auch wenn man MESSER natürlich noch erkennt. Wann habt ihr diese Veränderung selbst zu spüren begonnen? Wie hing das mit Palles Ausstieg zusammen?

Pogo: Die Veränderung ist uns bewusst geworden, als Philipp und ich erste Skizzen im Proberaum aufnahmen, auch wenn das ein Prozess ist. Einhergehend haben wir dann mit Palle festgestellt, dass unsere Vorstellungen gar nicht mehr so deckungsgleich sind. Aber auch das war ein langer Prozess.

Philipp: Das begann in etwa Weihnachten 2014, während Hendrik sich im Ostsee-Urlaub befand.

Pogo: Das ist übrigens ein ganz normales Ding: Hendrik macht Urlaub und wir arbeiten! (alle lachen)

Philipp: Da hatten wir unseren Proberaum gerade ganz neu und haben mit Schlagzeug, Orgel und Bass erste Demos aufgenommen. Das war für uns alle eine neue Herangehensweise an das Thema Songentwicklung. Pascal hatte zu dem Zeitpunkt Sorge, dass er sich für eine weitere Entwicklung der Stücke zu unflexibel macht.

Hendrik: Er war da für sich einfach an einem anderen Punkt!

Philipp: Wir haben zu ihm gesagt: „Na gut, muss ja jetzt nicht sofort perfekt sein, kann man ja noch ändern!“. Palle wollte sich da allerdings musikalisch nicht zu sehr festlegen, aber genau dieses neue Aufnahmeprinzip sollte das neue MESSER-Verfahren sein.

Ist doch auch oft so, dass die erste Idee die beste ist. Dann hat man die tausendmal gehört und es fällt schwer, sich dann noch etwas anderes einfallen zu lassen.

Philipp: Ja, das stimmt. Es ist ja auch nicht so, dass ich das Argument nicht nachvollziehen kann. Aber nachdem wir die ersten beiden Platten gemeinsam im Proberaum geschrieben und danach recht zügig aufgenommen haben, hatten wir uns für die neue Platte auf dieses andere Aufnahmeverfahren geeinigt. Die ersten Songs, die dabei entstanden sind, waren „Der Mann, der zweimal lebte“, „Im Jahr der Obsessionen“ und die ersten Ideen für „Detektive“.

Pogo: Die allererste Idee, die ich rumgereicht habe, war eigentlich „Niemals“. Aber die konkrete Arbeit begann mit den Stücken, die Philipp genannt hat.

Das fiel mir beim Schreiben des Reviews schwer, so einen Begriff wie „Rock-Pop“ da zu erwähnen, nach all den Gesprächen, die wir in den Jahren hatten. „Der Mann, der zweimal lebte“ klingt deutlich softer als euer bisheriger Sound. Hinzu kommt das Video, dass diesen Song ja als Beziehungs-/Liebeslied manifestiert. Vielleicht war Palle das zu soft? „Detektive“ fand ich zum Beispiel am wenigsten einem Genre zugeordnet.

Philipp: Im Post-Punk-Bereich fallen mir da z.B. A CERTAIN RATIO als Referenz für „Detektive“ ein. Bei „Die Unsichtbaren“ (2013) war es ja „Neonlicht“ mit dem alles begann. Ich glaube, immer wenn wir mit einem neuen Album anfangen, müssen wir erst einmal etwas anders machen, um dann zu sagen: „O.K., jetzt schreiben wir noch mal so was wie „Die Echse“ im klassischen MESSER-Sound. Die Sachen, mit denen wir so einen Prozess beginnen, müssen für uns schon eine konkrete Veränderung markieren. Dass Palle die neuen Stücke zu soft waren, glaube ich nicht.

Neuerfindung oder Veränderung?

Pogo: Veränderung ja, aber Neuerfindung eigentlich nicht!

Philipp: Es ist ja kein Bruch mit dem Bisherigen, sondern hängt zusammen, mit dem was bisher passiert ist.

Pogo: Für MESSER wesentlich war schon immer der Gedanke, dass alles möglich ist. Natürlich hat jeder von uns da seinen eigenen Geschmack.

Manuels Percussions sind seitdem viel dominanter im Gesamtsound. Wie gehst du an die Songentwicklung ran?

Manuel: Ich bin ja während der Aufnahmephase zu „Die Unsichtbaren“ eingestiegen. Damals waren die Percussions eine Art Produktionstool, um gewisse Sounds fetter zu machen. Jetzt war die Herangehensweise tragender, komplementär zu Philipps Schlagzeugspiel, ohne klare Hierarchien, wer wofür zuständig ist. Das wurde dann von Song zu Song anders umgesetzt. Das Set-Up entstand sehr intuitiv, nach und nach: die Bongos habe ich in einem Musikladen in der Schnäppchenecke entdeckt. Die klingen ganz gut, fast schon sequenzermäßig, ohne den Drums im Weg zu stehen. Das ist glaube ich das, was „Detektive“ dann auch ausmacht. Da gab es keinen Masterplan, sondern das hat sich ganz organisch entwickelt. Über diese Entwicklung bin ich sehr glücklich. Diese Verzahnung mit Philipps Schlagzeugspiel sagt mir total zu, auch dass es sich gegenseitig so ergänzt und man gar nicht genau sagen kann, wer oder was hier jetzt rhythmisch den Ton angibt.

Übrigens ein super schönes Artwork mit diesem Textbuch!

Hendrik: Das freut mich. Da hat bisher kaum jemand nach gefragt! Es gibt dieses in der Leipziger Galerie ausgestellte und fotografierte Original-Textbuch, von dem ich für jedes Bandmitglied in Fanzine-Manier Kopien gemacht habe. Aber ich wollte noch zu Manuels Entwicklung was anmerken: Bei „Die Unsichtbaren“ waren die Percussions eher so eine Art Zugabe, inzwischen ist das schon eine Symbiose.

Schön gesagt! Mann, wieso ist mir das nicht eingefallen?

Hendrik: Na, wir haben es ja schon zehn Mal erzählt. (alle lachen)

Review: KARIES – Es geht sich aus (LP)

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Wer damals „Monarchie und Alltag“ ignoriert hat, oder noch nicht geboren war, hat jetzt die Möglichkeit bei etwas Besonderem dabei zu sein, wenigstens einmal im Leben. KARIES veröffentlichen die Blaupause für alles deutschsprachige Undergroundige, was da noch kommen wird. Mit FEHLFARBEN hat das allerdings gar nichts zu tun, denn das was hier gesungen wird ist egal, nebensächlich, beliebig und austauschbar.

Es Geht Sich Aus“ hört man nicht wegen der Texte, sondern wegen der Atmosphäre. Die Platte ist süchtig machend, mantraartig, meditativ, dialektisch und biedert sich nirgendwo an. Mag man den wenigen Textzeilen eine depressive Desillusionierung unterstellen, so überzeugen sie doch weitestgehend durch formelhafte Verweigerungsweisheiten (“Alles muss sich ändern, um zu bleiben wie es ist”, aus „Jugend“) oder zerbrochener Beziehungslyrik („Ich will, dass du verstehst, warum du mich nicht verstehst“, aus „Einheiten“). Dabei tauchen die Gesangsstimmen von Max Nosek (Bass) und Benjamin Schröter (Gitarre) tief in den räumlichen Gesamtsound der Produktion und fungieren als Klangergänzung, sind nicht nach vorne gemischt, sondern bleiben gespenstisch schleierhaft hinter Jan Rumpelas halligen Gitarrensounds. Hauptverantwortlich hierfür sind nach wie vor Ralv Milberg und Max Rieger, die federführend die Aufnahmen im Januar 2016 „in den Milberg-Studios in Heslach“ durchführten. Kevin Kuhn hat viel zu tun, entschied sich daher auszuruhn – DIE NERVEN liegen gerade blank, drum spielt der Phillip jetzt die Drums! Zurück zum Ernst der Dinge: Die Interpretation des Covermotivs obliegt der Psyche des Betrachters und ist in seiner Ästhetik über jeden Zweifel erhaben.

Nach der ersten LP “Seid Umschlungen, Millionen” (2014) und der selbstbetitelten EP (2016) setzt sich das Stuttgarter Quartett mit „Es Geht Sich Aus“ ein Denkmal zum Drinrumsuhlen. Bezeichnend das This Charming Man-Records die Platte veröffentlicht, übrigens in Kooperation mit dem englischen Harbinger Sound-Label: da fällt mir nichts mehr zu ein! / Marko Fellmann

thischarmingman // 43:02 // karies

KARIES auf Tour:

22.03.17 München – Unter Deck
23.03.17 Nürnberg – Zentralcafé
24.03.17 Wiesbaden – Kreativfabrik
25.03.17 Würzburg – Cairo
27.03.17 Leipzig – Bermudadreieck Plagwitz
28.03.17 Dresden – OstPol
29.03.17 Berlin – West Germany
30.03.17 Hamburg – Hafenklang
31.03.17 Köln – Privat

Review: MESSER – Jalousie (LP)

2016-10-19-messer-jalousie-lp

Identität entsteht durch das Variieren von Möglichkeiten! MESSER haben dieses Spiel von Anfang an betrieben und verknüpfen vielschichtigen Post-Punk mit anspruchsvoller Poesie. Hörer, die offene Lyrik ablehnen und eindeutige Parolen brauchen, werden hinter der „Jalousie“ nichts finden. Wie schade, es gäbe eine Menge zu entdecken!

Nicht nur im balladesken Opener „So sollte es sein“ (der durch die Zweitstimme von Stella Sommer von DIE HEITERKEIT genau die Größe und Tiefe erreicht, die seinerzeit EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN durch die Beteiligung von Meret Becker in „Stella Maris“ erzielten), sondern auch im rockpoppigen Liebeslied „Der Mann, der zweimal lebte“ spielt Bassist Pogo Orgel. Rockpop? Liebeslied? Nun ja, es ist so: in Verbindung mit den Synthieflächen, die wiederum von Gitarrist Milek beigetragen werden, transformieren MESSER ihren Sound in eine gewisse zugängliche Internationalität, um nicht das fiese Wort Pop zu benutzen. Es kommt hinzu, das Sänger Hendrik nicht mehr schreit, sondern singt und damit seinen Vocals ein breiteres Spektrum ermöglicht, im Gegensatz zum „Kaputte Arme – zerschundene Knie“-Stil der frühen Jahre. Dann erklingt außerdem Micha Achers (THE NOTWIST) Trompete, gar nicht mal so dominant, sondern dezent anschleichend, den Gesamteindruck versüßend. Das sind die offensichtlichsten Faktoren, die das dritte Album des Quintetts deutlich von seinen Vorgängern unterscheidet. Liest sich natürlich auch irgendwie gut, wenn da Jochen Arbeit (EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN) als Gast erwähnt wird, seine Soundsamples ergänzen die Arrangements stilecht und sorgen für akustische Verfremdungen.

Aber die Veränderungen im Bandsound sind noch wesentlich umfangreicher: Percussionist Manuel setzt sich endgültig als neues Bandmitglied durch und hat eine Menge prägender Momente auf dem Album, wobei „Detektive“ heraus sticht. Schlagzeuger Philipp ackert wie eh und je und lässt neuerdings auch deutlich mehr digitale Rhythmen zu. Gitarrist Milek ist ein legitimer Nachfolger für Pascal Schaumburg, kann diesen aber trotz Stratocaster und Echos nicht ersetzen. Sein Ansatz geht eher in eine The Edge-Richtung, während Palles Gitarre komplett outer-space war. Und trotzdem ist Mileks Gitarre top und bietet eine Menge zum Entdecken und lieb gewinnen (z.B. die Stakkatos in „Niemals“ oder die Flagoletts in „Schaumbergs Vermächtnis“ )! Bei „Im Jahr der Obsessionen“ ist seine Gitarre exzellent und entzaubert den Verschleierungseffekt den Gastsängerin Katarina Maria Trenk unisono mit Hendrik erzeugt. In „Meine Lust“ schreit Hendrik dann übrigens doch wieder, quasi Oldschool-MESSER und ja, es gibt mehrere laute Stücke auf dem Album: „Die Echse“ ist ein echter Kracher! „Niemals“ der ideale Konzertopener! Und „Schaumbergs Vermächtnis“ erzeugt natürlich tiefste 80er-Flashbacks und entblößt einerseits Hendriks zentrale Identitätsthematik („Doch durch den Spiegel kommst du nicht!“), schließt andererseits musikalisch aber auch die Klammer im Musikalischen, da Pogos Orgel die Platte beendet.

Die Aufnahmen begannen zusammen mit Robin Völkert im Dezember 2015 auf dem Rittergut Haus Nottbeck und endeten im neuen münsteranischen Proberaum 2016 unter der Regie von Proberaumbesorger Pogo, der die ganze Vorproduktion dann in treue Hände an Tobias Levin übergab. In Anbetracht des Wegfallens regelmäßiger Bandproben und der Integration zwei neuer Musiker sollte man „Jalousie“ nicht mit „Im Schwindel“ (2012) oder „Die Unsichtbaren“ (2013) vergleichen. Von daher war es auch nur konsequent im Artwork neue Wege zu gehen. Die Coverjalousie hat was dreidimensionales und das Gesamtpaket aus dickem LP-Rücken und Textbeiheft beeindruckt außerordentlich. Hör ich seit Monaten! / Marko Fellmann

trocadero // 40:33 // messer

MESSER-Tour 2016:
28.10. Essen, Zeche Carl
29.10. Bremen, Lagerhaus
30.10. Bielefeld, Forum
31.10. Kaiserslautern, Kammgarn
01.11. Wiesbaden, Schlachthof
02.11. Köln, Gebäude 9
03.11. Berlin, Frannz
04.11. Gießen, MuK
05.11. Stuttgart, Zwölfzehn
06.11. Wien, B72
07.11. München, Kranhalle
08.11. Dresden, Groovestation
09.11. Leipzig, Naumanns
10.11. Jena, Kassablanca
11.11. Hannover, Café Glocksee
12.11. Hamburg, Molotow
03.12. Münster, Gleis 22

Review: TELEMARK – input/out (LP)

2016-09-20-telemark-input-out-lp

Zehn Jahre nach dem Debütalbum „Viva Suicide“ und sieben Jahre nach „Informat“ folgt das dritte TELEMARK-Album „input/out“. Mag sich die Musik über die Jahre auch in Details verändert haben, so gelten Max Nuschelers Texte doch als verbindendes Element aller Veröffentlichungen, vorgetragen in einer Mischung aus Sprechgesang und Rumbrüllerei: introspektiv-misanthropische Notizen zu den Übeln dieser Welt.

Jammer Jamma Hey“ eröffnet augenzwinkernd ironisch den Alltagsverarbeitungsreigen und zitiert nebenbei die musikalischen Einflüsse der beteiligten Musiker, so z.B. die 80er-Keyboards (die es auf den früheren Alben nicht gegeben hat), oder überhaupt das „Fütter mein Ego“-Zitat. Dabei bleibt das Grundgerüst aus Schlagzeug, Bass und Gitarre stets im Hier und Jetzt, zitiert bei Bedarf Arrangements aus Post-Punk, Noise-Rock und Alternative-Irgendwas, dies vor allem auch durch die Verwendung eines Synthies. Gerade dieses „Alternative-Irgendwas“ sorgt für eine eindringliche Zugänglichkeit, die sich in drastisch eingängigen Refrains äußert: das „This is not a love song“-Zitat in „Kaputte Köpfe“ ist ein wirklich schlauer Ohrwurm, griffig und sauber arrangiert. „Kopfreiniger“ hat einen ähnlichen Aufbau, Schlagzeug/Bass zu Beginn, leise Strophe, lauter Refrain. Bei „Der Wortort“ swingt und crasht Björn Möhlendick sein Schlagzeug bewegungsfreudig durch ein enorm dynamisches Arrangement, flankiert von einem fetten Bass und einer funkigen Gitarre – das wäre auch ohne Gesang schon ein Erlebnis. Hört man die Platte laut, bläst sie einem die Gesichtshaut weg! Björn (Schlagzeug), Bock (Gitarre/Gesang), Max (Gesang), Walla (Bass), Marek (Tasten) verzichten dankenswerterweise auf vermeintliche „Hitrefrains“, wie es sie bei dem Vorgänger noch gab. Das macht die Sache noch einen Ticken ernsthafter und depressiver, als es früher eh schon war. In sich konsequent! Aber die Hoffnung, Herr Nuscheler! Wo bleibt die Hoffnung? / Marko Fellmann

salon alter hammer // x-mist // 34:13 // telemark

Review: KUBALLA – Auf dem Weg durch die Zeit (EP)

2016-09-15-kuballa-auf-dem-weg-durch-die-zeit-ep

KUBALLA habe ich an anderer Stelle mächtig abgefeiert: deren 2014er Debütsingle „Kein Land in Sicht“ knallte einem so dermaßen unverbraucht um die Ohren, da konnte man schon mal ein wenig schwärmen. Seitdem haben KUBALLA aus Stuttgart/Ludwigsburg einige Konzerte gespielt und Entscheidungen getroffen. Die Wichtigste war Marta den Rhythmusgitarrenpart zu überlassen, so dass Tom zur mikrobewaffneten Frontsau mutieren kann. Ich könnte jetzt nicht sagen, dass man das auf der vorliegenden 7“ „Auf dem Weg durch die Zeit“ differenziert hören könnte. Hätte ich es nicht gelesen, wäre es mir nicht aufgefallen. Kommen wir also zu einer weiteren wichtigen Entscheidung: das Format 7“ bekommt einen konzeptionellen, bzw. seriellen Touch. Das Aussehen und die Verpackung der Single entsprechen dem Debüt, lediglich die Auflagenstärke hat sich verdreifacht, während immer noch auf dem Eigenlabel KBLA RCRDS veröffentlich wird.

Der Sound ist dem Vorgänger ebenbürdig, ja, ich meine sogar einen deutlichen Musikeuphorieschub zu spüren: die Songs haben eine wahnsinnige Power, gehen sofort ins Ohr und biedern sich doch nicht an. Martin (Schlagzeug), Nicholas (Bass), Marta (Gitarre), Matze (Gitarre) und Tom (Gesang) punkrocken hier vom Allerfeinsten, bewahren sich aber in allem einen DIY-Spirit, der die Sache grundlegend sympathisch macht. „Fools on Parade“ hat eine textliche Melancholie, die sich jeder Zugänglichkeit verweigert: „Fuck Off! Tür zu! Du kannst die Welt nicht sehen!“. „Alabama“ hat Atmosphäre und kriegt doch wieder die Wende zu einem vorsichtig euphorischen Refrain. „Langer Weg“ dröselt 40 Sekunden vor sich hin, bevor das Tempo verdoppelt wird und KUBALLA sich hin zum nächsten hymnischen Refrain steigern. Eigentlich würde ich sagen: schade, dass es wieder nur eine Single geworden ist, aber in dem Fall: wieder alles richtig gemacht! / Marko Fellmann

cheaptrashrecords // 12:58 // kuballa

Review: LITBARSKI – s/t (EP)

2016-09-11-litbarski-s-t-ep

Wer hätte das gedacht? Ex-WELTRAUMSCHROTT-Chrischan überrascht aus der Tiefe des Raums wie einst Netzer. Das Ganze heißt allerdings LITBARSKI und hat mit Fußball wirklich gar nichts zu tun. Mit OMA HANS hingegen verbindet die drei Berliner nicht nur das Artwork, sondern auch der Gesangsstil. Wobei ich sagen muss, dass meine erste Assoziation KARMACOPTER war: guter Tip, zumal Van Dante hier gemixt und gemastert hat. Post-Hardcore mit deutschsprachigen Texten, die beschreiben, was sich beobachten lässt, im Privaten wie im Öffentlichen.

Hedwig“ porträtiert eine alte Dame („Was sie eigentlich will, dass man an sie denkt!“), musikalisch punkrockend mit ein bisschen Drama. „Piz Palü“ schließt ergänzend ab, was thematisch zum Lebensende passt („Wo die Alten nichts erzählen von alten Tagen oder Krieg.“). Melodisch wird es dann bei „Der große Shannon“, dass mit dem wiederholten „Sie warten nicht auf dich!“ Wiedererkennungswerte schafft. „Für Else“ eröffnet die B-Seite schwer groovend und positioniert sich fast schon resignierend („Deine verdammte deutsche Butter nimmt dir niemand vom Brot!“), wäre da nicht der Zorn des Sängers, der jede Zeile raus spuckt, als seien es Giftpfeile. Die Instrumentalnummer „Rumstehen 2000“ ist das kürzeste Stück der Platte, während „Rochelle Rochelle“ die Mini-LP mit einem wiederholten „Ich und meine Freunde!“ versöhnlich ausklingen lässt. Prima Debüt! / Marko Fellmann

elfenart records // 15:01 // litbarski

LITBARSKI auf Tour:

2016-09-30 Berlin

2016-10-01 Halle

2016-10-02 Brunswick

2016-10-07 Hamburg

2016-10-08 Rotenburg

2016-10-28 Köln

2016-10-29 Mönchengladbach

Review: STORNO – Wellness (LP)

Storno 2016 Wellness

Warum raus, wenn drinnen sicherer ist? STORNO verleiten zum Innehalten und Zuhören, gerade weil die Musik deutschsprachiger Noisepunk ist. Der verzerrte Bass und das crashige Schlagzeug dominieren den Opener „Herzlich Willkommen“, dessen Text sich nicht an den Hörer richtet und garantiert keine Einladung zu was auch immer ist. Vielmehr geht es um biografische Nullpunkte, die introspektiv auf die noch folgenden Beobachtungen verweisen, nämlich: wie wir wurden, was wir nie werden wollten! Was bleibt ist der Wunsch nach „Wellness“ – was in Anbetracht der misanthropischen Gesellschaftsbeschreibungen, die Sänger Max hier veröffentlicht, nachvollziehbar erscheint.

Geholfen haben ihm Björn Möhlendick (Schlagzeug, Ex-PRINZESSIN HALTS MAUL), Denis Erath (Bass, KURT) und Till Steinebach (Gitarre, Ex-FLOWERPORNOES). Heraus gekommen ist eins der besten deutschsprachigen Slacker-Indie-Alben: laut, noisig, ausdrucksstark. Das hat viel mit dem Livecharacter der Musik zu tun: „Ausnahme Alltag“ z.B. bietet einerseits Hitpotential, andererseits genug Musikraum zum Entdecken und Vertiefen. Der Instrumentalteil in „Talentfrei“ ist wahnsinnig stark mit diesem spacigen Echo-Gitarrensound. „Winter“ wird durch den melodischen Refrain zum zugänglichsten Song des Albums. „Huch“ genügen drei schräg klingende Gitarrentöne, um besonders zu sein. Das alles stes vorgetragen von einer top eingespielten Band, deren Instrumentals bereits stark genug sind, um zu überzeugen, weil sie Ausdruck, Atmosphäre und Dynamik haben. Sehr schön finde ich das Artwork mit dem 70er-Jahren-Familienidyll, das hat Stil und belegt die Gesamtaussage des Albums. „Wellness“ ist ein ehrliches Album, abseits aller oberflächlichen Meilensteine, die einem das Leben so beschert. Geld verdienen lässt sich damit natürlich nicht, draufzahlen ist angesagt: insgesamt also erfolgreich gescheiterter Duischord zum Verlieben! / Marko Fellmann

salon alter hammer // x-mist // 34:13 // storno

Review: HUMAN ABFALL – Form und Zweck (LP)

2016-06-06 HUMAN ABFALL - Form Und Zweck (LP)

Ihre selbstauferlegte innere Migration beenden HUMAN ABFALL mit ihrer zweiten Langspielplatte nur temporär. Form und Zweck“ ist traumatisch, manisch, kafkaesk, dystopisch, predigend, repitierend. Die Musik klingt grundlegend anders, als auf dem Debüt „Tanztee von unten“ (2014), die Band groovt mehr und experimentiert mit einer psychedelischen Räumlichkeit, die den Hörer wie z.B. in „Bequeme Stellung“ akustisch einlullt. Ringo Stelzls Gitarre erzeugt eine Menge schräger Echoplex-Surfsounds und profitiert von JFR Moons eigenständigen Basslinien (sowie gelegentlichen Synthieeinwürfen) und Bronko Schwarz´ unauffällig banddienlichen Schlagzeugspiel. Soll sich der Rest der Bevölkerung doch in hysterischen Selbstoptimierungswünschen suhlen, hier kommt der Anti-Soundtrack: Sie befinden sich jetzt in einer bequemen Stellung, sie schließen die Augen und schalten alle Gedanken ab!“.

Konstant agitiert Flavio Bacon im angepissten Beamtendeutsch zwischen Zynik und Betroffenheit. Sein vielbeschriebener dadaistischer Sprechgesang reicht dem Gleichstellungsfeuilleton als Alleinstellungsmerkmal – zum Mitsingen vollkommen ungeeignete, miesepetrige, posthumanistische Agitationen. „Denken Lernen“ ist eine Liebeserklärung an das wissenschaftliche Arbeiten und versteht sich als antifaschistische Lehrstunde für die, die „Montags“ nicht nur in Dresden als „Täter-Enkel“ auftreten. „RTML“ bietet eine eingespielte Band, die mit Dynamiken spielt und diesen Song über vier Minuten dramatisch zum Höhepunkt treibt. „Q: Wo Ist Franz A: Im Dschihad“ zitiert nicht nur DEVO, sondern erinnert mich wegen der durchgeknallten Gitarre ein wenig an FRUSTRATION. Der Titelsong „Form und Zweck“ ist eine akustische Depression, die durch kein Betäubungsmittel der Welt behandelt werden könnte. Was bleibt ist die Scheinidylle, die Bestätigung im Alltag, das erfolgreiche Erwerbsleben, der Baum, den man immer pflanzen wollte: „Wir hatten so viele Pläne“ beschreibt den Wendepunkt, ab dem eine Beziehung zum Scheitern verurteilt ist. Kein Happy-End! Keine weiteren Pläne! Zurück in die innere Migration! / Marko Fellmann

soundsofsubterrania // 38:27 // humanabfall

Review: DUESENJAEGER – Treibsand (LP)

12inchJacket_offset

Fenster runter kurbeln! Vollgas! DUESENJAEGER gönnen uns ca. 60 Sekunden Autobahn-Punkrock-Romantik in Dur, bevor „Woanders mit Dav“ in düsterem Moll das Herz und die Sinne in seinen Treibsand aus Misanthropie runter zieht: da steckst du fest und kommst ohne Hilfe wahrscheinlich nicht mehr raus!

Jauchetaucher“ überrascht mit klassischen Punkrockriffs, die letztendlich düsterpunkig variiert werden: „Und wenn alles richtig finster ist, an wen wendest du dich dann?“, fragt Sänger Tobi im Refrain – wenn da denn dann überhaupt jemand ist, der einem die Hand reicht. Das sind alles recht klaustrophobische Zustandsbeschreibungen: gesellschaftlich, privat, politisch, übertragbar, atmosphärisch eindeutig und gar nicht so sehr kryptisch interpretierbar, wie es der Albumtitel suggeriert. „Horde“ bringt die Gesamtaussage des 4.DUESENJAEGER-Albums vielleicht am direktesten auf den Punkt: „Alle brüllen sie das Gleiche, die andere Meinung zählt nicht mehr! Wer nicht dabei ist, wird niedergetrampelt! Rücksicht keine Tugend mehr, nach unten nachtreten…“.

Grabeland“ kennt man schon von der 2012er-Split und eröffnet hier die B-Seite des schwarzen 180g-Vinyls, das mit Booklet und Downloadcode in einer 1000er-Auflage erscheint (800 schwarz, 200 bunt und übrigens auch als Tape). „Rastlos und kalt“ hat diese typische DUESENJAEGER-Melancholie und Tobis typischen Up-and-down-Sing-Sang: „Was ist mit deinem Namen, wenn man auch Nummern haben kann? Was nützt das ganze Fragen stellen, wenn es keine Antwort gibt, außer Gartenzaunideologie!? Nicken und Ja-Sagen: wenn das alles ist was bleibt, dann ist das nicht viel!“. Der kürzeste Song „Kreislauf“ wiederum lockert die Gesamtatmosphäre des Albums deutlich auf und wird bei allen zukünftigen Konzerten für mächtig Schubsereien vor der Bühne sorgen: „Alles was jetzt zählt, sind du und ich!“ – kann man da schon von einem Liebeslied sprechen? Nee, ne?! Und selbst wenn doch: „Sintflut“ und „Tief“ beenden musikalisch treibend die Hier-und-Jetzt-Zustandsbeschreibungen „Hast du dir das so vorgestellt, als du klein warst?“. Bzw. „Willst dazu gehören, alles richtig machen, deine Rolle richtig spielen!“.

Treibsandist definitiv kein Sommeralbum, auch wenn es am 30.06.2016 erscheint, trotz der selbstverursachten Wetterkapriolen, über die sich alle aufregen. Es symbolisiert den Rückzug ins Private, die Enttäuschung vom Leben in einer Gesellschaft, die ihre Möglichkeiten vergessen hat und sich auf niedrigste, nicht totzukriegende Instinkte herablässt. Gelegentlich trifft man sich mit Gleichgesinnten und schweigt sich gegenseitig an: weil alles schon gesagt ist und man sich dann sowieso besser versteht. Wir sehen uns an der Theke! / Marko Fellmann

myruin.de // 31:58 // duesenjaeger

12.08. Düsseldorf @ Linkes Zentrum
13.08. Saarbrücken @ Alice + Mr. Inman
20.08. Potsdam @ Angst Macht Keinen Lärm III
02.09. Oerlinghausen @ JZO „40 Jahre JZO“
03.09. Hamburg @ Molotow + Captain PlanET
28.10. Nürnberg @ K4 + Oiro
29.10. tba @ tba + Oiro
04.11. Gotha @ J.U.W.E.L. + tba
05.11. Mönchengladbach @ JuKomm: Never Again! Vol. 11 – Solikonzertreihe gegen Rassismus + Die Strafe + Cocktailbar Stammheim + Naive
02.12. Berlin @ Kastanienkeller
03.12. Berlin @ Schokoladen

Review: Stöhr Sound – This is Wetschewell! (Video)

Stöhr Sound

Stöhr Sound – This is Wetschewell! Finest Noise since 2013! To be continued!

In einem der entlegensten Winkel in Mönchengladbach hat sich Guido Lucas mit seinem Blubox-Tonstudio nebst Blunoise-Label nieder gelassen. Hier zelebriert er seit Mai 2013 monatlich zusammen mit Kompagnon Ralf J.Rock ein nicht-öffentliches Spektakel, das bLUnOISE-Fest, zu welchem neue, innovative Bands eingeladen werden. Das Spektrum soll sich nicht auf ein Genre begrenzen, sondern versteht sich als Forum für Entdecker und Liebhaber.

Das Ganze findet auf Spendenbasis statt und lebt vom Miteinander. Die Atmosphäre ist freundlich, familiär und hat einen ganz, ganz hohen Wohlfühlfaktor: der Konzertraum beim Stöhr Sound ist komplett schwarz abgehangen und mit Teppichboden ausgelegt. Das hier sind ein paar Eindrücke, die unser Freund Olli gefilmt und editiert hat. Gabs 2014 als Weihnachtsgeschenk von Ralf an eine Handvoll Stammbesucher! Hier gehts zu diesem Video!

Review: PADDELNOHNEKANU – 1+1=2FEL (EP)

2016-05-01 PADDELNOHNEKANU - 1+1 gleich2fel (EP)

Es dauert lange „1+1=2FEL“ zu mögen. Es gibt hier keinen offensichtlichen Hit. Außerdem sind die Aufnahmen spröde und die Verpackung karg, was ungewöhnlich ist, da die meisten aktuellen DIY-Bands ihre Veröffentlichungen mit Beilagen zustopfen. Die 7“ kommt limitiert in giftgrün daher und präsentiert vier deutschsprachige Punkrocksongs, aufgenommen im Baden-Badener-Proberaum an einem Tag im März 2015. Der Opener „1+1=2FEL“ bietet ein swingendes Schlagzeug und ein schön schräges Gitarrensolo als Verzierung für Felix´ angepisstes Gejaule. „Kennwort Schuld“ kommt soundmäßig am fettesten rüber und entwickelt sich prima, wie man überhaupt sagen muss: je öfter man die Songs hört, desto tiefer wirken sie!

Coole Bande“ eröffnet die B-Seite stark groovend und fragt „Warum klingen alle coolen Bands nach Hamburg?“. Coole Bands wollen aber gar nicht nicht nach Hamburg klingen! Aber natürlich liefern PADDELNOHNEKANU hier ein umfangreiches Rachut-Bekenntnis ab: Amen! „Vollkasko“ hat Atmosphäre, Punkrockspirit und einen fluffigen Bassgitarrensound. Eigentlich schade, dass man sich nicht für eine Studioaufnahme entschieden hat, die Songs hätten es verdient. Aber eigentlich irgendwie auch cool, das alles selber zu machen und absichtlich nicht aufzupimpen. Das hat eine gewisse Symbolik, die dann doch ziemlich sympathisch ist. Von PADDELNOHNEKANU würde ich mich gerne mal 1:1 bei einem Konzert überzeugen lassen. / Marko Fellmann

paddelnohnekanu // 11:42 // kanutenrock

Review: KANNIBAL KRACH – Untermenschen in der Überzahl (LP)

2016-04-18 KANNIBAL KRACH - Untermenschen in der Überzahl (LP) front

Mitten in die Fresse! Jetzt habe ich mir „Untermenschen in der Überzahl“ schon sechsmal angehört und bin immer noch begeistert: tighter Grind mit sehr guten deutschen Texten und viel Punk im Blut. Man traut es diesen drei Chaoten aus Wermelskirrchen kaum zu, aber die vorliegenden 18 kurzen Songs sind allesamt absolute Kracher, die mich in ihrer Brachialität und Vielfalt gar nicht so sehr an JAPANISCHE KAMPFHÖRSPIELE erinnern (deren Label die LP exklusiv veröffentlicht), sondern eher an SYSTEM OF A DOWN (die davon wahrscheinlich nichts wissen). Die Texte sind misanthrope Gesellschaftsbeobachtungen, die so dermaßen 2016 sind! KANNIBAL KRACH sprechen das aus, was ausgesprochen werden muss, gelegentlich schwenken sie ins Ironische bzw. Augenzwinkernde, aber ihre Beobachtungen sind präzise und beschreiben eine Menge tagespolitischer Probleme, die sich auch auf meiner aktuellen Shitlist befinden!

Verdammt, „Das Plenum“ ist einfach nur großartig und „Tötet die Reichen“ autonomer Aktivierungspunk mit Zorn. Die Produktion und die Arrangements der Platte sind state of art, präzise eingespielt und mit vielen kleinen Details. Und überhaupt das Cover! Ein echter Hingucker, provozierend, satirisch, interpretierbar, mit dem Beigeschmack des Gefährlichen und Verbotenen: die Platte wird bestimmt allein deshalb ein Renner. Gerade in hochpolitischen Zeiten wie diesen ist es mutig solch öffentliche Statements zu setzen. Ich mag die abgefahrene Rhythmusgitarre bei „So tun als ob“ und dass der Song nach einer Minute dann doch noch eine melodische Wende nimmt: es geht also doch?! Es geht sogar noch besser! „Aussterben, Jetzt!“ und „Monokultur“ verströmen Punkrockmelodien, die die Gesamtplatte deutlich abrunden und KANNIBAL KRACH damit gegenüber Genrekollegen deutlich differenzieren. Von vorn bis hinten gut! Das dritte Album und so! Easy Going! Da werden wir noch ein paar Jahre Spaß dran haben. / Marko Fellmann

unundeux // 17:56 // kannibalkrach

Review: NEGATIVE SPACE – s/t (EP)

2016-04-10 Negative Space 2016 s-t EP front

Wenn der Fuß mit wippt, ist immer gut, oder?! NEGATIVE SPACE spielen nervösen Postpunk mit seltsamen Liednamen: die Songs sind lediglich durchnummeriert A1, A2, B1 und B2, handeln aber anscheinend nicht von Autobahnen, sondern verzichten unspektakulär auf Assoziationen, genau wie bei ihrem 2015er-Debüt-Tape.

O.k., also: keine Liedtitel, keine Plattennamen und überhaupt keine näheren Infos, außer vielleicht der Erwähnung des südenglischen Städtchens Folkestone, nah bei Dover. Den Bandnamen haben sie sich garantiert vom METZ-Kracher „Negative Space“ geliehen und mit den PRETTY HURTS waren sie im Februar ein paar Tage auf Tour. Der Sänger nennt sich „Gegenpresse“, was gut klingt, aber schwer zu belegen ist, da man die Texte der vorliegenden vier Songs kaum verstehen kann. Sänger Gegenpresse spricht und brüllt Forderndes und Enttäuschtes, in „A2“ wird der Begriff „wasted“ wiederholt, sicher bin ich mir da allerdings nicht, jedenfalls nickt der Kopf jetzt ebenfalls im Tempo. Viel Atmosphäre gibt es hier um die Ohren. Bass, Schlagzeug und Gitarre klingen ziemlich Live, trocken und nackt, aber der No-Wave-Sound funzt wie Bolle, was den Vocals dann wiederum gestattet, im Gesamtsound zu verschwinden. Insgesamt ziemlich überzeugend dargeboten. Nächstes Mal dann bitte eine LP. / Marko Fellmann

beautravail.blogspot.de // 8:55 // negativespacemusic.wordpress

Review: FRANA / OPILIONES – Split (EP)

2016-04-03 FRANA - OPILIONES - Split (EP)

FRANA habe ich als Stammgast der bLUnOISE-Feste schon länger auf dem Schirm. Ein Haufen herzensguter Menschen deren 2015er EP-Debüt „Odds and Ends“ mich in seiner Mischung aus Alternative-, Stoner- und Noiserock voll überzeugt hat. Hier nun also der neueste Output, übrigens gelabelt als Italo-Kraut-Post-Hardcore aus München und Mailand, was eigentlich alles sagt. OPILIONES hingegen sind aus Aschau am Inn und haben bereits 2014 „The Heart of Harvestman“ (CD, 14 Lieder) und 2014 „Constant Doubt“ (7“, 4 Lieder) veröffentlicht. Beide Bands verbindet der englischsprachige Gesang, sowie der Hang zum Alternative-Sound der Neunziger Jahre, deswegen haben sie auch schon öfters zusammen Konzerte gespielt, woraus wiederum die Idee zu der vorliegenden Split-EP entstand.

Beim Opener „Slumping at the rate of yawn“ erinnern mich FRANA stark an THE INTERNATIONAL NOISE CONSPIRACY, nur ohne Orgel, bzw. es ist so: die instrumentale Musik besitzt bereits genug Dynamik, Relevanz und Dramatik um für sich dazustehen. Setzt dann der Gesang ein, wird es zum Song, allerdings nicht im klassischen Strophe/Bridge/Refrain-Format, sondern der Gesang setzt sofort ein, verschwindet aber nach eineinhalb Minuten und gibt den Weg frei für gut zwei Minuten Instrumentalwahnsinn, der einfach beeindruckt, weil man hier allen Beteiligten die pure Spielfreude anmerkt! Lucas Texte sind introspektive Ventile „all the way down to lake apathy“. Danach startet „You’d be so scared on the Treno Fantasma“ stimmungsvoll schräg und präsentiert sich beim Einsetzen des Gesangs als formidabler Hit, der allerdings nach dem ersten Refrain bereits endet, hat was von AT THE DRIVE-IN, aber ohne Bixler-Gekreische, toller Song! Bei den OPILIONES fällt sofort der insgesamt bessere Sound auf, fette Toms treffen auf fetten Bass: leichtes Spiel für die Gitarre, die atmosphärisch die Marschrichtung vorgibt. Bevor bei „No Magic“ der Gesang einsetzt wird sich erstmal instrumental ausgetobt, was eine ziemliche Power entwickelt und durch den Gesang dann gesteigert wird. „Stoa“ funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip, ist allerdings mehr Song und wird durch den Gesang dominiert.

Fazit: Split-EPs sind eh cool, kann man mal machen! Insgesamt eine hübsche EP mit einem tollen Artwork und Downloadcode auf schnieken 33rpm. / Marko Fellmann

munich-punk-shop // X-Mist // 11:27 // frana // opiliones

Review: SIE KAMEN AUSTRALIEN – Peter Ist Der Wolf (CD)

Sie Kamen Australien 2016 Peter Ist Der Wolf

Ja, das erinnert natürlich stark an Neue Deutsche Welle, wobei ich jetzt gar nicht sagen könnte, an wen konkret!? Ich finde, das geht teilweise in so eine LIPPS INC-Diskostampfer-Richtung (won´t you take me to funkytooown?), bzw. DAF mit den Arrangements von NENA, allerdings in TRIO-Besetzung und mit den produktionstechnischen Möglichkeiten, die das Hier und das Jetzt drei gestandenen Musikern heutzutage so bietet.

Ich vermisse zwar zunächst laute E-Gitarren, aber das reguliert sich im Laufe des Albums. Von Punk kann man hier aber eigentlich nicht sprechen, dafür sind die Arrangements und Sounds zu „international“ und zu „poppig“, einfach wahnsinnig fett im Bass (mit Synthi-Effekten) und vom Mastering eher im aktuellen HipHop anzusiedeln, als im Rockbereich. Dennoch bildet die Triobesetzung die Basis für zehn sehr tanzanimierende, weil meist schnelle Songs: das ist alles hoch musikalisch, pointiert, präzise, witzig und irgendwie über den Dingen. Hinzu kommt der nicht enden wollende Verweis auf TRIO, der Bandname zitiert ja sogar die alte Peter Behrens-Single „Sie kam Australien“ von 1990. Aber in „Du bist der Superstarwerden Remmler, Behrens und Krawinkel im Text erwähnt („Du kennst die Charts, quatscht alle dicht, Peter Behrens kennst du nicht!“) und im dazugehörigen Video wimmelt es dann zusätzlich von TRIO-Zitaten, ob die Megaphon-Performance oder die Mikrostativpantomime: alles ziemlich cool!

Das Artwork kommt modern futuristisch daher und bezeichnender Weise steht hinter jedem Titel das Tempo abgedruckt. Fein wäre es, wenn „Peter ist der Wolf“ irgendwann mal als Langspielplatte nachgeliefert würde. Denn auch wenn das vorliegende Digipack einen guten Eindruck macht: Vinyl soll ja angeblich der neueste Schrei sein!? Insgesamt ein guter Einstand, sogar mit einem Hit, der Ballade „Eigentlich für dich“! Die hätte es 1983 in die Charts geschafft und wäre bei „Formel Eins“ gelaufen! / Marko Fellmann

brilljant-alternatives // 37:09 // siekamenaustralien

Review: HANS EHLERT HAMBURG – Zwei (LP)

2016-03-19 HANS EHLERT HAMBURG - Zwei (LP).jpg

HANS EHLERT HAMBURG sind ein Duo aus Berlin. Mit ihrem 2013er LP-Debüt „Bizarre Farben“ (die 300er-Auflage ist ausverkauft!) haben sie sich in die Herzen der DIY-Fanzinegemeinde gespielt: verdammte Kritikerlieblinge! Basti Ehlert (Bass/Gesang) und Theo Ehlert (Gitarre/Drums) spielen einen an frühen NDW angelehnten Indiepunk irgendwo zwischen RHEINGOLD und FEHLFARBEN. Jedenfalls wird mehr gesprochen und gebrüllt als gesungen und die Gitarre ist perkussiv postpunkig. Die gesamte Platte wurde mit einem Drumcomputer eingespielt, aber vielleicht macht gerade das den Charme und die Atmosphäre dieser Platte aus. Live hat ihre Landkarte noch genügend Lücken, dennoch konnten HANS EHLERT HAMBURG bereits mehrfach auf Konzerten überzeugen, hierbei übrigens seit 2015 immer mit Tourdrummer Ste. Jetzt also endlich der 12“-Nachfolger „Zwei“: 180g + CD im Steckkarton (die kann man auch separat kaufen), DINA4-Textbeilage, 11 Lieder in einer dreiviertel Stunde, aufgenommen zwischen 2013 und 2014 im Berliner Proberaum.

Alles einsteigen“ punkrockt sich sofort ins VELVET UNDERGROUND-Herz, während „33 rpm“ nicht nur eine offensichtliche Liebeserklärung an die Schallplatte ist, sondern auch der Sehnsuchtssoundtrack der Generation Langeweile. Eine hektische Rhythmusgitarre im besten F. J. Krüger-Stil führt „Jugendkultur“ in den speziellen HANS EHLERT HAMBURG-Taumel. „Eurythmie“ beendet die A-Seite und entpuppt sich als legitimer „MS Freak“-Nachfolger: funkige Postpunk-Gitarre trifft auf wummernden Bass. Bastis Texte pendeln zwischen Resignation und Wut: „Zum Studieren nach Prag oder Kiffen im Park? DAF hat´s schon vertont, dass verschwenden sich lohnt!“ (aus „Eurythmie“). Insgesamt ein würdiges zweites Album, wieder auf 300 Exemplare limitiert, also mit dem Bestellen nicht zu lange warten! / Marko Fellmann

hafenschlammrekords // 45:45 // hansehlerthamburg

Review: VOMIT HEAT – Spirit Desire (LP)

Vomit Heat 2016 Spirit Desire front

VOMIT HEAT? Noch nie gehört! Vollkommen unbekannt bis dato. Aber dann legst du die Platte auf und dein Zimmer verwandelt sich in einen David Lynch-Film, nämlich in die traumwandlerisch träumerischen Sequenzen, die du nicht erklären kannst, weil sie deine Seele im Innersten berühren. VOMIT HEAT ist keine Band, sondern Nils Herzogenrath aus Essen. Dieser hat mit dieser Platte seine von 2008 bis 2015 gesammelten Homerecordings jetzt hübsch finishen lassen, was nötig war, da die Umstände und Orte der vorliegenden Aufnahmen über die Jahre variierten. Dadurch haben die vorliegenden Aufnahmen keinen einheitlichen Grundsound, sondern unterscheiden sich enorm, was aber wiederum dem „Spirit Desire“ der Gesamtatmosphäre zugutekommt. Das Artwork ergänzt den biografischen Charakter der Produktion: ob das Covergirl wohl die besungene „Miriam“ ist?

Die Platte entführt dich einerseits zurück in die Milleniumphase, in der Samplecollagen Einzug in die Welt von Electronic Beats- und Big Beat-Produktionen hielten, andereseits beruft sich „Spirit Desire“ auf Shoegaze und Noise und es ist genau diese Mischung, die die Beschäftigung mit dieser Platte zu einer psychedelischen Reise macht. Die Musik von VOMIT HEAT verströmt eine unwirkliche Leichtigkeit, die dir immer wieder suggeriert, dass alles o.k. ist, dass du dir keine Sorgen machen brauchst, solange nur diese Platte läuft. „Wrong Place“ ist eine pure THE JESUS AND MARY CHAIN-Verbeugung. Warnende Stimmen, mal gesungen, mal gesprochen, werden von den repetitiven Arrangements verschluckt, aber es gibt sie! Sie laden dich ein, mitzukommen und die Schönheit in dieser Musik wahrzunehmen. / Marko Fellmann

anaott/ // 40:55 // vomitheat

Review: NEOPIT PILSKI – Wir/Ihr (LP)

2016-02-26 Neopit Pilski 2016 Wir-Ihr

Schräg und krumm, aber Songs, gezähmter Noise, hoffnungsmachende Melodien zum Entlanghangeln und sich dran erfreuen, frühe BLUMFELD, ja, Gitarre mit 12er-Saiten komplett einen Ton runtergestimmt und lediglich bei einem Track die tiefe D-Saite noch auf C runter („Kürbis Rote Onkelchen“), immer nur Halstonabnehmer benutzt, dank einem Jazzmaster-Pickup in der Telecaster, edle Mischung, teilweise gemastert von Hauke Albrecht, der Rest in Eigenregie, aufgenommen in Hamburg, als Duo, Stefan Ivanov – Gitarre/Gesang, Simon Schmidt – Schlagzeug, früher allerdings Trio, Lüneburg, bereits 2010 eine CD, noch mit Bassist Steffen, der nun Kinder und Familie vorantreibt, war auch geile Musik, fand aber wenig Öffentlichkeit, jetzt also bei Fidel Bastro, jetzt also mehr Öffentlichkeit?

Wir/Ihr“ hat Atmosphäre und Ausdruck, ohne sich an gängige Mainstreamstandards zu halten. Dennoch ist diese Platte ein guter Wegbegleiter durch die Wirrungen des Alltags, quasi ein Selbstschutzsoundtrack, der Hoffnung macht. Dass NEOPIT PILSKI sich in ihrer Befremdlichkeit diese Zugänglichkeit erhalten empfinde ich als ein Kunststück sondergleichen. Der fehlende Bass wird überhaupt nicht vermisst! Die bulgarischen Texte wirken besänftigend und vertrauensvoll, ohne Befremdlichkeit zu erzeugen. Die Texte liegen der LP nicht bei, aber die Titel sind übersetzt und heißen dann „Lüge“ oder „Knochen“. „Kürbis Rote Onkelchen“ ist Noiseswing, der sich dramatisch steigert, während “Die unerträgliche Vorteilhaftigkeit das Habens“ instrumental und kompositorisch aufwendig daher kommt und irgendwie an Mike Patton oder SONIC YOUTH erinnert. Allein schon der ebenfalls instrumentale Rausschmeißer „Lullaby for Z“ hat wahnsinnig viel Schönes in sich: da braucht es wirklich keinen Gesang, das hat alles, was gute Musik ausmacht! / Marko Fellmann

fidelbastro // 32:18 // neopitpilski

Review: Vollmer/Nußbaum – Versuch 5 (Roman)

Vollmer-Nußbaum - Versuch 5

Liebevoll! Wie mich dieses Adjektiv ankotzt! In so ziemlich jedem Promotext zu jeder neuen Platte irgendeiner Band, die auf dem Planet Kopfpunk landen will, werden die liebevollen Kompositionen oder das liebevolle Artwork erwähnt: selbst vom liebevollen Mastering war schon zu lesen. Was an Fremdaufträgen liebevoll sein könnte, entzieht sich meiner Vorstellungsmöglichkeit. Aber ich kenne einen Haufen Leute im DIY-Bereich die tatsächlich (fast) alles selber machen: Philip Nußbaum ist einer davon, sein Kompagnon Carsten Vollmer ebenfalls. Deren aktuelles, auf 100 Exemplare limitiertes „Versuch 5“-Paket mit einer weißen 7“, einem 34-Seiten-Kurzroman, Illustrationen, Gästen und Fotoabzügen für 10€ zu verschachern ist natürlich DIY par excellence, manisch kulturversessen, ähnlich bekloppt (weil definitiv nicht betriebswirtschaftlich erklärbar) wie z.B. die KLOTZSschen „Schnür“ oder auch „Strafraum“-Singles. Oder lasst es mich mit SOUNDS OF SUBTERRANIA-Ralf sagen: „Ich erwirtschafte Geld, um Werke zu schaffen, und schaffe nicht Werke, um Geld zu erwirtschaften!“ (aus dem aktuellen MINT). Der Sachverhalt wird ausführlich beschrieben: ein Krimi, eingebettet in einen Kurzroman mit Drehbuchcharakter, ergänzt durch oben genannte Beweistücke, ordentlich abgeheftet in einer Schnellhefter-Akte. Erinnert mich irgendwie an THE NATHAN ADLER DIARIES (sind Bestandteil des „1.Outside“-Album von David Bowie). Inhaltlich geht es um Sex, Gewalt und Mord. Deswegen erst „Ab 18“! Prädikat: besonders liebevoller Schweinkram! / Marko Fellmann

versuchx.bigcartel // 34 Seiten, 7“, 8 Fotos // nussbaumphilip.wordpress

Review: BEN RACKEN – Dreieinhalb (LP)

Ben Racken 2016 Dreieinhalb front

Ob nun Mini-Album oder Maxi-Single: „Dreieinhalb“ ist mehr als der Titel suggeriert, nämlich eine klasse, vollwertige und tagespolitische 12“-Platte! Das beginnt mit dem Soldatenheimkehrerlied Dann kehrt er heim“, geht über Lampedusa“ (raffen sie das bitte: „Selbst der Tod ist besser als alles!“) und endet auf der A-Seite hochpersönlich bis depressiv mit dem LSK-Cover „Manches Mal“, übrigens ohne Schlagzeug und Bass, was ungewöhnlich ist, aber letztendlich kaum auffällt, weil auch hier wieder die BEN RACKEN-typischen tiefen Gesänge hängen bleiben. Und bevor ich es vergesse: was für ein wunderschönes Artwork!

Die zweite Seite wird mit nervöser Rhythmusgitarre eröffnet: „In Mir“ klingt neu, wenn der Text auch das alte Dilemma bestätigt. „Happy Birthday Mr. President“ shuffelt sich sofort ins Herz und entwickelt sich zum punkigsten was die drei Magdeburger bis dato veröffentlicht haben, obwohl es mich in den ersten Sekunden immer an „Radar Love“ erinnert, was natürlich Blödsinn ist, aber die musikalischen Veränderungen infolge des Schlagzeugerwechsels manifestiert. Irgendjemand ließ die Hunde los“ treibt mächtig und groovt sich durch ein langes waviges Intro. Als Rausschmeißer noch eine verhardcorte „Lampedusa“-Variation, bei der ENRICOs Ivo singt (jedenfalls nicht Tuba). Shit! Habe ich schon gesagt, dass ich BEN RACKEN zum niederknien liebe? / Marko Fellmann

benracken // 18:52 //

Review: KASABLANKA – Kaputt (LP)

Kasablanka 2015 Kaputt

Ich hab´ alles kaputt gemacht und mit Rot nochmal korrigiert.“ Ich weiß, was sie jetzt denken und sie haben Recht! Vielleicht wäre es klüger gewesen einfach zu Hause zu bleiben und die Wunden zu lecken, die das Leben einem nun einmal beschert: Stillstand, Deppen, Arschgesichter sind alles, was man kriegt! Stattdessen treffen sich drei junge Menschen regelmäßig im Kölner Proberaum und fabrizieren Lieder über die Beschissenheit der Dinge, dem Morgen nach der wildesten Nacht und dem Tag vor dem einsamsten Abend: „Wenn hier jetzt alles gut ist, warum lächelst du dann nicht?!“. O.k. das sind alles irgendwie Beziehungstexte, von Liebesliedern sollte man in dem Zusammenhang wirklich nicht sprechen, wohl eher von rausgerotzter Psychohygiene, halb wund, halb vernarbt: selbst schuld, wenn man ständig den Schorf abknibbelt!

Kaputt“ ist das Vinyl-Debüt dieses neuen Kölner Trios: acht Lieder aufgenommen von Guido Lucas in der Mönchengladbacher bLUbOX. Stark verspätet veröffentlicht, da über die Bandcamp-Seite noch Geldspender gesucht und gefunden wurden. Jetzt gibt es die Platte zu kaufen und man kann davon ausgehen, dass die 300er-Auflage schnell vergriffen sein wird. Nämlich weil sich KASABLANKA mit diesen acht Liedern genau in die Schnittstelle zwischen CAPTAIN PLANET, KRAWEHL, GIULIO GALAXIS und TURBOSTAAT platzieren, oder lassen sie es mich mit der aktuellen Headline einer obsoleten Musikzeitschrift sagen: Punk lebt! / Marko Fellmann

random-events-in-a-dying-universe // 27:33 // kasablanka

Oder direkt bestellen per Mail: random-events.dying-universe@hotmail.com

Review: DIE STRAFE – Krunk (LP)

Die Strafe 2015 Krunk

Beim Releasekonzert gekauft, am Tag darauf direkt gehört, geil gefunden, danach vergessen, was darüber zu schreiben. „Krunk“ ist eine fantastische Platte, deren Gesamtaussage sich tief in meine Seele gebohrt hat. Das hat viel mit den Texten zu tun, weniger mit der Musik, ohne diese schlecht reden zu wollen: die Vielfalt der Arrangements spiegelt die Musikgeschmäcker des Mönchengladbacher Trios und macht die Sache abwechslungsreich und somit auch irgendwie unterhaltsam. Aufgenommen wurde in den bLUbOX und Stöhrsound Studios in Mönchengladbach, bereits vor knapp einem Jahr.

13%“ ist ein archetypischer Punkrocksong: kritisch im Geist, existenziell in der Thematik und trotzdem oder erst recht deswegen mitsingbar. „Entschuldigen Sie“ hat das Zeug zum Mitgröhlklassiker und lockert die ansonsten düstere Atmosphäre des Albums deutlich. „N.O.T.“ erinnert total an EA80, wohingegen „Stück für Stück“ und „Schmeiß doch“ ziemlich DIE ÄRZTE-mäßig klingen: beide Songs sind absolute Highlights der Platte. Sehr stark sind die Situationen, in denen der zweite Gesang aus dem Hintergrund tritt und gleichberechtigt neben der Hauptstimme steht. „Fensterbank“ ist da ein gutes Beispiel, aber in Perfektion wird das in „Himmel hilft nicht“ umgesetzt: der absolute Hit, noch nie klangen DIE STRAFE so gut! Der Titelsong „Krunk“ kracht mit Rekordgeschwindigkeitsgesang an einem vorbei und „Wir werden alle sterben“ fräst sich sofort ins ewige Lagerfeuersongbook.

Krunk“ erscheint als LP in schwarz, limitiert in weiß (jeweils mit Downloadcode) und als CD mit 20seitigem Booklet exklusiv bei majorlabel, die somit das coolste Label des Monats Januar sind! / Marko Fellmann

majorlabel // 37:26 // diestrafe //

Interview: KRANK – Taten sind lauter als Worte!

2015-11-27 KRANK Setlist 01

Das knackt! Stulle, Höter, Stütze und Mausi sind KRANK. Joao, Tobert, Chriss, Jens, Klaus und V-Mann-Jürgen sind aber auch irgendwie KRANK. Warum das so ist, erzählten mir Jan, David, Flemming und Ramon bei ´nem Pappbecher Kaffee vom Bäcker, in einer WG in Mönchengladbach, wo wir uns nach einem gelungen Releaseday-Auftritt zum Interview verabredet hatten. / Marko Fellmann

Beim Interview waren außerdem noch ULF dabei. Ebenfalls aus Hamburg. Ebenfalls beim gestrigen Konzert und ebenfalls mit deutschsprachigen Punkrocksongs, allerdings eher Richtung DUESENJAEGER, was als Assoziation reichen muss. Deren Debüt-Dingsbums steht zwar noch aus, aber nach dem rundweg gelungenen ersten Auftritt muss ich schon sagen: bin gespannt! Und der Vollständigkeit halber sollten auch noch THE PIXEL CRASHER aus Mönchengladbach erwähnt werden, die am 27.11.2015 mit Coverversionen und eigenen Nummern für gute Stimmung in der Mönchengladbacher Kultube sorgten.

2014 schickte mir Chu Chu Records eine limitierte 7“ von KRANK aus Hamburg, deren sechs Songs mich sofort begeisterten: klassischer Hardcorepunk trifft auf Sänger mit deutschen Texten. Gute Sache erstmal! 2015 hatten KRANK nun die Ehre, ihre Debüt-LP „Ins Verderben“ bei This Charming Man veröffentlichen zu dürfen (VÖ 27.11.2015). Und irgendwas mit TURBOSTAAT war übrigens auch noch…

Jan, welche Bands hattest du eigentlich vor KRANK?

Jan: Ich hab´ vorher noch nie was gemacht: das ist das erste Mal… (grinst) Angefangen hat das Ganze damit, dass mein Schwager Joao und ich das spaßeshalber als Homerecordingprojekt gestartet haben. Daraus hat sich dann nach verschiedenen Verzögerungen die Band KRANK entwickelt. Joao war schon in seiner Heimat Portugal in mehreren Hardcorebands als Drummer aktiv und in Hamburg ist er dann bei NEVER eingestiegen, der Band, in der Chriss Dettmer gesungen hat (übrigens auch Sänger von BENT CROSS). Aktuell spielt Joao bei AAS Gitarre und singt und letztendlich ist er es, dem wir KRANK zu verdanken haben! Joao hat mir nämlich eines Tages zwei Instrumentaltracks zukommen lassen, die er bei sich zu Hause zusammen geschustert hatte. Für diese Nummern hab´ ich mir dann Texte einfallen lassen und dann haben wir eines Abends in seinem Wohnzimmer in einer Bierlaune die ersten beiden KRANK-Lieder aufgenommen: „Ersatzverkehr“ und „Niemand“ waren das, wenn ich mich recht erinnere… Dann haben wir das ein paar Leuten vorgespielt und zu den ersten Hörern gehörten Chriss und Tobert, die das ziemlich cool fanden. Mit denen haben wir dann sogar ein halbes Jahr später mal zusammen geprobt! Aber leider nur ein einziges Mal… Ein paar Monate später hat dann Jens Gitarre gespielt, dazu gesellte sich dann Klaus Hoffmann am Bass, danach hat Karsten alias V-Mann-Jürgen den Bass übernommen (der übrigens auch bei BENT CROSS den Bass spielte), weil Klaus keine Zeit mehr hatte. Jens und Karsten haben sich dann die ganzen Sachen von unseren ursprünglichen Demos drauf geschafft und es kamen immer wieder neue hinzu.

Hey, ich dachte, Klaus Hoffmann sei Toberts KRANK-Pseudonym?

Jan: Nee, aber er fand das soo witzig sagen zu können, das Klaus Hoffmann auf der Platte Bass gespielt hat! (lacht) Klaus hat ganz früher übrigens mal bei Jupiter Jones gespielt.

Woher kennst du denn Tobert überhaupt?

Jan: So über die letzten Jahre ist Tobert einer meiner besten Freunde geworden. Ich glaub´, der Kontakt kam über Chriss, oder wir sind uns in Hamburg irgendwann über den Weg gelaufen und dann hat sich das so ergeben… Hallo Käsemann. Ich bin im Fernsehen!

O.k., aber wie kommen jetzt die drei hier anwesenden Herren ins Spiel?

Jan: Zum Jahreswechsel 2014/2015 war irgendwie klar, dass unser Gitarrist aussteigt, obwohl wir noch den Auftritt mit TURBOSTAAT ausstehen hatten. Daraufhin blieb uns nur die Möglichkeit, dass Joao Gitarre spielt und wir jemanden fürs Schlagzeug finden, da nämlich im Bekanntenkreis auf einmal nur noch Trommler übrig waren, aber keine Menschen die Gitarre spielen. Dafür konnten wir dann Ramon anheuern, mit dem wir das Husum Ding dann durchgezogen haben: nach nur zweimal Proben! Joao war allerdings seinerzeit schon nach Schweden ausgewandert und ist dann für dieses eine Konzert extra nach Husum gekommen. Aber das war dann sein letztes Konzert und wir haben dann erst mal ein halbes Jahr Pause gemacht. auch weil sich die Gitarrenmenschsuche erheblich hinzog. Irgendwie war dann auf einmal Flemming am Start und irgendwie war da aber dann auch schon bald klar, dass Karsten wegen seinem neuen Job keine Zeit mehr für KRANK haben würde, weswegen wir dann parallel David angelernt haben und also zeitweise sogar mit zwei Bassisten geprobt haben. Und dann kam das Konzert mit EMPOWERMENT auf der MS Hedi, welches dann letztendlich Karsten´s letzter Auftritt war.

David: Ich hab´ damals 2012 schon die ersten Demos zu hören bekommen, also: wir kennen uns alle untereinander schon einige Jahre.

O.k., logische Anschlussfrage: wann dreht sich das Musikerkarussel weiter, wer steigt als nächstes aus?

Alle: Keiner!

Flemming: Keiner hört auf! Das fühlt sich nämlich total gut an, gerade nach solchen Wochenenden! Jeder von uns macht schon seit einigen Jahren Musik und ich kann jedenfalls für meinen Part sagen, dass es sich noch nie so rund angefühlt hat.

Heißt doch aber eigentlich, dass von euch Dreien keiner an den Aufnahmen beteiligt war!? Aber du, Jan, du warst bestimmt dabei, oder?

Jan: Es war so: im November 2014 hat Joao in Haukes Studio an vier Tagen alle vorliegenden Lieder eingespielt. Ab dem Zeitpunkt war irgendwie schon absehbar, dass Jens aussteigt. Ich hab dann mal Tobert zu Smukals „Rückkopplung“-Vintage-Equipment-Laden begleitet, wo ich gern´ mal mit ihm rumhänge. Der hat da einen alten Suprem-Verstärker angetestet. Ich fand den super und als dann klar wurde, dass Joao auch die Gitarren einspielen wird, war mir klar, den brauchen wir. Ich hab mich mit Joao und Tobert bei Smukal verabredet und dann haben wir den kleinen rängeligen Verstärker für Joao gekauft. Ohne irgendwelchen Effektgeräte-Schnickschnack hat Joao dann die Gitarrenspuren zu den Drumtracks eingespielt. Smukal hat übrigens zur Ausleihe noch eine 80er Fender Telecaster mitgegeben. Ach noch was. Joao ist zwar im schwedischen Exil, aber es wird sicher noch Lieder von ihm geben in Zukunft. Wir sind ein gut funktionierendes „Ersatzteillager“. Und gerade fällt mir ein, dass Joao den Verstärker immer noch nicht bei mir bezahlt hat, ha ha…

Ääh, was bedeutet „rängelig“? Ist das Norddeutsch?

Jan: Vermutlich gibt’s das Wort nicht. Das ist Tobert und mein Wort für den Amp. Das ist eher lautmalerisch…

Wie kam es überhaupt, dass Tobert den Bass bei „Halbmast“ und „Frühstücksbrot“ eingespielt hat?

Jan: Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich gar nicht so genau weiß, wer bei welchen Liedern Bass gespielt hat. „Regenschatten“ ist definitiv von V-Mann-Jürgen, aber Tobert hat unterwegs auf Tour auch welche gemacht, „Halbmast“ kann sein, „Frühstücksbrot“ auf jeden Fall. Die Vocals hatten wir vorher bei Joao in Smaland/Schweden aufgenommen, aber nicht alle; einige sind von den Demoaufnahmen geblieben, weil sie schon gut waren. Und dann war es Haukes Aufgabe, das alles zusammen zu mischen und zu mastern.

Gut hat er das gemacht! Ich mag so knackige Sounds! Die Texte drehen sich viel um Gesellschafts- und Konsumkritik, aber mehrere Lieder haben vor allem einen politischen Ansatz! Stichwort: „Taten sind lauter als Worte!“!?

Jan: Schwer zu sagen, aber ich denke, dass die Studienzeit in Bielefeld mich schon stark sozialisiert hat. Die Konzertgruppenarbeit im AJZ Bielefeld war ebenfalls ziemlich prägend. Gerade für das politische Umfeld. Jetzt mal abgesehen von meinem Studium der Erziehungswissenschaften und meiner jetzigen Arbeit als Sozialpädagoge, die sich irgendwie auch in den Texten wiederfindet. Zur derzeitigen Situation in Hamburg ist es meiner Meinung nach zwingend notwendig, sich da einzumischen! Und da sind KRANK in der Konstellation auch alle auf einer Wellenlänge.

Was genau meinst du mit „derzeitiger Situation“?

Jan: Die „derzeitige“ Situtation stimmt eigentlich nicht… Es ist die allgemeine Hamburger Situation, die beschissene Sozialpolitik. der abscheuliche Umgang der Stadt mit sozial schwachen Menschen, Obdachlosen, Geflüchteten. Wohnungsnot und Gentrifizierung und dieses Streben nach Anerkennung der Marke Hamburg als weltweites Aushängeschild, ohne Rücksicht auf Verluste, zu Lasten der hier lebenden Menschen!

Gibt es unter euch überhaupt einen waschechten Hamburger?

David: Ja! Mich! Ich bin der einzige gebürtige Hamburger bei KRANK! Ich komme auch ebenfalls aus der Polit-Szene und war aber auch viel in der Harcorepunk-Szene unterwegs und hab´ eigentlich immer mit irgendwelchen Freunden in Bands gespielt: nix, was man kennen müsste!

Ramon: Ich mach schon seit der Schulzeit Musik! Zuletzt hab´ ich einige Jahre bei VIDEOCLUB gespielt: leider ist die Platte aber irgendwie nie fertig geworden.

Das Artwork der Platte ist recht martialisch! Wer hat das designt und wo wurde das geklaut?

Jan: Das hab´ ich gemacht, aber wo das alles genau herkommt, kann ich nicht mehr sagen! Wir haben ein unveröffentlichtes Stück namens „Erlöser“. Da heisst es in einer Zeile „ein Kreuzzug ins Verderben“. Durch diese Kreuzritteranlehnung kam es dann auch zu den mittelalterlichen martialischen Waffen. Der Slogan „Diese Maschinen töten Faschisten!“ kam erst im Nachhinein dazu, weil ich das naheliegend fand!

Malst du sowas selbst?

Jan: Naja, malen nicht. Es sind in der Regel Zusammenstellungen aus verschiedenen Elementen. Die Schrift und das Kreuz sind tatsächlich mit Klebeband gestaltet und abfotografiert. Die Waffen und Nägel von irgendwelchen Bildvorlagen „geklaut“ und umgestaltet. Das ist eigentlich bei allen Designs die ich mache ähnlich. Manchmal kommen da noch Graffitielmente in Form von Stencils zu, wie der Ulf/Krank-Tour- und Releaseflyer. So in der Art…

Wie kommt´s dann überhaupt zu dem Albumtitel „Ins Verderben“? Du hattest dazu ein Foto gepostet!?

Jan: Das ist ein Zitat aus diesem bereits erwähnten unveröffentlichten Stück „Erlöser“, wird aber auch in „Kampf gegen Windmühlen“ erwähnt. Ungefähr vor einem halben Jahr bin ich dann über das Buch „Beton“ von Thomas Bernhard gestolpert, in dem ich ein paar Sätze gefunden habe, die einfach 1:1 das wiedergeben, was „Ins Verderben“ als Titel darstellen soll. Deswegen habe ich diese Schnipsel dann gepostet, weil das einfach passt!

Halbmast“ höre ich als Anti-Besorgte-Bürger-Song: Fähnchen im Wind!?

Jan: Ja, generell ist das eine Kritik gegen die Sorte Menschen, die nicht klar für das einstehen, was sie denken, fühlen, empfinden…

Der Gesamtatmosphäre der Texte ist aber doch schon irgendwie ein bisschen, wenn ihr mich richtig versteht, depressiv, oder? Wird das denn auch genau so von der ganzen Band mitgetragen?

David: Schon! Außer von Mausi, der hat immer gute Laune, ha ha… (alle lachen)

Flemming: Also, ich hab´ immer tendenziell gute Laune! (alle lachen). Depressiv würde ich jetzt nicht sagen, aber das ist so eine gewisse aggressiv-negative Grundhaltung, die wir versuchen energetisch nach draußen zu bringen! Das finde ich irgendwie super!

Jan: Hass ist der kreative Motor!

Flemming: Genau! Es ist ja nicht so, dass die Inhalte der Lieder lustig wären, da gibt es nichts zu lachen. Aber durch die Musik wird einfach auch eine Menge Energie frei gesetzt und das entspricht ja auch der Grundhaltung bei uns allen! Da sind wir uns alle einig und deswegen funktioniert das auch so gut! Und ich glaub`: wir sind alle keine Freunde von Gute-Laune-Musik!

Ramon: Doch! Gestern nach dem Konzert in der Kultube, auf der „Achtziger-Jahre-Party“! (alle lachen).

thischarmingman.de // 31:00 // krankpunk.blogspot.de // video //

2015-11-27 KRANK 01

KRANK

2015-11-27 Ulf 01

ULF

2015-11-27 The Pixel Crasher 01

THE PIXEL CRASHER

Interview: SLEAFORD MODS + KARIES, Düsseldorf, Zakk, 2015-11-04

2015-11-04 SLEAFORD MODS + KARIES Ticket

Ich hab´ keinen Beruf gelernt und auch nicht studiert!“ SLEAFORD MODS Andrew und ich sitzen im Biergarten des Zakk, trinken ein Bier und quatschen ein wenig über Musik. Es ist die Phase zwischen Soundcheck und Einlass, in der niemand so recht weiß, wohin mit sich. Sänger Jason düst mit Manager Steve kurz ins Hotel um einzuchecken, aber Andrew tut sich die Aktion ganz bewusst nicht an: „So Sachen wie Hotel-Check-In langweilen mich maßlos, totale Zeitverschwendung: da rauch´ ich mir lieber eine mit dir! Hast du noch mal Feuer?“. / Marko Fellmann

Dass die SLEAFORD MODS ein Phänomen sind, weil sie Retro mit Progressive verbinden, sieht Andrew genau so! Verdammt, da stellt man eine platte, provozierende Frage und erhält Zustimmung!? Ich dachte, jetzt überschüttet er mich mit Spott und Hohn, aber nein: „Also, das Wort Progressive würde ich zwar für unsere Musik nicht gebrauchen, aber im Prinzip hast du natürlich Recht. Es ist doch so: wären wir zwei schwarze Rapper, würde wahrscheinlich kaum jemand davon Notiz nehmen. Aber so haben wir unser Ding gefunden und es gibt eigentlich keinen anderen, der so etwas macht!“

Das „Ding“ ist Sänger Jasons (meist) gesprochenes Wort, unterlegt mit DJ Andrews vorproduzierten Samples, gelegentlich aufgepeppt durch Gesang mit stark repetitiven Passagen, die man durchaus als Refrain bezeichnen kann, allerdings tonal eingegrenzt, zwischen rausgerotzter Unzufriedenheit und aufrührerischem Working-Class-Appeal. Die Art und Weise wie Jason die vielsilbigen Texte performt macht die Musik der SLEAFORD MODS zu Punk. Durch die Reduktion auf das Nötigste fungiert der MODsche Minimalismus als Stil- und Kontrastmittel zur Epoche der Dekadenz, die sich laut Andrew seit den Achtzigern nicht nur fortgesetzt, sondern geradezu manifestiert hat. „Klar, wir wissen schon sehr genau, was wir tun und warum wir das so machen, aber mit der Zeit wird da von außen einfach mehr rein interpretiert, als tatsächlich geplant war. Und, weißt du, diese Entwicklung der letzten zwei Jahre ist einfach insgesamt so dermaßen ungewöhnlich und überhaupt nicht planbar – wir kommen da ja selbst kaum noch mit!“

Aber im Hotel schlafen zu können, ist doch wesentlich entspannter, als auf dem Teppichboden irgendeiner privaten Übernachtungsmöglichkeit, oder? Andrew nippt an seinem Bier: „ Es ist doch alles eine Frage des Wohlfühlens, oder? Und wie kann man sich denn in einem Hotel wohlfühlen? Zuhause in Nottingham lebe ich inzwischen etwas außerhalb der Stadt, auf einem Hausboot auf dem Nottingham Canal, fernab von dem Kaff. Wenn wir proben oder aufnehmen wollen, mieten wir uns kurzfristig für ein paar Tage irgendwo in der Stadt ein, sind da aber ungebunden und wollen das auch weiterhin sein. Übrigens war ich vor meiner SLEAFORD MODS-Zeit noch nie in Deutschland: das Publikum kifft hier während der Konzerte, oder!? In England würden die sofort von irgendwelchen Securityaffen abgeführt werden. Hast du noch mal Feuer?“.

Klar, hab´ ich! Andrew erzählt, dass sie das aktuelle Album „Key Markets“ in zwei Tagen eingespielt hätten, sie seien eh immer sehr schnell bei der Umsetzung: „Die Samples, die ich so benutze, sind teilweise über 15 Jahre alt. Ich mache seit über 20 Jahren Musik und habe einen wirklich großen Fundus an alten Proberaumaufnahmen und digitalen Samples. Darüber spiele ich dann eventuell noch eine Bassspur ein, so einfach kann´s gehen. Das heißt, dass Jason da recht simpel drüber improvisieren kann und sich mit dem Thema Komponieren kaum beschäftigen muss. Dann kommt man natürlich schnell zu guten Ergebnissen…“

Kevin Kuhn hat nichts zu tun und bringt uns Bier: er trägt heute ein QUEEN-„Jazz“-T-Shirt, welches mir nicht besonders echt erscheint, weil mir der QUEEN-Banner vollkommen unbekannt ist. Aber Kevin klärt uns auf, dass dieser spezielle Schriftzug zur damaligen Tour exklusiv für den amerikanischen Markt entwickelt wurde.

Es folgen Gespräche über GRACE JONES/OASIS, DURAN DURAN/STONE ROSES und irgendwie endet alles bei einem CRASS/WHAM! –Vergleich, dessen Quintessenz ich nie erfahren werde, weil in dem Moment die ersten Gäste in den Biergarten strömen und Andrew von einem weiblichen Fan nach einem Autogramm gefragt wird. Schreibt er natürlich gerne, aber für ihn ist das dann auch irgendwie das Zeichen, sich in den Backstagebereich zu verkrümeln und noch schnell mit seinem zwischenzeitlich wieder im Zakk befindlichen Sänger eine Kleinigkeit zu essen.

Ich gehe kurz mit und werde Backstage vom MODS-Fanboy Schippy eingeladen, KARIES´-Gitarrist/Sänger Benjamin am Kickertisch zu vertreten. KARIES-Gitarrist Jan und ich gewinnen gegen Schippy und KARIES-Bassist Max zweimal ganz, ganz locker. Gute Gelegenheit um KARIES mal zum Stand der Dinge zu befragen.

Ich habe mir vorgenommen, die Begriffe S*******t und D** N***** in diesem Interview nicht zu benutzen! O.k. für euch?

Alle: Juhu, Hurra, Yippieh, na gut…

Seit unserem letzten Interview, damals noch für das zwischenzeitlich eingestellte Punkrock!, ist eine Menge passiert! Erzählt mal!

Benjamin: Das war im Oktober 2014, kurz vor dem Release von „Seid umschlungen, Millionen“, oder? Wir haben dann das gemacht, was Bands halt so machen, wenn eine Platte veröffentlicht wurde. Insgesamt haben wir 30 Konzerte rund um die VÖ gespielt. Im März haben wir dann neue Songs aufgenommen und sind wieder auf Tournee gegangen und hatten außerdem noch zwei Weekender vorm Sommer. Danach haben wir dann erst mal ´ne Pause gemacht. Danach gab´s noch die Konzerte in Essen und Nürnberg beim This Charming Man-Fest, ja und jetzt sitzen wir hier mit dir in Düsseldorf. Morgen geht’s nach Berlin und am Wochenende noch nach Leipzig und Erfurt.

Kevin: Beim Reeperbahn-Festival in Hamburg waren wir dank Chris, der uns zum TCM-Showcase eingeladen hat.

Max: Wir sind gerade schon dabei Songs für´s kommende Album zu schreiben. Für Anfang Januar 2016 haben wir die Aufnahmen angesetzt.

Wo nehmt ihr auf?

Max: In Stuttgart bei Ralf Milberg…

Hatten wir nicht gerade eine Vereinbarung getroffen? (alle lachen)

Max: O.k., in den Milberg-Studios in Heslach!

Benjamin: Wir werden auf jeden Fall Live einspielen! Vielleicht noch den ein oder anderen Overdub hier und da, aber das Hauptding spielen wir zusammen ein.

Ich stelle also fest: da haben sich´ne Menge guter Sachen entwickelt, man hört nur Gutes über euch und die Platte musste bereits nachgepresst werden, soweit ich weiß. Eigentlich genau so, wie Benjamin es in seinem Größenwahn von Anfang an erwartet hat, oder!?

Benjamin: Ehrlich? War ich? Find´ ich gar nicht!

Naja, „sympathisch Größenwahnsinnig“ mein´ ich natürlich…

Max: Ich kann mich erinnern, wie wir vor drei Jahren vor unserem ersten Konzert zusammen saßen und Benjamin so laut vor sich hin geträumt hat: dass es Wahnsinn wäre, wenn wir mit der Band mal auf Tournee gehen würden und vielleicht irgendwann mal bei irgendwem auch Vinyl veröffentlichen. Deswegen ist der momentane Zustand auch irgendwie etwas surreal für mich, z.B. hier heute Abend mit den SLEAFORD MODS zu spielen: das entmystifiziert das Ganze auch ein Stück weit!

Ergibt sich denn hierdurch vielleicht auch eine England-Connection für euch?

Benjamin: Schippy begleitet ja die SLEAFORD MODS durch Deutschland und hat eines Abends deren Manager Steve unsere Musik vorgespielt. Steve betreibt das Label Harbinger Sound und dadurch ergaben sich dann die aktuellen Supportshows und eine Beteiligung an der neuen Single.

Kevin: Es war schon ziemlich toll, dass Steve KARIES in einem Interview im RECORD COLLECTOR-Magazin erwähnt hat. Das war ein echtes Highlight für mich, da ich davon ein paar Hefte zu Hause habe, nämlich die Ausgaben, bei denen QUEEN oder THE BEATLES auf dem Cover waren, ha ha… Angeblich haben wir seinen Enthusiasmus für neue Musik wieder entfacht, das ist doch ein nettes Kompliment…

Benjamin: Das ist natürlich super, dass vier von insgesamt sieben Songs unseres Demos so doch noch mal das Licht der Öffentlichkeit erblicken.

Gibt´s irgendwo noch eins dieser Demo-Tapes zu kaufen?

Kevin: Nur wenn jemand sein gebrauchtes Tape hergibt (alle lachen)…

2015-11-04 SLEAFORD MODS + KARIES 03

Review: PARANOYA – Fragmente (LP)

Paranoya 2015 Fragmente

Es gibt Bands, die man, warum auch immer, jahrelang ignoriert: die huschen so an einem vorbei und irgendwie hat man die schon mal wahrgenommen, auf Plakaten, im Internet oder in einem Fanzine. PARANOYA haben sich 1994 in Hamm gegründet und leben inzwischen teilweise in Duisburg. Sie kommen auf über 200 Konzerte und legen aktuell ihre 8.Veröffentlichung „Fragmente“ vor, komplett Live eingespielt! Die Verpackung ist einfach nur edel: Gatefold-Cover mit innen gedruckten Texten, einem feinen Artwork und einem Beiblatt mit zwei sehr schönen Shortstories von Philip Nußbaum. Außerdem liegen noch die CD-Variante und ein Poster bei: dies alles wurde natürlich nur dank der Beteiligung von insgesamt fünf DIY-Labels möglich.

Das Album beginnt mit „Ahnen“ in Surfgitarrenmanier und wird dann schnell zu Punkrock der klassischen Deutschpunkschule. Allerdings spielen PARANOYA einen bunten Mix aus verschiedenen Punkrockstilen, vorgetragen mit einer zischenden Rhetorik zwischen Selbstzweifeln und zweifelhaften Erkenntnissen: das hier ist nicht Disney! „Disney“ wurde vollkommen zu Recht als erstes Video ausgewählt: treibender Rhythmus, einfacher Refrain, guter Text! Überhaupt muss man sagen: Hendriks Texte machen das Ganze dann wiedererkennbarer, als die Musik das jeh könnte. Wegen der Vielfalt im Programm, fehlt für komplizierte Menschen wie mich der rote Faden. „Bitter“ gefällt mir ziemlich gut und bei „Stampfer“ erklingen wieder surfartige Klänge, bevor es auch hier (analog zum Opener) wieder in ein klassisches Punkrockschema rein geht: dies alles allerdings instrumental, was bei Konzerten Luft zum Atmen lässt, macht für mich im Kontext der Platte kaum Sinn. „Funktion“ kommt mit atmosphärischen Drums und gesungener Gesellschaftskritik. „Hoffnung = Licht“ beendet das Album atmosphärisch düster mit Schlagzeug-Outro. Ist insgesamt alles nichts Neues, weiß aber zu gefallen und wird fortan weiter beobachtet. / Marko Fellmann

elfenart.de // 40:17 // paranoya //

BEN RACKEN + PARANOYA, Duisburg, Djäzz, 2015-10-16

2015-10-16 Foto von myhna.myria 01
Foto von Uwe Hubatschek

Viel zu selten spielen BEN RACKEN in Nordrhein-Westfalen! Seit gut sieben Jahren begleitet mich die Musik des Magdeburger Trios, welches mir seinerzeit von Elfenart Records ans Herz gelegt wurde. Im Radio hatte ich sie nur deswegen nie, weil sie vollkommen unfähig waren, ohne gesetzlichen Betreuer im Internet zu skypen, bzw. sie sind es immer noch! Definitiv! Und selbst das Ox-Interview ist unter sehr „Neuland“-mäßigen Umständen zustande gekommen. Also musste es anscheinend erst 2015 werden, bis ich Tuba (Gesang/Gitarre), Nico (Bass/Gesang) und Paule (Schlagzeug) endlich mal in Aktion erleben durfte.

In freudiger Erwartung laufe ich also gegen 20:00 Uhr im Duisburger Djäzz ein. PARANOYA aus Hamm und Duisburg soundchecken gerade, während ich mir das erste 0,4L-König Pilsener vom Fass zapfen lasse, für schläppische 2,50€ übrigens! Von BEN RACKEN bis dahin keine Spur! Ich frag´ den heutigen Mischer Huba, ob er weiß, wann die wohl eintreffen werden!? Kurz vor Dortmund stehen die wackren Racken anscheinend im Stau; kann sich also nur noch um Minuten handeln, scheiß Rumgurkerei, das sind von Magdeburg aus über 400 Kilometer! Gerade als ich mein zweites Bier ausgetrunken habe, betritt Plastic Bomb-Micha die Kellerkneipe: kurzes „Ach, du bist das!“ und längeres Gespräch, z.B. über seine beruflichen Pläne (Ich will hier nichts verraten, aber ich sach´ nur: Respekt! Hut ab! Und viel Glück!). Beim dritten Bier beginnen dann PARANOYA ein ca. 45minütiges Set, punkig, hardcorig, deutschsprachig, ziemlich sympathisch mit zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug. „Bitter“ ist eine klasse Nummer und zwei, drei andere Songs haben prima Mitbrüllrefrains: insgesamt also ein guter Auftritt des Vierers. Apropos Vier: ich muss zur Theke, ´n neues Bier holen.

BEN RACKEN sind zwischenzeitlich auch endlich angekommen: eigentlich ein sehr gutes Timing, wenn man bedenkt, das Schlagzeuger Paule noch bis 16:00 Uhr arbeiten musste. Freudige Umarmung mit Tuba, danach mit dem fünften Bier mal nach draußen auf die Straße, frische Luft schnappen. Djäzz-Ercan erzählt bei einer Zigarette von den Problemen mit Nachbarschaftsbeschwerden. wegen den zu lauten Gästen auf der Straße! Das sorgt letztendlich momentan für Konzessionseinschränkungen, also muss das Djäzz heute um 01:00 Uhr schließen, an einem Freitag! Draußen also bitte den Lautstärkepegel niedrig halten, drinnen abfeiern!

BEN RACKEN legen ohne Soundcheck direkt los. Was kann man sagen, wenn man eine seiner Lieblingsbands zum ersten Mal auf der Bühne sieht? Ich fand´s geil! Tuba´s zappelige, antreibende Energie, die vor allem zwischen den Stücken, in den Übergängen, deutlich wird; die Art und Weise wie Paule die Trommeln schlägt; Bassist Nico überhaupt auch mal als Sänger wahrzunehmen: das zu sehen, wie der singt. Es harmoniert sehr gut zwischen den beiden Frontmännern! Die Songauswahl bietet mehrere neue Stücke und eine feine Auswahl aus allen drei Alben, lediglich „Am Ende“ habe ich schmerzlich vermisst, aber, na gut, egal, war super. BEN RACKEN würden gerne öfter in NRW spielen und lassen sich gerne deswegen kontaktieren, bzw. ich will nicht wieder sieben Jahre warten müssen! Kann die mal bitte jemand booken?!! / Marko Fellmann

2015-10-16 Foto von myhna.myria 02
Foto von Uwe Hubatschek

Review: BLACK VULPINE – Hidden Places (LP)

Black Vulpine 2015 Hidden Places

Suchtgefährdend, unerwartet großartig und scheinbar aus dem Nichts erobern BLACK VULPINE mein Herz, meine Ohren und die meiner Nachbarn! BLACK VULPINE sind mehr als eine starke Mischung aus QUEENS OF THE STONE AGE und BLOOD RED SHOES, weil das vorliegende Debütalbum „Hidden Places“ wie ein Roadmovie wirkt: eine endlose Reise durch das pralle Leben, gespickt mit Verkwetschungen, Schnittwunden und tief sitzenden Ängsten. Man könnte auch RED FANG oder BLACKMAIL als Referenzen erwähnen, irgendwo zwischen all´ dem wuselt sich der Dortmunder Vierer durch und nimmt alle Zuhörer mit, auf einen psychodelischen Ritt durch´s wilde Westfalen.

In der staubtrockenen Prärie von Dortmund sind Sarah (Gesang/Gitarre), Daria (Gitarre/Gesang), Stefan (Bass) und Rüdiger (Schlagzeug/Gesang) dem Stoner-Rock verfallen, angeblich schon über zehn Jahre, was lange währt u.s.w. BLACK VULPINE haben sich eine Soundtiefe erarbeitet, die hierzulande ihresgleichen sucht. Erinnert mich an die oben genannten Bands vor allem wegen der spacigen Herangehensweise an die Gesangslinien, die dich mitnehmen zu den versteckten Plätzen deiner Biografie. Eine besondere Erwähnung verdienen hierbei die Backgroundvocals von Daria und Rüdiger, die leiten den Sound in tranceartige Sphären, die mit Tiefe und Druck von Bass und Schlagzeug gepusht werden. Ich will da gar nicht erst einzelne Songs besonders erwähnen, weil: das ganze Album ist großartig! / Marko Fellmann

momentofcollapse.com // 48:48 // blackvulpine.de // video //

Interview: FREIBURG – Jonas Brinkrolf zur neuen LP „Brief & Siegel“

Freiburg Interview IMG-119

Die dritte Platte! Mythenumrankter Beleg der Selbstfindung! Wer´s bis zur dritten Platte nicht geschafft hat, der schafft´s nie, u.s.w., bla bla, abergläubische BWL-Weisheiten, die einen Künstler nicht scheren dürfen, eine Künstlergruppe erst recht nicht. FREIBURG aus Gütersloh besinnen sich auf ihre Wurzeln und machen damit einen Schritt nach vorn! „Brief & Siegel“ überzeugt durch Kompromisslosigkeit und Refrains und dauert noch nicht einmal eine halbe Stunde: aber die hat´s in sich! Sänger/Bassist Jonas gab mir per Skype ein umfangreiches Interview. / Marko Fellmann

Womit hat das alles angefangen? Welcher war der erste „Brief & Siegel“-Song, den ihr geschrieben habt?

Das war glaub ich „Spaten“, den hatten wir bereits bei dem 15-Jahre-TURBOSTAAT-Abend gespielt. Also, für uns war schon klar, dass wir jetzt irgendwann mal was Neues veröffentlichen sollten, genug Songs hatten wir ja, die hatten wir auch schon Live gespielt, aber irgendwie trödelten wir so vor uns her. Und dann trafen wir zufällig Chris von This Charming Man und der meinte so: „Hey Jungs, was ist denn jetzt? Wollt ihr noch mal was Neues machen oder was ist da los?“ Und wir so: „Ja, klar!“, „Ja, doch!“, „Ja, auf jeden Fall!“. Wir hatten vor lauter Konzerte spielen gar nicht mehr daran gedacht, an einem neuen Album zu arbeiten, sondern haben so vor uns hin gedöst. Wir haben da einfach überhaupt gar keinen Masterplan… Ja… Und dann fing das halt an, dass wir uns konzentrierter zusammengesetzt haben und diese Platte entwickelt haben. Bei der letzten Platte „Aufbruch“ war es vor allem zeitlich für uns schwieriger, weil gefühlt zwei Tage nach dem Recording schon das Mastering dran war, wir uns kurz vorher erst auf ein Artwork einigen mussten, um dann auch zackig den Kram zum Presswerk zu schicken. Diesmal haben wir uns mehr Zeit gelassen das Album zu entwickeln. Weißt du: Typisch für FREIBURG ist eine gewisse Schludrigkeit verbunden mit einer gewissen Last-Minute-Mentalität: da bin ich zumeist der Hauptschuldige, da quäle ich mich mein ganzes Leben lang schon durch, he he…

Brief & Siegel“ hat eine brachiale Härte, gepaart mit melodischen Refrains. Überhaupt haben die Refrains ein Mitsingpotential, dass man zuletzt bei „Aufbruch“ vermisst hat. „Aufbruch“ hatte prinzipiell eine düstere und depressive Stimmung. Die aktuellen Texte sind nicht hoffnungsfroher, aber werden musikalisch zugänglicher verpackt. Siehst du das auch so, oder wo sind für dich die Unterschiede?

Stimmt schon, das haben wir ja auch an den Publikumsreaktionen gemerkt. Aber es ist nicht so, dass wir für die neue Platte bewusst melodische Refrains geschrieben haben, sondern das hat sich einfach so entwickelt. Wir haben einfach nur das zugelassen, was uns glücklich macht und mit dem wir uns wohl fühlen. Das einzige, dass wir bewusst im Ausdruck geändert haben ist, das wir jetzt auch explizit politische Themen rein bringen. Wir haben uns viel Zeit bei der Entwicklung der Arrangements gelassen und es ist einfach so, dass wir uns im musikalischen wieder mehr im Hardcore/Screamo/Emo wiedergefunden haben, also weg vom Punk der „Aufbruch“-Phase.

Ihr habt mit „Kanüle Abwärts“ und „Tote Herzen“ zwei eindeutig politische Songs geschrieben!?

Kanüle Abwärts“ singt Tom, der es auch geschrieben hat, dasselbe gilt übrigens für „Große Träume, wa“. Zu „Tote Herzen“ kann ich allerdings sagen: ich mag unglaublich gerne plakativen Punk mit einer stumpfen und einfachen Aussage. Aber schreiben kann ich so was leider nicht! Übrigens ist der Text ja sogar noch vor dem ganzen Pegida-Wahnsinn entstanden, da gab´s ja nun auch schon ´nen Haufen dummer Leute, ohne jeden klaren Menschenverstand.

Was hat es mit dem Albumtitel auf sich? Also, „Brief & Siegel“ ist ja kein Song, bzw. Songzitat. Gibt es überhaupt so etwas wie einen zentralen Song?

Also, ein übergeordnetes Thema gibt es nicht. Ich schreibe Songs, wie bisher auch, eher aus so einem lyrischen Verständnis. Beim ersten Song „Der Fall ins Messer“dreht es sich um einen Typen, den ich beobachtet habe, der einfach unglaublich besoffen war und der eine unglaubliche Scheiß-Egal-Haltung ausgestrahlt hat. Bei „Im Moor“ hingegen beschreibe ich einen Bauern in vorindustriellen Zeiten, der ganz konkrete Existenzängste hat: da hatte mich ein Zeitungsartikel drauf gebracht. Das geht dann natürlich mehr in Richtung „Deutsche Literatur“, vielleicht weil das irgendwie auch noch die ausklingende „Aufbruch“-Phase war, als ich den Text geschrieben habe. Hinzu kommt: ich mag so neu-moderne Begriffe wie „I-Phone“ oder „Smartphone“ einfach nicht in meinen Texten verwenden. Und übrigens ist uns die Titelgebung ziemlich schwer gefallen und wir haben lange danach gesucht. „Brief & Siegel“ hat eine gewisse Kompromisslosigkeit und signalisiert für uns auch eine brachiale Endgültigkeit: Zack, Punkt, Schluss, Aus, Fertig!

Ich gebe dir das mit Brief und Siegel“ ist doch ein Versprechen, oder? Könnte man auch auf euch beziehen… Habt ihr denn jetzt euren Sound gefunden?

Puh… Schwer zu sagen, da kann ich nur mich sprechen, aber in der Tat: diese zehn neuen Songs sind genau das, womit ich mich am wohlsten fühle. Wir haben uns gefunden! Und es ist halt wieder ein bisschen mehr Emo: auf der Tour im Mai 2015 haben wir ja bereits wieder Songs unseres Debüts „High Five Zukunft“ gespielt, da hat es sich also schon angedeutet. Die kommenden Konzerte werden natürlich durch die neuen Songs geprägt werden. Aber wer weiß, ich will da nicht vorgreifen: beim Thema Setlist sind wir noch nicht…

Was waren denn die wesentlichen Unterschiede bei den Aufnahmen?

Ich habe mich diesmal beim Recording deutlich wohler gefühlt. Wir alle haben uns diesmal wesentlich wohler gefühlt. Wahrscheinlich weil wir inzwischen auch deutlich routinierter sind. Also, ich fühle mich nicht unbedingt pudelwohl, wenn ich ohne Bass vorm Mikro stehen muss, aber diesmal hat das alles erstaunlich gut geklappt! Wir haben uns einfach Zeit gelassen und konnten den Fokus auch gut auf Kleinigkeiten legen und uns den Luxus gönnen, die Details zu verbessern und an Feinheiten zu arbeiten. Wir haben in Rheda-Wiedenbrück bei Markus Siegenhort aufgenommen. Den Kontakt hatten wir über Tom, der da mit seiner Zweitband schon mal aufgenommen hat. Diese Aufnahmen fanden wir ´n ziemliches Brett! Außerdem sprach für die Sache, dass wir halt kurze Wege hatten und abends nach Hause fahren konnten, was uns, glaube ich, allen gut getan hat, der Band und den Aufnahmen! Wir haben dann mal einen Tag lang Probeaufnahmen gemacht und waren von Markus` Mix absolut begeistert: der hat sich da echt ´n Bein ausgerissen und ´ne Menge Zeit und Energie investiert, um uns zu überzeugen! Wir haben dann mit ihm gemeinsam sehr, sehr viel an den einzelnen Songs gearbeitet und überlegt, wie wir wo welche Highlights arrangieren und aufnehmen. Wir haben eine Menge herum experimentiert und uns Zeit gelassen. Die Songs waren eigentlich recht schnell im Kasten, aber einen Großteil der Zeit haben wir dann ins Geilermachen investiert.

Wie kam die Idee zum Duett mit Tobias Neumann von DUESENJAEGER?

Wir hatten das schon unglaublich lange vor! Als wir „Sommer, Roggen und Er“ im Proberaum komponierten war uns eigentlich sofort klar, dass das der ideale Song dafür wäre: wahrscheinlich weil er für unsere Verhältnisse sehr melodisch und poppig ist!? Nun ja, also: alle hatten dieses fette Grinsen im Gesicht, als der Song fertig war. Das war zwar nicht unbedingt das, was wir machen wollten, aber wir fühlten uns super wohl damit. Allerdings habe ich mich dann im Anschluss echt schwer getan, die passenden Strophen dazu zu schreiben, denn ich hatte natürlich ständig im Hinterkopf, dass das die Zeilen sind, die Tobi singen wird.

Wie kommt es denn überhaupt zu dieser Häufung von dörflichen, bäuerlichen Begriffen? Spaten? Roggen? Mühle? Moor? Das sind alles keine urbanen Motive, keine Stadtlieder. Absicht?

Ja. Das kommt halt auch vom bereits erwähnten Anspruch, lieber ältere Wörter als neu-modische Begriffe zu verwenden. Man kann mit der deutschen Sprache einfach unheimlich gut spielen und hat viele Wörter, mit denen man gut arbeiten kann. Auf der „Aufbruch“ gibt es ja den Song „Kurzmitteilung“, in dem ich schon so neue Begriffe verwendet habe: „Die Pixel auf meinem Handy,,,“, zum Beispiel. Dennoch spiele ich die Nummer immer noch gerne! Ich würde jetzt allerdings nicht soweit gehen, dass wir irgendwann auf Plattdeutsch singen, ha ha…

freiburg-band.de

Review: OIRO – Meteoriten der grossen Idee (CD)

Oiro 2015 Meteoriten Der Grossen Idee

Aarrggghhhhh… Ich kack ab! Diese Platte ist so außerordentlich! Aufgenommen von Stammproduzent Gregor Henning und Peta Devlin an sieben Tagen im frühsommerlichen Bremen veröffentlichen OIRO am 30.10.2015 ihr drittes Album „Meteoriten der grossen Idee“ (bzw. ihr fünftes, wenn man die beiden Singlecompilations „Neon“ und „Gruppe ohne Therapie“ dazu zählen mag). Was mich an OIRO jeher begeistert, sind die Gitarrenarrangements, mit dem Hang zum melancholischen Picking: gelegentlich verschroben und immer dynamisch, wobei Bass und Schlagzeug hingegen verlässlich für das notwendige Punkrockfundament sorgen. Jonny´s urbane Schreibereien sind offene Lyrik fernab jedes Liedkorsetts, eindeutig in der Atmosphäre, interpretierbar im Ausdruck.

Das sehr schöne Raketenrucksack-Foto auf dem Cover, findet seine befremdliche Science Fiction-Vertonung in der Verwendung von Gitarrensynthesizern (also, vermute ich mal…) und sogar eines Theremins auf „Stadt Erde I +II“, dem vielleicht zentralen Song des Albums, da sein Refrain für den Albumtitel herhalten muss. „In den Zirkus Europa“ profitiert von der Vielfalt, die sich OIRO über die Jahre erarbeitet haben, überhaupt wird der Mut zum Chorgesang hier erneut belohnt. Die Arbeit am Vorgängeralbum „Gruppe ohne Therapie“, das ja eine Zusammenstellung der vorangegangenen Singles war, hat den musikalischen Kosmos der Düsseldorfer Mofapunks deutlich erweitert. Die vorab veröffentlichte Single „Zähmen“ belegt dies durch ein mechanisch klingendes Schlagzeug, weiblichen Backgroundgesang und einen genial einfachen, sich steigernden Schlussrefrain, ehe „Kinder der Schande“ textlich deutlicher und musikalisch stark bassgroovend daher kommt.

Insgesamt eine hoch musikalische OIRO-Platte mit einem hochgradig bescheuert-genial gelben Preisetikett: so wird aus „Oiro“ dann „Null Iro“ und der Daumen hört ganz schnell auf, den Aufkleber abknibbeln zu wollen. Limitierte Erstauflage auf gelben Vinyl gibt’s bei der Band und Flight13 (VÖ 30.10.2015). / Marko Fellmann

flight13.de // 32:11 // mofapunks.de // oiro.bandcamp.com/music // video //

Review: FEHLFARBEN – Über… Menschen (CD)

Fehlfarben 2015 Über... Menschen

35 Jahre ist „Monarchie und Alltag“ inzwischen alt und nach wie vor ist das FEHLFARBEN-Debüt von 1980 das Referenzalbum für deutschsprachigen Postpunk. Die musikalische Ruppigkeit seines Frühwerks ist dem Sextett schon lange abhanden gekommen: wer sie daran misst, wird enttäuscht, wer sich dem allerdings unvoreingenommen nähert, wird belohnt, wie mit dem dreizehnten Longplayer „Über… Menschen“ (VÖ 25.09.2015).

Denn die textliche Sperrigkeit hingegen steht und fällt mit Peter Heins Miesepetrigkeitsfaktor in Kontrast zum Hier und Jetzt. Was hierbei auffällt ist der Wechsel der Hassobjekte: früher ging es gegen die Alten, jetzt geht’s gegen die Jungen: „Ich brech’ doch keinen Streit vom Zaun mit Generationen, die sich eh nichts trau’n. Als Rollatorrebell im Kurhotel, … ich alter Sack hab doch nichts in der Hand.“ (aus „Der Dinge Stand“). Der trippigen Naturbeschreibung „Sturmwarnung“ folgt das rockige „Das Komitee“: die befremdlichsten Momente sind die pyrolatischen synthetischen Sequenzen, die die Band allerdings schon seit ewigen Zeiten in ihren Arrangements eingebunden hat. Heimeliger wird’s in den clashigen „Rein oder Raus“ und dem dubbigen „Urban Innozenz“. Bzw. so richtig retro wird es immer in den Momenten, in denen Frank Fenstermachers Saxofon erklingt, z.B. in „Der Mann den keiner kennt“ oder auch „Schmerz, Wut, Genuss“: „Genießen wir einfach gemeinsam das Leben, was Besseres als hier, das kann es nicht geben!“, schmettert Hein hier pathetisch und zwanghaft positiv, untermalt von Thomas Schneiders Sologitarre. Mit NDW-Sound hat das nun wirklich nichts mehr zu tun, der Bandsound ist vielfältig und breitbeinig aufgestellt, 2-4 schnelle Nummern, der Rest midtempo bis balladesk: „Manchmal möchte ich gar nicht mehr schreien!“ resümiert Peter Hein in der Akustikballade „Wie allein“. Im Oktober wird er schreien müssen: da präsentieren FEHLFARBEN ihre neuen Songs auf Tournee. / Marko Fellmann

tapeterecords.com // 41:26 // fehlfarben.com //

Review: KLOTZS – Hinweis in eigener Sache (LP)

Klotzs 2015 Hinweis in eigener Sache

Freude schöner Götterfunken! KLOTZS liefern ab und veröffentlichen die vielleicht besten Songs ihres bisherigen Schaffens. Es ist der vierte Longplayer des Siegener Duos und es ist wieder eine Konzeptplatte geworden. Das erste Lied „Hinweis in eigener Sache“ ist in seiner punktierten Vertracktheit schräg genug, um ein guter KLOTZS-Opener zu sein. Und es ist ein Mutmachersong, vielleicht sogar ein Anti-Schreibblockade-Song. „Herr Z“ ist eine Instrumentalnummer, die eine Atmosphäre hat, die mich mitunter an das Vorgängeralbum „Schwarzer Planet“ erinnert; hätte da jedenfalls gut drauf gepasst, hat was spaciges, oder meinetwegen RADIOHEADiges. „Blender“ punkrockt rabiat alles weg, was im Weg steht und der Sambateil ist der Wahnsinn, einfach unglaublich gut. „Hausboot“ erinnert an das 2001er-Album „M“, an die ruhigen Momente und das Drängende der schnellen Nummern, die dich nieder wälzen, wenn du die Platte laut hörst.

Nachtschwärmer“ ist der pure Hit! Großartiger Groove, versunkene Gesangslinie mit formal und inhaltlich starkem Text („Wir kleiden uns in Dunkelheit, die Nacht bricht an, wir sind bereit, für alles was geschehen mag, ein Leben für die Nacht“), seltsame Gitarreneffekte im Hintergrund, fast schon disharmonisch, spaciger Synthesizer und nach dem lauten Refrain wieder zurück in den Groove, das ist alles wahnsinnig stark! „M.I.A.“ (a.k.a. „Meine innere Abscheu“) ist ein wahnsinniges Rock´n Roll-Brett, das wird Live mörderisch abgehen! Wer macht denn da die zweite Stimme im Mittelteil? Bei den ersten Takten von „Reklusen“ denke ich unmittelbar an BLUMFELD, auch wenn das dann ab der ersten Strophe spätestens nicht mehr gilt. Wieder ein Befindlichkeitstext „Ich zieh´ die Kopfhörer auf, ich schotte mich ab: Welt lass mich in Ruh`!“ „Zirkeltraining“ lebt durch seine komplette Andersartigkeit, klingt wie ein Remix, ist total interessant und befremdlich mechanisch. Die LP erscheint bei Major Label auf farbigem Vinyl limitiert, ansonsten in schwarz, mit einem Schlitzcover, Textblatt und Downloadlink. / Marko Fellmann

majorlabel.de

Review: MOLOCH / H.K.Z. (Split-10“)

Moloch 2015 H.K.Z - Split

Da habe ich mich schon länger drauf gefreut: MOLOCH mit ihrem dritten Output im dritten Jahr. Es war eine gute Entscheidung, diese Split-10“ mit dem Berliner Duo H.K.Z. (Hate Kill Zerstreu) zu machen, weil die auf einhundert Exemplare limitierte Platte beide Bands von ihren besten Seiten zeigt.

H.K.Z. bieten knackigen Wave, englisch und deutsch vorgetragen, der mir tendenziell sogar sehr gut gefällt, aber durch die Englisch gesungenen Passagen ins Belanglose abrutscht. Und das obwohl mich die deutschsprachigen Parts voll überzeugen! „Auro“ klingt wie eine Mischung aus BOXHAMSTERS, JOY DIVISION und BLUMFELD, es hat Tiefe und Coolness und sorgt für gute Momente. Das zweite Stück von H.K.Z. ist dann allerdings komplett in Englisch gesungen und erreicht mich überhaupt nicht mehr, schade eigentlich…

Rausgeputzt haben sich MOLOCH, die nach zwei Tape-Veröffentlichungen endlich den Schritt ins gelobte Vinylland wagen. Zu hören gibt’s drei neue Songs, die den Wurzeln des Berliner Quartetts treu bleiben, aber kompositorisch wie produktionstechnisch der nächste Schritt nach vorne sind: so gut klangen MOLOCH noch nie! Das betrifft den Sound, meint aber auch die Texte und das Liederschreiben als solches: „Graue Szenen“ demonstriert den offensichtlichsten Unterschied, weil es einen richtig guten Mitgröhlrefrain hat, ohne dabei platt zu sein. Die Texte sind durchgehend politisch und sparen sich jegliche Kryptik: Klartext ist angesagt! Sollte man sich mal Live ansehen… / Marko Fellmann

elfenart.de
random-events-in-a-dying-universe.bandcamp.com

SCHWULE NUTTENBULLEN + PISSE, Gebäude9, Köln, 2015-08-22

2015-08-22 SNB Setlist

Paula flüstert: „Marlene ist sehr traurig!“… Es ist das letzte SCHWULE NUTTENBULLEN-Konzert und es beginnt mit Unruhen. Dem Bierschinken-Kollegen garagephotographer wird am Eingang die Kamera abgenommen. Innerhalb von zwei Minuten solidarisieren sich die anwesenden Gäste und Bands gegen die Gebäude9-Security, suchen wütend den Schuldigen, verprügeln ihn und hängen ihn als Warnung für alle nachkommenden Securityheinis an das Gebäude9-Schild an der Straße. Mit „Ein Hoch auf die Pressefreiheit“-Chören trägt der Pulk meinen lieben Kollegen mit seiner sauteuren Spiegelreflexkamera in die Kneipe, wo ihm der Veranstalter Schippy ein kühles Bier reicht. Linus kommt rein und alle ducken sich: der Meister wartet ein paar künstliche Sekunden, klatscht dann zweimal zackig in die Hände und ruft ein hysterisches „Partytime!“ und ungelogen, alle, wirklich alle, fangen an zu pogen. Paula schubst mich um und hilft mir wieder auf, gibt mir dann ein Bier und schubst mich wieder um. Der große Steve Somalia ist gar nicht so groß, stelle ich fest, während ich mich auf dem Boden liegend so umgucke und ihn dabei beobachte, wie er im Stehen den anwesenden Damen unter die Röcke guckt. Dabei skandiert er ständig: „HERRENMAGAZIN sind scheiße! HERRENMAGAZIN sind scheiße!“, aber niemand hört ihm zu.

Im Saal spielen 100 BLUMEN ein okayes Set, aber der wahre Punk geht draußen ab. Vor einem auffällig dreckigen Transporter mit Berliner Kennzeichen, sitzen sieben ziemlich ungepflegt dreinschauende Jungspunde, die sich als Sachsen zu erkennen geben. Sie sind alle sehr klein und brabbeln ein unverständliches Kaudawelsch und ich bin froh, diese tolle Spracherkennungs-App auf dem Smartphone zu haben. EIN JAHR-Sänger Thomas gesellt sich dazu und bietet ein spontanes Dolmetsching an. Ich vergleiche seine Übersetzung mit der von meiner Spracherkennung und stelle eine hundertprozentige Übereinstimmung fest – es ist fantastisch! Bei PISSE steht er dann in der ersten Reihe und singt alle Lieder mit. Überhaupt muss man sagen, dass die etwa 200 Anwesenden die Lieder zum größten Teil kennen und sich offenkundig sehr an der Darbietung erfreuen.

„Dieser fucking Alltag ist der Grund dafür, dass wir die Band jetzt auflösen. Ein dickes Entschuldigung an all die Leute, denen wir Termine absagen mussten!“. SCHWULE NUTTENBULLEN-Gitarrist Manni sitzt mir gegenüber auf einer Bierbank und räsoniert vor sich hin, während ich das Aufnahmegerät einfach weiter laufen lasse, aber das Gelände verlasse, um mir am Kiosk Zigaretten zu holen. Als ich zurück komme, sehe ich wie Linus sich die ostdeutschen Ronnys in einer dunklen Ecke auf dem verwahrlosten Gelände zur Brust genommen hat und sie nach allen Regeln der journalistischen Kunst auseinander nimmt. Da ich mich ein wenig schwach fühle, winke ich den sich eigentlich auf dem Heimweg befindlichen Andre Böhle dazu, damit er Linus nieder streckt. Währenddessen zischt er übrigens ständig repetierend „Jong, minn Jong, minn Jong!“, was ich irgendwie nicht gut finde. Paula reicht mir ein kaltes Bier. Ich verteile unter den anwesenden Ostdeutschen „West“-Zigaretten und fühle mich als Gutmensch.

2015-08-22 PISSE + Linus1

Zurück an der Bierbank, wo Manni immer noch, in sich monologisierend, ins Aufnahmegerät redet: „… weil, das Ding hat sich ja zu so einem Selbstläufer entwickelt und wir brauchen da echt nicht unbedingt unsere Profilneurosen ausleben, weißt du? Irgendwie war halt die Luft raus…“. Der Veranstalter steht auf einmal vor uns und bittet zur Bühne. Ich drücke die Stoptaste und fühle mich unendlich erleichtert. Die SCHWULEN NUTTENBULLEN spielen ein tolles Set und werden frenetisch gefeiert. Irgendwann um 4 Uhr morgens stehe ich dann mit fast allen Beteiligten an einer naheliegenden Tankstelle und wir beschließen uns gegenseitig mit Benzin zu übergießen und anzuzünden. Der wieder genesene Linus gibt uns Feuer und brüllt refrainartig: „D.I.Y. – jetzt ist´s vorbei! D.I.Y. – jetzt ist´s vorbei! „. / Marko Fellmann

2015-08-22 PISSE Tankstelle

Review: THE SEDIMENT CLUB – Psychosymplastic (LP)

The Sediment Club 2015 Psychosymplastic

Misanthropenmodus an! THE SEDIMENT CLUB liefern hier den Soundtrack zu meinem momentanen Lebensabschnitt – entdeckenswert, spannend und irgendwie auch anstrengend. Klingt wie AT THE DRIVE-IN, aber ohne das Songkonstrukt, denn genau das wird systematisch kaputt gemacht – kommt nämlich einer der dreizehn Songs auch nur vage an Passagen, die an irgendwen oder irgendwas erinnern, wird er so lange dekonstruiert, bis aus ihm nur noch die Ablagerungen und Reste schimmern, nach denen sich dieses Trio aus Providence/Rhode Island benannt hat!

Sänger/Gitarrist Julian spuckt, kratzt, jault, schreit, dirigiert die Band, lässt sich von ihr verleiten, hängt hinterher, gibt den Ton an, wütend, verzweifelt, desillusioniert. Bassist Lazar legt rhythmische Irrwege an, die Drummer Jackie dann zurecht trampelt, während die Gitarre sich ihr Durchkommen sucht. Die Musik Noise, der Gesang Punk, die Texte abstrakt und die Verpackung 100% DIY. ChuChu-Records veröffentlichen exklusiv für den europäischen Markt 111 Exemplare der aktuellen LP, mit einem handnummerierten Siebdruckcover und allen Texten. / Marko Fellmann

Joseph O´ Connor – Die wilde Ballade vom lauten Leben (Roman)

2015-08-01 Joseph O´ Connor - Die wilde Ballade vom lauten Leben (Roman)

Es geht um die fiktive Band SHIPS IN THE NIGHT, deren Geschichte von den Anfängen in ihrer Heimatstadt Luton, bis hin zum Umzug nach London und dem finalen Übergang in die USA sehr abwechslungsreich erzählt wird. Dass sich dieser 400 Seiten starke Roman so gut lesen lässt, hat viel mit den Einblendungen zu tun, in denen der irische Autor Joseph O´ Connor Interviewauszüge der Protagonisten zur Ergänzung oder als Kontrast, bzw. Alternative einstreut. Das Buch liest sich allerdings aus der Ich-Perspektive des Gitarristen Rob, einem ruhigen Charakter, der sich eher introvertiert gibt und auf einer Studentenparty seinen Kommilitonen Fran kennenlernt. Beide beschließen zügig eine Band zu gründen, starten als Straßenmusiker, finden Mitmusiker und durchleben alle Stadien einer typischen Bandentwicklung, wie es sie immer schon gegeben hat und immer geben wird. Fran ist der freakige extrovertierte Außenseitertyp, der im zurückhaltenden Rob seinen kreativen Gegenpol und besten Freund findet. Es gibt viele komödiantische Szenen in diesem Buch, die den Leser, vor allem durch Wortwitz und das kreative Spiel mit Sprache, schmunzeln lassen. Vor allem die Szenen, in denen Rob Streitgespräche mit seinem Vater nacherzählt, sind wahnsinnig komisch. Aber erzählt werden auch die ganzen Parallelentwicklungen im Zuge der Bandhistorie, das Auseinanderleben der Musiker, die ganzen kleinen und großen Ticks, die die Charaktere über die Jahre entwickeln, sich abgewöhnen oder daran festhalten. Die Übersetzung des Buches gefällt mir im Ausdruck sehr gut und macht „Die wilde Ballade vom lauten Leben“ zu einem sehr unterhaltsamen Zeitvertreib, nicht nur für Musiknerds. / Marko Fellmann

Joseph O´ Connor – Die wilde Ballade vom lauten Leben

Roman

Hardcover
Aus dem Englischen von Malte Krutzsch

Preis € (D) 22,99

ISBN: 978-3-10-002296-7

Interview: PISSE – Willkommen im Hypeland

Im Freistaat Sachsen neo-progressiven-pre-nrw-punk zu machen klingt reizvoll. Im Kreis Bautzen linke Inhalte als „Sachsenhass Tour 2012“ aufzuführen klingt mutig. Aber ausgerechnet in Hoyerswerda eine Band wie PISSE zu gründen, klingt einfach wie ein Aufschrei! Umgeben von Gräben und umzingelt von Feinden fanden sich die Beteiligten 2011 in dem 35.000-Seelen-Kaff, dass der geneigte Leser sicherlich immer noch mit den ausländerfeindlichen Anschlägen von 1991 assoziiert. PISSE sind drei bis vier junge Herren, die nicht weiter genannt sein wollen, sie alle heißen Ronny und mehr musst du nicht wissen! / Marko Fellmann

Willkommen im Hypeland! Die Kollegen von Linus Volkmann bis zur Spex und zum Ox sind sich einig in der Schwärmerei um euch als Band. Die Spex findet euren Dilettantismus „genial“ und Linus spricht gar von der „mit Abstand besten aktuellen Punkplatte“! Kalle Stille schrieb im Ox, er hätte sich „beim zweiten Durchhören eurer aktuellen LP wieder wie ein 15jähriger gefühlt“! Wie fühlt ihr euch momentan damit? Bestärken solche Komplimente eure Kreativität, oder hemmt so etwas dann den weiteren Prozess?

Keine Ahnung. Wer ist Linus Volkmann? Aber wenn die das alle so sagen, dann wird das wohl auch stimmen. Wir haben alle sehr kleine Pimmel und können auch sonst nichts. Da fühlt man sich natürlich gut, wenn jemand so was sagt. Außerdem haben wir alle Depressionen und außerdem ist uns eh alles egal. Was meinste denn mit weiterem Prozess? Man macht, was man macht und man kann sich da auch nichts von kaufen, dass ein paar Wessis mit Vollbärten gut finden, was man macht. Ist ja auch deren Job. Also die verdienen Geld damit! Denk ich jetzt mal zumindest… Das hat auch alles nichts mit unserer Realität zu tun. Können die ruhig gut finden.

Bezüglich eurer Bandkonstellation ist mir aufgefallen, das ihr eigentlich ein Trio seid – ich meine aber, auf Fotos im Internet vier Männer auf der Bühne gezählt zu haben. Stellt euch bitte einzeln vor! Bzw. gibt es noch mehr Leute, die bei Pisse aktiv waren/sind? Und wer ist Carmen Brähmig, die ihren Namen für eure E-Mail-Adresse hergibt?

Bist du bei der Stasi?

Nee, aber bei Facebook, das ist so ähnlich! Es gibt ja Bands, die sind auf jedem Internetportal zu finden und haben meist noch eine eigene Homepage, bzw. Domain. Wie steht´s um eure Internetpräsenz?

Alles in Planung. Fetter Online Shop, ´ne Spieleecke, Social Media, Pornos, Online Poker und 3D Drucker… volles Programm!

Eure erste 7“ „Praktikum in der Karibik“ wurde in recht kurzer Zeit nach gepresst, wenn ich richtig informiert bin, sogar 2x!? Wie habt ihr diese Entwicklung erlebt und um welche Auflagenstärke handelt es sich inzwischen?

Ja richtig. Drei Auflagen zu je 300 Stück. Macht 900 Platten. Finden wir natürlich total zum kotzen, das so viele Platten weggegangen sind. Wir wären gern noch 20 Jahre drauf sitzen geblieben…

Auch eure aktuelle LP „Mit Schinken in die Menopause“ ist schon bei einigen Labels/Onlineshops ausverkauft: letztendlich entwickelt sich diese Sache somit sicherlich um einiges größer, als ihr das erwartet habt!? Hat sich schon ein größeres Label gemeldet?

Der Name der Platte ist „mit Schinken DURCH die Menopause“, nicht „in die Menopause“. Du kennst die Zielgruppe dieses Blogs sicherlich besser als wir, aber meinst du wirklich, das die Leute das interessiert, welches Label das Veröffentlicht oder wie gut die sich verkauft? Ist schön, das es ein paar Leute gibt, die die Musik mögen. Aber man macht das doch nicht, weil man denkt, man verkauft viel davon. Da meldet sich auch kein größeres Label nur weil ein paar Leute irgendetwas auf Facebook schreiben. Die Leute die die Platte raus gebracht haben, machen das ganz gut. Auch gerade die ganze beschissene Arbeit, damit das Ding bei irgendwelchen Mailordern und Distros landet. Und falls ihr zu viel Geld habt und unsere Platte ist ausverkauft, kauft euch doch was von P.U.F.F. oder SAD NEUTRINO BITCHES!

Ich denke, die Leser fänden es ganz interessant, wenn ich dich noch mal nach der Bandbesetzung fragen würde?

Das mag ja sein, aber wir kennen die Leser ja auch nicht. Und die uns ja auch nicht, nur weil die jetzt wissen, wie unsere Vornamen sind. Einer spielt Schlagzeug, einer Theremin, einer Gitarre, einer Synthesizer und Keyboard. Wir heißen tatsächlich alle 4 Ronny mit Vornamen. Wirklich!

Ihr habt schon mit ´nem Haufen anderer Bands gespielt und auch Live gute Rezensionen erhalten. Welche Entwicklung traut ihr euch beim Booking insgesamt zu, bzw. habt ihr vor, ausgiebig zu touren?

Entwicklung beim Booking? Keine Ahnung wie du das meinst, aber meistens fragt uns jemand ob wir irgendwo spielen wollen und wenn der Ort okay ist und die Leute und die anderen Bands und wir Zeit haben, dann spielen wir dort halt. Manchmal fragen viele Leute zur gleichen Zeit, dann kann man ´ne Tour draus machen. So wie es grad´ aussieht diesen Oktober…also ´ne Tour. Mal sehen…

Also, als Entwicklung beim Booking könnte man ja mindestens schon mal das Konzert am 22.08.2015 mit SCHWULE NUTTENBULLEN und DIE SÄULEN DES KOSMOS interpretieren, oder? Das wird in Köln das Gebäude 9 sein, das ist doch schon mal eine ganz andere Größenordnung, oder?

Ach nö. War genau so. Da fragt einer, ob wir spielen wollen. Und dann gucken wir ob wir Lust und Zeit haben. Wir spielen ja nicht in irgendwelchen Kellerlöchern damit uns mal jemand für ´ne große Bühne entdeckt, sondern weil wir selber gern in Kellerlöchern rum hängen und sich die Arschlochdichte dort meistens relativ in Grenzen hält. Außerdem ist mir persönlich jeder Ort an dem es ne Backpfeifenandrohung gibt für´s Fotografieren immer noch lieber als ein Konzert vor 200 Leuten mit Smartphones in der Hand. Wir agieren ja auch nicht im luftleeren Raum sondern innerhalb einer DIY-HC/Punk Szene. Das geht weit über Musik hinaus und ist außerdem ein weltweites Phänomen. Man kann wirklich froh sein, das es in dieser beschissenen Welt diese ganzen Orte und Projekte gibt und die ganzen Leute, die sich dafür den Arsch aufreißen… Umso krasser, das sich dann irgendwelche Musikmagazine oder was weiß ich was für Leute dafür interessieren, was du machst. Die Grenzen scheinen ja eh grad´ zu zerfließen und alles ist irgendwie hip und underground. Da pickt sich jeder seine Rosine Underground-Image heraus und übrig bleibt ein konturenloser Brei. Das politische Bewusstsein, etwas ändern zu wollen, bleibt auf der Strecke. Alle machen einen schönen Spagat zwischen Karriere hier und Abfuck dort. Die Verwertungslogik hat sich in jeden beschissenen Winkel unseres Lebens gefressen. Die Generation „Soliparty“ hat sich hier im wahrscheinlich sichersten Land der Erde in die Depression gefeiert und draußen ersaufen die Menschen im Mittelmeer. Syrien, der ganze nahe Osten, Ukraine, Afrika…alles im Arsch. In ganz Europa marschieren neue Rechte… Griechenland und so weiter und so fort…alles im Arsch…. und wir kaufen uns Second-Hand-Schuhe für 100€ und spülen unsere vegane Pizza mit handgemachter Fairtrade-Rhabarberpisse in den Hals. Hut ab, aber was das mit dem Gebäude 9 in Köln zu tun hat, weiß ich jetzt auch nicht…

Ich würde tippen, ihr entwickelt immer erst den Instrumentaltrack, bevor da drüber gesungen wird. Lieg´ ich falsch? Wie geht ihr beim Songwriting vor?

Wir treffen uns im Proberaum und spielen! Manchmal hat jemand vorher ´ne Idee. Keine Ahnung, am Ende kommt halt ein Lied raus. Manchmal gibt’s den Text vorher, manchmal die Musik. Ist jetzt keine Wissenschaft.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Brezel Göring und Francoise Cactus von STEREO TOTAL?

Einfach so. Hat sich so ergeben. Wir haben Brezel gefragt, der hat ja gesagt, wir haben´s aufgenommen. Irgendjemand muss das ja aufnehmen. Brezel kann das ganz gut. Wir würden dir ja auch gern ´ne spektakuläre Geschichte erzählen, aber es gibt leider keine.

Hat Brezel als Produzent noch kreativ eingreifen können, bzw. sollen? War er schon vorab mit dem Material vertraut? Wie gingen die Aufnahmen vonstatten? Wo sind die produktionstechnischen Unterschiede zur Single?

Man geht irgendwo hin, spielt seine Musik in Mikrophone rein. Dann werden die verschiedenen Spuren die man aufgenommen hat zu einer zusammen gemischt. Dazu gibt es Geräte und man braucht jemanden, der diese bedient. Brezel hat diese Geräte und der kann die auch bedienen. Von daher hat es sich angeboten, das dort aufzunehmen. Ich gehe jetzt mal davon aus, das er irgend etwas von uns schon mal gehört haben muss, sonnst wäre er ja schön blöd seine Zeit damit zu verschwenden. Die 7 Inch hat unser Kumpel Dirk von der Band KAIRO aufgenommen. Der hat auch Mikrophone und so und kann das ganz gut.

Wo du sie gerade erwähnst: außerdem habt ihr eine Split-10“ mit den befreundeten Bands KAIRO und DIKLOUD über Mamma Leone Records veröffentlicht. Hab´ ich das richtig verstanden: ist das euer Label, also von allen beteiligten Bands?

Wir waren mit beiden Bands auf Tour und haben dafür diese Platte gemacht. Wir haben uns gegenseitig gecovert und jeweils ein eigenes Lied drauf gemacht. Das war im April 2013. Dafür haben wir, also die Bands, besagtes Label gegründet, auf dem in der Folge ein Album von KAIRO erschien, die erste Pressung der Pisse 7 Inch und ein Album von DIKLOUD. Das ist auch eher ein Freundeskreis als ein klassisches Label, das einen homogenen Musikgeschmack bedient. Da wird auch noch mehr kommen in diesem Jahr… Und da solche Interviews ja dazu da sind, das ihr euer Heft füllen könnt und wir für was auch immer Werbung machen können: im Gegenzug erwähne ich auch gleich noch den „Verboten in Deutschland“-Sampler vom gleichnamigen Label. Da sind zwei, drei sehr gute Bands drauf!

Wer das gern möchte, kann sich eure Musik gegen Spende ab 0€ bei Bandcamp runter laden. Gibt es auch Leute, die anstatt 0€ ein paar Euros spenden?

Gibt´s! Vielleicht kaufen wir uns von den Internetmillion bald eigene Verstärker und Kabel, dann sind wir ´ne richtige Band!

aktuelles bandfoto1

Aktuelles Album: https://pisse.bandcamp.com/album/mit-schinken-durch-die-menopause

Homepage: http://pisse.blogsport.de/

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